Vor den Concurrenzentwürfen für das Liebig-Denkmal

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Berliner Wespen, 12. Juli 1878

Aesthetiker. Da haben wir wieder einmal die Folgen der wahnsinnigen modern-realen Richtung. Man sehe diesen Entwurf von Leopold Rau; dieser Rock, den Liebig trägt, scheint soeben aus dem Atelier von Louis Landsberger oder Fäßkessel hervorgegangen zu sein; ein wahres Wunder, daß dieser Concurrenzler dem großen Forscher nicht auch noch einen Chapeau claque, eine Cigarrenspitze mit Mopskopf und ein Monocle verliehen hat. Ich frage, kann Liebig auch nur anders gedacht werden, als nackt, höchstens mit einer Retorte bekleidet? Schäme dich, Jahrhundert!

Chemiker I. Ich habe den Eindruck, als wenn die Herren Concurrenten rein vergessen hätten, um was es sich eigentlich handelt. Das Fleischextract, welches doch offenbar die Hauptsache ist, scheint für diese Bildhauer gar nicht erfunden worden zu sein. Da ist einzig und allein Paul Otto, welcher ein Paar Ochsen am Sockel angebracht hat. Man denke: mehr als ein Dutzend Liebig’s und nur zwei Ochsen, wo doch allein in Fray Bentos, Uruguay, jährlich an siebzehn Millionen Kilo Rindfleisch nach Liebigschem Recept extrahirt werden. Dieses schreiende Mißverhältniß macht die ganze Ausstellung von vornherein für einen denkenden Menschen ganz unmöglich.

Cavallerieofficier. Warum keine Reiterstatue? Wenn ich schon einen Ochsen modellire, warum nicht den Chemiker selbst rittlings hinauf? Wo liegt da Sinn und Verstand, Helden als Fußgänger zu meißeln, wenn Reitthier zur Verfügung steht!

Mutter. Nein, diese lieblichen Kindergestalten! Kein anderer wie ein Pfuhl darf den ersten Preis bekommen! Wie sinnig hat er hier ausgedrückt, daß Liebig nicht nur ein großer Gelehrter, sondern auch ein Kinderfreund war, so müssen Liebigs Kinder ausgesehen haben, wenn er welche gehabt hat, was ich gar nicht bezweifle. Sehen Sie sich nur die beiden jungen Liebigs an!

Chemiker II. Verzeihen Sie, meine Gnädigste, diese beiden Kinder bedeuten nach der Absicht des Bildhauers Chloroform und Chloral. Das Chloroform, CHCl3 wurde 1831 von Liebig entdeckt und ist eine mit Wasser nicht mischbare Flüssigkeit von dem specifischen Gewichte eins Komma fünfzig, welche bei 61 Grad siedet und mit Weingeist, Aether und Oelen in allen Verhältnissen mischbar ist, wie dies aus dem Kindskopf zur Linken bis zur Evidenz hervorgeht, während das Kind zur Rechten etwas phlegmatischer gehalten ist, weil das Chloral erst bei 92 Grad in’s Sieden geräth. —

Backfisch. Mama, was bedeutet denn an der Statue von Rau die Sphinx? Kann man denn aus Sphinxen auch Fleischextract machen?

Enthusiast. Wunderbar ergreifend finde ich die Idee von Reinhold Vegas, an seinem Entwurfe zwei Knaben anzubringen, von denen der eine mit einem Kürbis, der andere mit einem Kohlkopf spielt. Diese Spielsachen sind für mich die Apotheose des Gemüses, das Hohelied des Nährstoffes. Wenn dieser Kohlkopf erst in Ueberlebensgröße aus dem Marmor herausgemeißelt hervortreten wird . . .

Spötter. Wo denken sie hin! Es wird ja eine Statue in Erz; Liebig hat sich ja selbst stets auf’s Eifrigste für Gießen ausgesprochen.

Socialdemokrat. Erz oder Marmor, daß ist einerlei; es ist zwar richtig, er war ein Wohlthäter des Volkes, ein Ernährer der Hungrigen, ein Muskelstärker der Schwachen, aber er war auch Zunftprofessor, er war auch Freiherr, und solchen Leuten Statuen setzen, noch dazu zwei auf einmal, heißt den Feudalbegriff in Permanenz . . .

(Schluß des Blattes.)

Siehe auch: Ernährung aus der Welt anstatt “aus der Region”

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