Rettet die Sozialdemokratie!

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Eugen Richter am 9. Mai 1877 im Wahlverein der Fortschrittspartei im 6. Berliner Reichstagwahlkreis [aus: Die Fortschrittspartei und die Sozial-Demokratie, Seite 12 sowie Seite 8-9]:

„Ja, m[eine]. H[erren]., es ist wahr, wenn es nicht unmoralisch wäre, so würde ich, wenn ich Minister wäre, mir immer meine 15 Sozialdemokraten mindestens im Reichstage halten (Große Heiterkeit). Sie schaden durch ihr ungeschicktes Vorgehen der Opposition überhaupt, drängen durch ihre Uebertreibungen Alles der Regierung zu, nöthigen die Fortschrittspartei, statt nur gegen Rechts zu kämpfen, die Kräfte nach Rechts und Links zu zersplittern. Ich würde mir in der That dazu meine 15 Sozialdemokraten halten und ließe sie gern, wie Herrn von Schweitzer, frei umhergehen, damit Niemand die Sache merkt (Große Heiterkeit).“

„M[eine]. H[erren].! Was leisten denn diese Leute im Reichstage? Gestatten Sie mir doch einmal, darüber ein offenes Wort zu Ihnen zu sprechen. Wenn diese Leute vor ihren Wählern erscheinen, vor Volksversammlungen, dann sollte man meinen, sie reißen im Reichstage Bäume aus der Erde, sie stürzen Alles über den Haufen, sie verrichten die größten Dinge. M. H., ich habe ehrliche Arbeiter schaarenweise zu Anfang dieser Session in den Reichstag kommen sehen. Sie drängten sich auf die Tribünen, sie hatten so viel gehört von den Leuten, sie wollten endlich die großen Dinge sehen, die ihnen in allen diesen Versammlungen versprochen waren. Die Herren Sozialdemokraten waren im Anfang überhaupt nicht da, als die Arbeiter kamen, um ihre Thaten zu sehen; kaum, daß Einer da war, der die Arbeiter auf die Tribünen führen konnte, wo sie in den ersten Tagen noch blieben, aber bald verschwanden. Sie (die sozialistischen Abgeordneten) waren in der ersten Zeit vor Ostern überhaupt wenig auf dem Platz, weil sie entweder auf Agitationsreisen sich außerhalb befanden, oder weil sie ihre Geschäfte auf andere Weise betrieben. M. H., wir haben über das Budget gesprochen, wir haben über neue Steuern gesprochen, es ist geredet worden über Invalidenversorgung, über Militärverhältnisse, über Steuerreform, über alle diese Dinge, über die jene Herren auch vor ihren Wählern geredet haben; sie waren nicht zur Stelle, oder sie schwiegen. M. H., wir haben damals eine arbeitsschwere Zeit durchgemacht; es wäre wirklich am Platze gewesen, ein Abgeordnetenschutzgesetz zu machen, das auch für uns den Normal-Arbeitstag einführte, das vor Nachtarbeit und Sonntagsarbeit geschützt hätte, namentlich in den anstrengenden Kommissions-Sitzungen (Heiterkeit.) Ein Sozialdemokrat hat gegen uns ein äußerst bequemes Leben; am liebsten fährt er während des Reichstages auf der Eisenbahn; erscheint er, so hält er mitunter eine Rede, — es ist freilich immer dieselbe. (Große Heiterkeit.)“

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Richter SozGes klein 4

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