Als Bismarck das Bier verleumdete

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Seit der Einführung einer Brausteuer 1819 in Preußen war es ein beharrliches Projekt des preußischen und dann deutschen Staates, die Besteuerung für Bier zu erhöhen. Entsprechende Versuche 1869, 1875, 1879, 1880, 1881 und 1892/3 wurden jeweils vom Reichstag zurückgeschlagen, wobei die Deutsche Fortschrittspartei und die Deutsch-Freisinnige Partei in erster Front bei der Verteidigung des Gerstensaftes standen. In der Debatte am 11. Januar 1893 zog sich dabei der Deutsch-Freisinnige Max Broemel eine Zurechtweisung durch den Vizepräsidenten des Reichstags zu, als er das Bier gegen seine Feinde verteidigte:

Das Bier soll Steuerobjekt sein, nicht die Bierproduzenten und nicht die Schankwirthe. Diese ganze Steuerpolitik macht eigentlich den Eindruck: man greift nach einem Artikel und erklärt: er kann mehr bluten —, und dann greift man nach einem Menschen, den man für einen genügend anrüchigen Patron hält, und erklärt: der Kerl muß zahlen. Das ist keine Steuerpolitik mehr, die mit all den ruhigen, besonnenen Erwägungen rechnet, welche sonst bei der Vertheurung eines großen Konsumartikels durch Steuern angestellt werden, das ist eine Steuerpolitik, die blind zugreift, um jemandem die Tasche zu leeren, das streift viel mehr an eine steuerpolitische Wegelagerei als eine staatsmännische Finanzpolitik . . .

(Glocke.)

Vizepräsident Dr. Baumbach: Ich muß den Herrn Redner hier doch unterbrechen. Ich glaube, daß der Ausdruck „eine steuerpolitische Wegelagerei“ kaum als ein parlamentarischer bezeichnet werden kann.

Abgeordneter Broemel: Meine Herren, ich lege keinen Werth auf den einzelnen Ausdruck, denn die Sache spricht für sich selbst.

Und als dann eine Anhebung der Brausteuer 1895 wieder aufs Tapet kam, fertigte Eugen Richter sie am 23. März 1895 mit den Worten ab:

Bange machen gilt nicht! Und wenn die Biersteuer wieder ihr Haupt erheben wird, so hoffe ich, daß sie dann ebenso glänzend auf den Kopf geschlagen wird wie bisher.

Wie man an den Daten ersehen kann, war besonders von 1879 und 1881 eine heiße Phase, in der von Staatswegen die Brausteuer erhöht werden sollte. Hintergrund hierfür war die wirtschaftspolitische Wende Bismarcks hin zu einem staatssozialistischen System, das für die vielen neuen Staatsaufgaben genauso viele neue Steuern benötigte.

Im Mythos um diese Wende wird der Reichskanzler als von tiefer Sorge um das Los der ärmeren Klassen getrieben dargestellt. Tatsächlich ging es aber darum, direkte Steuern für Wohlhabende als indirekte Steuern auf die Verbrauchsgüter der breiten Masse überzuwälzen. Regelrecht albern wurde es, als Bismarck am 28. März 1881 in einer Rede gleichzeitig die Erhöhung der Brausteuer begründen und sein Mitgefühl für den „armen Mann“ paradieren wollte. In Antwort auf den Vertreter der Liberalen Vereinigung, Eduard Lasker, führte der Reichskanzler aus:

Wenn er [Eduard Lasker] bei den Getränken nur den Branntwein und nicht in gleicher Höhe das Bier akzentuirt hat, so kann ich darin nicht mit ihm gehen. Bisher ist das Bier in der Besteuerung wesentlich im Rückstande gegen Branntwein und meines Erachtens sollte das Bier verhältnißmäßig höher besteuert sein als der Branntwein, denn es ist vergleichsweise das Getränk einer schon mehr wohlhabenden Klasse, der Branntwein aber ist das Getränk des berühmten armen Mannes,

(Heiterkeit)

den der Herr Vorredner weit ins Feld geführt hat, und es ist der Branntwein ein Getränk, welches der Arbeiter nicht immer entbehren kann. Ich weiß nicht, ob der Herr Vorredner Gelegenheit gehabt hat, öfter unter harter körperlicher Anstrengung bei schlechtem Wetter mehrere Stunden lang im Freien sich energisch zu bewegen

(Heiterkeit)

und wenn harte Winde über die Ebene streichen, ich glaube, dann würde er mir zugeben, daß der Branntwein von Demjenigen, der auf solcher harter Arbeit gewesen ist, weniger leicht entbehrt werden kann, als das Bier. Ich habe nie gefunden, daß der Arbeiter bei der Arbeit, wenn sie schwer wurde, mit bayerischem Biere sich erholte, einmal weil er es nicht hatte — es ist das Getränk des Wohlhabenden im Vergleich mit ihm — und zweitens hilft es ihm nicht nach Bedarf. Auch wenn der Herr Vorredner es je persönlich versucht hätte, bei heißem Wetter ein Schwadt auf einer Wiese auch nur einmal zehn Schritt lang zu mähen,

(Heiterkeit)

dann würde er, glaube ich, auch einen tüchtigen Schluck Branntwein, wie der Arbeiter ihn nimmt, wenn er dieselbe Leistung hundertfach in einem Tage macht, nicht verachten. Dort hilft das bayerische Bier nicht, das Bier macht im Gegentheil träge, anstatt die Nerven anzureizen; es hat außerdem den Fehler, vom nationalökonomischen Standpunkt: es ist ein Zeittödter, es wird bei uns Deutschen mit wenig so viel Zeit todtgeschlagen wie mit dem Biertrinken.

(Heiterkeit.)

Wer beim Frühschoppen sitzt oder beim Abendschoppen und gar noch dazu raucht und Zeitungen liest, hält sich voll ausreichend beschäftigt und geht mit gutem Gewissen nach Haus, in dem Bewußtsein, das Seinige geleistet zu haben.

(Heiterkeit.)

Branntwein hat in keiner Weise diese Wirkung, und lassen Sie den arbeitenden Mann wählen zwischen Wein, Bier und Branntwein, so wird er den Wein von Haus aus zurückschieben, er ist an dieses Getränk hier zu Lande nicht gewöhnt. Das Bier, wenn es nicht zu bitter ist, namentlich das etwas moussirende, dünne, durstlöschende, wie es unter verschiedenen Namen geht, wird bei körperlicher Arbeit mit großer Dankbarkeit angenommen und getrunken werden. Das angebliche bayerische Bier aber macht ihn müde, schwer, namentlich in der Gestalt, in der es fast überall da zu Tage kommt, wo die Surrogate nicht, wie in der ausgezeichneten bayerischen Gesetzgebung, absolut und bei Strafe verboten sind.

Wie schon aus der Belustigung des Reichstags erhellt, fiel niemand auf die Heuchelei herein, das Bier als angebliches Luxusgetränk höher besteuern zu wollen. Postwendend stellte das Satireblatt „Berliner Wespen“ in seiner nächsten Ausgabe die Preisfrage:

Bismarck sagt: „Das Bier macht dumm.“  Wie viel Bier muß der getrunken haben, der das glaubt?“

Und dann deckten die „Berliner Wespen“ weitere Übel auf:

Sonstige schädliche Eigenschaften des Biers.

Zu unserm Leidwesen hat der Reichskanzler in der Debatte über die Brausteuer, als er die Fehler des Bieres, deretwegen dasselbe stärker bluten müsse, aufzählte, gerade die Hauptlaster dieses Getränkes vergessen. Im Interesse der Volkswohlfahrt beeilen wir uns, dieselben nachträglich namhaft zu machen.

Zu den schlimmsten Eigenschaften des Bieres gehört die, daß es fast niemals zu haben ist, wenn man seiner am Dringendsten bedarf. Der Nordpolfahrer, wenn er zwischen den Treibeisblöcken herumschifft, der Afrikareisende, der in der Wüste verschmachtet, sehnen sich vergeblich nach einigen Seideln Bier vom Faß. Eine Substanz, welche die Niederträchtigkeit besitzt, sich gerade da zurückzuziehen, wo die Sehnsucht nach ihr am Lebhaftesten ist, verdient, mit den höchsten Steuern bestraft zu werden.

Daß das Bier Gift ist, mag leider auch nicht bekannt genug sein. Nur wenig Menschen sind im Stande, den Genuß desselben mehr als achtzig Jahre auszuhalten.

Bereits mehrfach ist es vorgekommen, daß ein Bierfaß beim Auf- oder Abladen dem Fuhrmann auf die Beine gefallen ist und dieselben arg beschädigt hat. Diese Leute, die nachher als Krüppel umhergehen, sind lebendige Zeugen für die Schädlichkeit des Bieres.

Viele Abgeordnete gehen nur darum zu den parlamentarischen Soireen des Reichskanzlers, weil es daselbst gutes Bier giebt. Auf diesen Soireen aber sind sie den allergrößten Gefahren ausgesetzt, sie können sich zu verderblichen Compromissen verleiten lassen, der Frack kann ihnen durch daraufgegossene Flüssigkeiten verdorben werden, Tyras [Bismarcks Hund, auch als „Reichshund“ bekannt] kann sie beißen. Für all dieses Unglück muß das Bier verantwortlich gemacht werden, und somit kann die Brausteuer, die das Bier für seine zahllosen Sünden züchtigen soll, gar nicht hoch genug normirt werden.

Und am 27. April 1881 gab es dann noch einen Nachschlag von den „Berliner Wespen“:

Bismarck: König Gambrinus, „die weite Verbreitung des Bieres ist zu beklagen, es macht dumm und faul! Ein guter Kornbranntwein wäre vorzuziehen.“

 

Siehe auch: Artikel „Bierbesteuerung/Brausteuer“ aus dem 8. Politischen ABC-Buch von Eugen Richter, 1896

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