Klimakatastrophe 1878

Dieser Artikel wurde 1748 mal gelesen.

Berliner Gerichtszeitung, 10. August 1878

Rückgang des Rhonegletschers. Der Rhonegletscher geht zurück und in einer Weise, die Denjenigen, die von dem Rhonegletscher leben, den Hoteliers in Gletsch, den Gletscherführern, den Saumpferd-Vermiethern etc. geradezu Schrecken einflößt. Vor einer Reihe von Jahren erstreckte sich der Rhonegletscher von der Paßhöhe der Furka hernieder bis dicht vor das Gletscherhotel. Heute hat man von dem Gletscherhause reichlich 30 Minuten gehen, um an seine Grenze zu gelangen; in so starkem Maaße ist der Gletscher, dem der Rhonestrom entspringt, zusammengeschmolzen. Doch das ist nicht Alles. Seit einigen Jahren hat der Alpenclub, um die Rückgänge genau feststellen zu lassen, im Frühjahr eines jeden Jahres mit einer langen Reihe schwarzer Steine die Grenze markiren lassen, bis zu der sich der Rhonegletscher in das Thal herniederstreckte. Die Steinreihe von 1874 ist heute bereits etwa fünfzehnhundert Fuß von der Stelle entfernt, an der jetzt eine Galerie in das Gletschereis hineingehauen ist, durch welche die Fremden denselben betreten können. Seit 1877 beträgt der Rückgang mindestens 200 Fuß, ja, seit diesem Frühjahr, d. h. also seit man angefangen hat, die Galerie für dieses Jahr in das Eis hineinzubrechen,  — dieselbe muß natürlich jedes Jahr von Neuem hergestellt werden, da sie in jedem Winter zufriert, — beträgt das Zurückweichen des Gletschers 50 bis 60 Fuß, und das ist in einem Zeitraume von ungefähr vier bis sechs Wochen geschehen! Das untere Thal der Rhone ist in Folge dessen von dem Geroll, das der Gletscher mit sich geführt hat, vollkommen erfüllt, und die Fläche, von der der Rhone-Gletscher zurückgewichen ist, gleicht einer vollkommenen Trümmerstätte. Die Erscheinung eine starken Gletscher-Rückgangs ist eine so auffällige, daß sie zu eingehenden wissenschaftlichen Untersuchungen geführt hat, die vor wenigen Wochen vorgenommen sind. Das Ergebniß derselben ist dem „H. C.“ zufolge gewesen, daß der Gletscher zwar im Thale allerdings zurückgeht, dafür aber oben in der Höhe an Mächtigkeit zunimmt, so daß eine merkliche Wandlung von unten nach oben zu bemerken ist. Es finden von wissenschaftlicher Seite genaue Messungen und Untersuchungen noch in den nächsten Wochen Statt, doch glaubt man schon vorweg des Ergebnisses sicher zu sein, daß nur eben so viel der Gletscher im Thale zusammengeschmolzen ist, als er in der Höhe gewachsen sein wird.

Siehe auch:

Dieser Beitrag wurde unter 1878, Geschichte, Schweiz, Umwelt, Wissenschaft veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar