Ein Urtheil und eine Warnung

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Allgemeine Zeitung des Judenthums, 13. August 1878

Bonn, 7. August.

Ein Urtheil und eine Warnung. An einem Abende kurz vor dem Wahltage zum deutschen Reichstage fand in Breslau eine höchst zahlreich besuchte Wählerversammlung statt. Das Wort hatte der Candidat der vereinigten liberalen Parteien und Conservativen, Herr Commerzienrath Molinari. Derselbe erklärte:

„Lasker besitzt durchaus nicht den dominirenden Einfluß. in der Partei, der ihm zugeschrieben wird. Ich habe von dem jetzt so häufig erwähnten Fractions-Terrorismus, speciell von einer Lasker’schen Tyrannei in der Fraction während meiner Mitgliedschaft nichts merken können und nicht darunter zu leiden gehabt. Nur in einer Beziehung nehme ich das Wort an, insofern, als Lasker damit als ein politischer Stern erster Größe gekennzeichnet wird. Denn nur Sterne erster Größe können sich den Luxus von Satelliten gewähren. Wenn ich selbst Lasker’s Stellung in der Fraction kennzeichnen sollte, so würde ich ihn daß personisicirte politische Gewissen unserer Partei nennen, auf welchem kein Flecken und Makel ruht.

Und nun, meine Herren, woher stammt der lang angesammelte Groll und Unmuth, der sich so vielseitig auf Lasker richtet? Warum ladet man gerade auf seine Schultern all’ die vermeintlichen Sünden unserer ganzen Partei?

Meine Herren! Wenn ich die Frage beantworten soll, so komme ich, durch wunderliche Erscheinungen der Neuzeit gelenkt, zu einem für den Standpunkt unserer Gesittung bedenklichen Schluß:

Man greift Lasker nur heraus und greift ihn fort und fort so heftig an, weil er ein Jude und ein hervorragender Jude ist, der vielen durch seine Befähigung recht unbequem wird.

Meine Herren! Haben wir nicht genug mit dem unseligen Culturkampfe, welcher die Bürger eines Landes in verschiedene Lager theilt? Stehen wir nicht an der Schwelle eines viel schwereren und erbitterten Kampfes mit einer Secte von Irrlehrern, welche uns einen andern Theil unseres Volkes verführen und abwendig machen wollen? Sollen wir noch in einen dritten Bruderzwist hineingetrieben werden? Meine Herren! Sollte es denn denkbar sein, daß in dem Lande, in welchem vor mehr als hundert Jahren schon ein Lessing lebte und dort das unvergängliche Evangelium des confessionellen Friedens schrieb, welches wir in Nathan dem Weisen als kostbaren Hausschatz besitzen, noch ein feindlicher Gegensatz aus confessionellen Gründen gegen unsere jüdischen Mitbürger bestehen oder neu angefacht werden kann?

Meine Herren! Das wäre ein Rückschritt, das wäre ein Rückfall in die Zeit des finstersten Mittelalters. Meine Herren! Wer die Hand zu solchem Werke bietet, der erwirbt sich keine Verdienste um das Vaterland.“ —

Allerdings ist nichts auffallender, als die wirkliche Hetze, welche alle antiliberalen Parteien und an ihrer Spitze sämmtliche officielle oder mit der Staatsregierung in Verbindung zu stehen vorgebende Organe, zu welchen sich eine ganze Reihe von Blättern und Blättchen gesellte, die in der jüngsten Zeit eine Schwenkung nach rechts vorgenommen, gegen Lasker angestellt haben. Auch andere Führer der national-liberalen Partei, wie Bennigsen, Stauffenberg, Forckenbeck wurden mit Angriffen und Schmähungen bedacht. Nichts glich aber der Wuth gegen Lasker, und, was bezeichnend, gegen Bamberger. Und doch waren es diese beiden, welche unter den Führern ihrer Partei auch nicht am Entferntesten daran dachten, in die Staatsregierung einzutreten, als Fürst Bismarck mit den erst genannten drei Abgeordneten über einen solchen Eintritt verhandelte. Herr Molinari hat daher den eigentlichen Grund dieses schändlichen Feldzuges gegen Lasker richtig bezeichnet, wenn man auch umgekehrt sagen kann, daß die Gegner gerade den Juden an Lasker immer und immer wieder betonten, weil sie damit bei dem deutschen Volke einen Eindruck zu machen glaubten, und wiederum die ganze national-liberale Partei an ihrem Credit zu schädigen hofften, indem sie dieselbe als unter der Herrschaft eines Juden stehend darstellten. Wir haben über diese schimpfliche Seite der deutschen Wahlbewegung bis jetzt kein Wort verloren, weil wir eben Herrn Lasker in seiner Eigenschaft als Jude nicht vertheidigen, sondern dies vorurtheilslosen Christen überlassen wollten, an deren zahlreichen Vorhandensein zu zweifeln wir uns nicht entschließen können. Nun, diese Hoffnung ist allerdings nur in sehr geringem Maße in Erfüllung gegangen, und selbst die bedeutendsten national-liberalen Blätter schwiegen über diesen unwürdigen Kampf gegen eine so hervorragende Persönlichkeit und einen so intacten Charakter. Entweder meint man, daß es in Deutschland einen so außerordentlichen Reichthum an fähigen Politikern und reinen Charakteren gebe, daß es auf einen mehr oder weniger im Reichstage gar nicht ankomme — — oder aber man kann eben auch in den Reihen der Liberalen die Antipathie gegen die Juden nicht los werden, und nimmt lieber den Verlust auf sich, als die Vertheidigung eines solchen, um seine Thätigkeit dem Vaterlande zu erhalten! . . . Die Worte des Herrn Molinari über diese Vorgänge waren uns deshalb um so willkommener.

Allein dieser Theil der Rede des Breslauer Abgeordneten macht für uns doch nicht den Hauptwerth derselben aus. Der zweite Theil ist uns der wichtigere. Er warnt das deutsche Reich, den Culturkampf in seinem Schoße durch einen neuen zu vermehren, durch einen Kampf der Intoleranz und des Hasses gegen die Juden. Sei es nicht genug an dem confessionellen Streite zwischen der katholischen Kirche und dem Staat? Nicht genug an dem stürmischen Kampfe gegen die Socialdemokratie? Nicht genug an dem Alles zerwühlendens Hader der Interessen auf dem gewerblichen Gebiete? Will man noch eine Verfolgung einer so friedlichen und patriotischen Bürgerclasse, wie die Juden sind, provociren? Dies ist es, was Molinari seinen Zuhörern zuruft. Irrthümlich wäre es nur, wenn man voraussetzte, daß wir erst im Anfange solcher Provocationen ständen. Im Gegentheil haben wir vielleicht den heftigsten Theil derselben schon hinter uns; die Furchen sind längst gezogen, die Saat längst ausgestreut, und diese bereits üppig emporgeschossen. Es kommt deshalb nur darauf an, der weiteren Pflege dieser giftigen Pflanzung entgegenzutreten, und dem deutschen Volke ins Bewußtsein zu bringen, daß es mit dieser Judenverfolgung auch nur in seinen eigenen Eingeweiden wühle, die Zerrissenheit in seinem Innern, die schon groß genug ist, befördere und so unhaltbare Zustände schaffe, daß über kurz oder lang dem Bestande des deutschen Reiches Schaden und Gefahr in unwiderbringlicher Weise bereitet werden. Wir haben dies vor Kurzem in den Artikeln: „Der Classenkampf in Deutschland“ (Nr. 24 flg.) nachdrücklich ausgesprochen. Wir zeichneten daselbst den Classen- und Kastengeist, der, wie es scheint, unverwüstlich im deutschen Volke obwaltet. Wir exemplificirten ihn an dem Verhalten gegen die Juden. Wir sagten u. A.: „Man hat auch in Deutschland, weil man nach den verfassungsmäßigen Grundsätzen nicht anders konnte, den Juden bürgerliche und staatsbürgerliche Gleichstellung gegeben Man hat aber nicht aufgehört, sie als eine besondere Classe oder Kaste anzusehen, zu behandeln, zu bedrohen, zu verdächtigen und offen auszusprechen, sie bei der ersten Möglichkeit wieder als Kaste auszuschließen. Vergebens haben die Juden theoretisch und practisch nachgewiesen, daß sie außer ihrem Cultus und einigen Wohlthätigkeitsanstalten tgar keine besonderen und gemeinsamen Angelegenheiten haben, daß sie mit ganzem Herzen und Vermögen dem Volke angehören, haben sich auf alle Gebiete des Lebens, die geistigen wie materiellen, verpflanzt und in alle Kreise des öffentlichen und des bürgerlichen Lebens sich versenkt. Es hilft ihnen Alles nichts; sie werden immer wieder zurückgestoßen und von der Tagespresse an bis zu wissenschaftlichen Werken hinauf als eine besondere Classe oder Kaste bezeichnet. Und dies geschieht nicht etwa der Confession wegen, denn zahllose confessionslose Leute machen sich derselben Ungerechtigkeit schuldig.“ — Auch in anderen Ländern, in England, Frankreich und Italien hat man von den Vorurtheilen gegen die Juden sich nicht völlig frei gemacht. Aber der Unterschied ist, daß es hier irgend welcher bedeutenden Gelegenheit bedarf, um jene Vorurtheile zum Vorschein kommen zu lassen; in England z. B. des Kampfes der Gladstonianer gegen die türkenfreundliche Politik der dortigen Regierung, in Frankreich der Streitfrage um die Naturalisation der eingeborenen Israeliten in Algerien u. dgl. In Deutschland jedoch bedarf es keiner ungewöhnlichen und gewöhnlichen Veranlassung; Alles und Alles bietet der schriftstellerischen Welt die Veranlassung dar, die Juden herbeizuziehen und auf sie loszuschlagen. Die deutschen Literaten, mögen sie sich in das Gewand der Wissenschaft oder der Tagespresse, des Pathos oder der Komik, der Geschichte oder der Reisebeschreibung, der Kunst oder der Carricatur kleiden — ehe man es sich versieht, haben sie die Juden herbeigezerrt und gießen ihre Galle über sie aus. Man öffne irgend ein Buch, irgend eine Zeitung und man wird dies stündlich bewahrheitet finden Es ist dies geradezu eine nationale Untugend, eine nationale Gewohnheit geworden, von welcher selbst der vorauszusetzende Ekel an immer wiederholten Phrasen, an einem unablässig vorgeführten Gegenstande nicht zurückschreckt; es ist eine nationale Krankheit geworden, deren Heilung wir nicht absehen können, weil der Kranke sich immer wieder dem Uebel überläßt, wie dies bei anderen Gewohnheitslastern auch der Fall ist. Vergebens sehen wir uns danach um, eine Erklärung dieses Unheils zu finden. Es ist unmöglich, die Ursache in irgend welcher Bedeutung der Juden in Deutschland herauszubringen. Die halbe Million Deutscher, welche das Judenthum bekennen, kann doch umnöglich den anderen 41 Millionen Deutschen gefährlich oder selbst nur lästig sein — achtzig gegen eins! Selbstverständlich müssen deshalb die Gegner übertreiben und lügen. Die Juden sollen die Presse und das Capital beherrschen. Die Unwahrheit ist oft genug nachgewiesen worden; es ist der allerkleinste Theil des Nationalbesitzes, des Nationalreichthums, der sich in den Händen der Juden befindet; ein höchst geringer Bruchtheil der Preßerzeugnisse geht aus jüdischer Feder hervor. Man sucht daher nach einem anderen, weniger faßbaren Motive. Man sagt, das deutsche Volk nehme nicht die Tugenden, sondern die Fehler der jüdischen Race an. So Etwas läßt sich leichter hinschreiben als erweisen. Aber bedenken diese Scribler nicht, daß sie hiermit dem deutschen Volke viel mehr Schmach an thun, als den Juden? daß sie die große deutsche Nation für unfähig erklären, Tugenden anzunehmen, aber für stets bereit, Fehler und Laster sich anzueignen? Hier ringt die Unwahrheit mit dem Unpatriotismus um die Palme! Jedoch wir wollen diese Ausgeburten verblendeten Hasses nicht weiterh verfolgen. Wir kehren zu der Warnung zurück, die Herr Molinari den Deutschen zuruft. In der That gehört die ganze Friedfertigkeit der Juden, ihre in so vielen Jahrhunderten erwiesene Fähigkeit zum Dulden, ihre jeder feindseligen Gesinnung abgewendete Volksseele dazu, um nicht bei so unaufhörlichen Invectiven, bei einer so unermüdlich thätigen Verlästerung nicht selbst von gehässigen Empfindungen ergriffen, und dem deutschen nationalen Gefühle entfremdet zu werden. Doch hoffen wir, daß dies niemals geschehen wird! So wenig wir voraussetzen, daß das warnende Wort des einsichtsvollen Abgeordneten eine bleibende Wirkung haben werde, ebenso gewiß sind wir, daß in den Deutschen jüdischer Religion die Vaterlandsliebe niemals erlöschen, ja sich nicht einmal abschwächen werde!

Anmerkungen

  • Leo Molinari (1827-1907) war 1877 zum Abgeordneten für Breslau-Ost gewählt worden. Er geht nun in die Stichwahl gegen den Sozialdemokraten Klaas Peter Reinders, dem er unterliegen wird.
  • Der Gebrauch des Begriffes „liberal“ ist uneinheitlich in der Zeit. Zum einen bezeichnet man damit gemeinsam die Nationalliberalen und die Fortschrittspartei als Teile einer schon eher fiktiven „großen liberalen Partei“. Zum anderen werden auch so nur die Nationalliberalen genannt. Die Fortschrittspartei würde dann als fortschrittlich, demokratisch und eher seltener als radikal angesprochen werden. Die „Allgemeine Zeitung des Judenthums“ steht, bei aller angestrebten Unparteilichkeit, wie wohl viele Juden um die Zeit den Nationalliberalen nahe. Richtig wird hier gesehen, daß bei den Nationalliberalen auch antisemitische Tendenzen vorhanden sind. Im folgenden Jahr wird sich hier besonders Heinrich von Treitschke vom rechten Flügel profilieren. Die Haltung der Partei ist oft eher unentschieden, auch wenn sich einige der schärfsten Kritiker des Antisemitismus in ihren Reihen finden, wie etwa Heinrich Rickert oder Theodor Mommsen.
  • Die Strategie Bismarcks im Wahlkampf 1878 ist es, die Spaltung in einen rechten und für ihn willfährigen sowie einen linken und hoffnungslosen Flügel voranzutreiben. Den Führer der Partei Eduard Lasker oder auch Ludwig Bamberger als Juden anzugreifen, erweist sich dabei als praktisches Hilfsmittel, da beide dem linken Flügel angehören.

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