Die Aufregung von Herrn Benesch

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Wir haben keine Ahnung, wer Alexander Benesch ist. Wir sind nur auf einen Artikel von ihm mit dem Titel „Die explodierenden Sicherheitskosten und der Absturz des Lebensstandards beim Wegfall der Republik“ gestoßen, der von Ilja Schmelzer kritisiert wird. An dem Artikel und der Kritik von Ilja Schmelzer würden wir gerne unsererseits Kritik üben wollen.

Beginnen wir in diesem Post mit Herrn Benesch:

In seinem Artikel geht es um den Versuch, eine anarchokapitalistische Position zu widerlegen. Wie der Begriff „Privatrechtsgesellschaft“ andeutet, scheint das Wissen von Herrn Benesch eher von Hoppe zu stammen. Daß er sich mit anderen, und wie wir meinen wesentlich gescheiteren Vertretern der Richtung, etwa David Friedman, Bryan Caplan, Michael Huemer oder Stefan Blankertz, befaßt haben könnte, war uns nicht offensichtlich. Wir wollen uns aber auch gar nicht auf die volle Diskussion hier einlassen, bei der wir durchaus auch ein paar Punkte hätten.

Hingegen beschränken wir uns auf Beneschs Versuch, eine anarchokapitalistische Position zu widerlegen, indem er sich gegen offene Grenzen wendet. Offene Grenzen sind nicht nur unter anarchokapitalistischen Vorzeichen denkbar, sodaß wir zur allgemeineren Frage keine Stellung beziehen müssen. Was droht nun laut Herrn Benesch bei offenen Grenzen?

Er meint:

Bei Abschaffung der Republik auf deutschem Boden gäbe es einen unermesslichen Zustrom an Einwanderern aus aller Welt. Wie soll ohne Republik und kontrollierte Zuwanderung verhindert werden, dass in wenigen Wochen 5 Millionen Rumänen zuwandern, 15 Millionen Moslems, weitere 30 Millionen Afrikaner und nochmal 30 Millionen Asiaten? Soll ich mich damit trösten, dass marktwirtschaftliche Prinzipien irgendwann den überquellenden Moloch auf ehemaligem deutschen Gebiet unattraktiver machen und der irre Zustrom vielleicht bei 200 Millionen Einwanderern nachlässt?

Wie ist er nun zu dieser Einschätzung gekommen? Wir wissen es nicht, und er gibt uns auch keine Hinweise.

Zunächst würden wir auf ein gewisses logistisches Problem bei seinem Szenario hinweisen wollen. So schnell könnten die betreffenden Menschen ja eigentlich nur per Flugzeug einreisen. Nehmen wir einmal ein Flugzeug zu 500 Personen, so wären dies für die von Herrn Benesch prognostizierten 80 Millionen Menschen schlappe 160.000 Flüge.

Nun haben wir beim Durchstöbern der Listen für den Frankfurter Flughafen, dem größten in Deutschland, gefunden, daß pro Tag nur jeweils zwei bis drei Flüge aus Peking, Neu Delhi, Rio de Janeiro anlangen und ein paar anderen Ausgangspunkten, von denen Menschen nach Benescher Ansicht in Scharen kämen. Wir haben uns das nicht alles bis ins letzte angeschaut, würden aber die Schätzung wagen, daß es vielleicht höchstens 20 bis 30 solcher Flüge gibt. Nehmen wir ein paar andere Flughäfen hinzu, sowie Möglichkeiten über Zwischenstationen zu reisen, so mögen es vielleicht auch 100 Flüge deutschlandweit sein.

Wir wissen nicht, wie viele „wenige“ Wochen sind, würden aber mal generös zehn des Argumentes halber spendieren. Dann hätten wir schon 7.000 Flüge beisammen. Das reicht irgendwie aber nicht ganz. Es fehlen noch 153.000. Wo die herkommen sollen, müßte uns Herr Benesch noch erklären. Daß er sich von dem Zustrom überfordert fühlt, mag sein. Aber das liegt vielleicht eher daran, daß seine Fantasie etwas durchgeht.

Was könnte man denn unter offenen Grenzen erwarten?

Nach einer weltweiten Umfrage von Gallup, erhoben zwischen 2008 und 2010, gibt es etwa 630 Millionen Menschen (14% der Bevölkerung), die weltweit überlegen auszuwandern. Wohlgemerkt sind das nicht Menschen, die auf gepackten Koffern sitzen, sondern die eine Auswanderung nur ins Auge gefaßt haben. Über das kommende Jahr wollen etwa 48 Millionen von ihnen den Schritt wirklich tun (8% der an Auswanderung Interessierten). Konkrete Schritte haben aber nur ein Teil ergriffen, nämlich 19 Millionen.

Unter offenen Grenzen könnte das natürlich höher ausfallen. Wenn man sich vergegenwärtigt, daß z. B. an der Spitze der deutschen Emigration im 19. Jahrhundert im Jahre 1881 nur 0,5% der Bevölkerung auswanderten und auch sonst eine Zahl von etwa 1,5% pro Jahr eher hoch greift, stellt man fest, daß die Zahlen nicht erheblich höher ausfallen sollten. 1% von 6 Milliarden Menschen in Entwicklungsländern würde etwa 60 Millionen Auswanderern pro Jahr entsprechen. Das reicht auch wieder nicht, schon gar nicht für eine Einwanderung innerhalb von wenigen Wochen.

Doch würden diese Auswanderungswilligen denn überhaupt nach Deutschland kommen wollen? Da gibt es für Deutsche eine Enttäuschung. Laut Gallup im Jahre 2009 haben nur etwa 25 Millionen weltweit Deutschland überhaupt als ihr Ziel ins Auge gefaßt. Nimmt man wieder 8% davon überschlägig als diejenigen, die im nächsten Jahr kommen möchten, so ergibt das etwa 2 Millionen Menschen.

Wie schlimm wäre ein solcher „überquellender Moloch“ nun wirklich? Tatsächlich wanderten 2012 etwa eine Million Menschen nach Deutschland ein, mehr als eine halbe Million aus. Hinzu kommen jährlich mehr als eine Million Inländer, die zwischen den Bundesländern hin- und herzogen. Wir haben keine Zahlen gefunden, wieviele Inländer innerhalb der Bundesländer umziehen, vermuten aber, daß es sich dabei um eine Zahl durchaus in einer ähnlichen Größenordnung handelt. Mit anderen Worten: Ströme von zwei bis drei Millionen pro Jahr sind durchaus normal und führen nach unserer Beobachtung zu keinen dramatischen Problemen.

Nun wäre nach obigem zu erwarten, daß die Einwanderung von etwa einer Million auf zwei Millionen anwachsen würde. Auch wenn Herr Benesch nicht daran denkt: die meisten würden vermutlich unter offenen Grenzen aus Richtung Rußland, Weißrußland und der Ukraine kommen, was die logistischen Probleme etwas entschärft. Afrikaner und Asiaten sind hierzulande eher selten und es gibt damit wenige Anlaufstellen für Einwanderer aus dieser Richtung. Sie denken üblicherweise auch weniger an Deutschland als Ziel allein schon aus sprachlichen Gründen, die den französisch- oder englischsprachigen Raum gefälliger erscheinen lassen. Ob ein solcher Anstieg nun wirklich als ein „überquellender Moloch“ treffend bezeichnet ist, da möchten wir unsere Zweifel doch anmelden.

Im Übrigen sehen wir als schnellste Umsetzung von offenen Grenzen höchstens eine allmähliche Lockerung auf europäischer Ebene über einen längeren Zeitraum, sodaß die Befürchtungen von Herrn Benesch noch mehr aus der Luft gegriffen wären. Er will aber zugestandenermaßen auch eine anarchokapitalistische Position kritisieren, für die das nicht gelten müßte.

Nun macht sich Herr Benesch über die Folgen Gedanken. In Anbetracht der vermutlich wesentlich niedrigeren Zahlen würden wir ihm ein „ruhig“ zurufen wollen. Er schreibt also:

Dieser unkontrollierte Strom würde die Sicherheitskosten des einzelnen in die Höhe treiben weil es einfach mehr Leute gibt die Ärger machen können und weil jeder eine andere Sprache spricht und völlig andere Vorstellung von angemessenem Verhalten hat. Private Sicherheitsdienstleister bräuchten teure Dolmetscher für alles.

Wir übergehen aufgrund unseres engeren Ziels den Teil, der sich auf private Sicherheitsdienstleister bezieht. Natürlich würden auch staatliche Stellen etwas kosten. Sie bräuchten gerade so „teure Dolmetscher“, die allerdings auch nur so viel verdienen, wie andere Leute mit einer etwas gehobeneren Qualifikation. Aber der Vorwurf trifft ja nicht nur eine anarchokapitalistische Position, sondern auch eine allgemeinere für offene Grenzen.

Zuerst einmal ist es nicht sinnvoll, auf die Anzahl zu schauen. Wenn Herr Benesch weniger Kosten haben möchte, weil es absolut weniger Verbrechen gibt, würden wir ihm vorschlagen, in die Karibik auszuwandern, wo es einige kleine Inseln gibt, die zwar eine höhere Mordrate, aber wegen der kleineren Bevölkerung absolut wenige Opfer haben. Das kann doch wohl nicht gemeint sein.

Gemeint sein müssen die Kosten pro Kopf der Bevölkerung. Und solange die Einwanderer Steuern zahlen, bezahlen sie auch für die zusätzliche Polizei, die notwendig ist. Man kann natürlich darauf verweisen, daß die Einwanderer häufiger kriminell seien und deshalb höhere Kosten mit ihren Steuern finanzieren müßten. Nur ist das nicht richtig.

Zudem hat die Bereitstellung von Sicherheit gewisse Skaleneffekte. Wenn in Ihrem Viertel jede Stunde eine Streife vorbeifährt, hat das auf Verbrecher dieselbe Wirkung, ob dort ein paar mehr Leute wohnen oder nicht. Wenn es aber mehr Leute sind, die dort wohnen, dann sinken die Kosten pro Kopf. Da die marginalen Kosten in diesem Fall eher bei null liegen, die zusätzlichen Bewohner aber zusätzliche Steuern beitragen, entlasten sie sogar die bisherigen Bewohner. Natürlich skalieren nicht alle Funktionen einer Polizei so mit. Daß aber mit steigender Bevölkerung überproportional mehr Polizei aufgebaut werden müßte, leuchtet uns auf Anhieb nicht ein. Von Herrn Benesch haben wir kein Argument dafür.

Wir überschlagen die Befürchtungen wegen ins Bodenlose sinkender Löhne, die nur dürftig begründet werden und unseres Erachtens falsch oder mindestens maßlos überzogen sind, weil das im Moment nicht unser Thema ist. Aus der falschen Voraussetzung ergibt sich nun der folgende Schluß:

Der Deutsche muss dann marktwirtschaftlich konkurrieren mit den Horden an Billiglohn-Zuwanderern und verliert erheblich an Lebensstandard, trotzdem bleiben die Kosten für die Versicherung bei den privaten Justiz/Polizeifirmen hoch. Der Anteil der Sicherheitskosten am Budget des Bürgers kann alle möglichen Höhen erreichen. Möchten sie 50% ihres Magerlohns abdrücken an die Sicherheitsfirma?

Ein solches Argument würde ja auch auf Kosten bei staatlicher Bereitstellung bei offenen Grenzen zutreffen. Es mag sein, daß Herr Benesch ein paar gut belegte Argumente in der Hinterhand hat. Aber auf den ersten Blick und mit der Dramatisierung der Einwandererzahlen im Hinterkopf würden wir vermuten, daß die Behauptungen einfach herbeigeklaubt sind. Es war ja noch gar nicht gezeigt, daß die Kosten hoch sind und deshalb bleiben.

Komisch fanden wir dann den Schluß, daß die „Sicherheitskosten am Budget des Bürgers […] alle möglichen Höhen erreichen“ können. Das ist in der Allgemeinheit genauso unwiderlegbar wie inhaltsleer. Doch wie kann man von einer so vagen Aussage dann im nächsten Schritt auf „50% ihres Magerlohns“ schließen? Wieso nicht gleich auf 1000% oder 1 Million%? Das wäre ja noch beeindruckender.

Wir belassen es dabei. Leider konnte Herr Benesch kein Argument aufmachen, bei dem wir uns anstrengen mußten. Wir denken, daß das besser geht, und so haben wir seinen Artikel leider nur als Sprungbrett für unsere Anmerkungen nutzen können.

In einem weiteren Post wenden wir uns dann der Kritik von Ilja Schmelzer zu. Um es vorwegzunehmen, haben wir mit dieser von der Stringenz ihrer Folgerungen weniger Probleme. Wir würden nur ein paar Anmerkungen machen und Fragen stellen wollen, wo Ilja Schmelzer unseres Erachtens vielleicht durch die vorgelegten Horrorszenarien angeregt nicht unbedingt das beste Argument trifft.

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