Die Christlich-Sozialen unter ferner liefen

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Allgemeine Zeitung des Judenthums, 13. August 1878

Berlin, 31. Juli. (Privatmitth.) Die gestern vollzogenen Wahlen zum Reichstage enthalten vieles Lehrreiche. Sie zeigen, daß in Berlin der Fortschritt noch in sehr großer Mehrheit die vorwaltende politische Gesinnung ist, daß diese der allerdings in der Hauptstadt stark vertretenen Socialdemokratie die Spitze bietet, die Conservativen hingegen nur einen sehr geringen Antheil am allgemeinen Stimmrecht der Residenz haben. Aus einem Sitze sind die Socialdemokraten allhier bereits verdrängt, in dem anderen haben sie es nur bis zu einer Stichwahl gebracht. Sind die Resultate der Conservativen hier kläglich, so fallen die sog. Christlich-Socialen der Lächerlichkeit anheim. Der Hofprediger Stöcker hat es auf 717, der Maler Bernstorf auf 277 und der Schneider Grüneberg auf 317 gebracht. Wie groß ihre Gemeinden außerhalb Berlins sind, sieht man daraus, daß Stocker, der sich auch im Landkreis Cöln aufstellen ließ, dort wirkliche 20 Stimmen erlangt hat. Nur in Aachen-Stadt brachte es ein gewisser Brauer zu 864 Stimmen und in Siegen der Hofprediger Kögel zu 207. Dies wird wohl die ganze Garde sein. Die Nationalzeitung bemerkt: „Ob diese jüngste Partei dem Berliner mehr lächerlich oder mehr verächtlich erschienen sein mag, wagen wir nicht zu entscheiden.“ Dabei setzt die „deutsche Volkswacht“, von der Sie als dem Organe dieser Partei bereits gesprochen haben, ihre judengehässigen Artikel munter fort. Jüngst verlangte sie der Alliance israélite gegenüber einen antijüdischen Verein zu bilden, der zwei Wege verfolge: 1) Man wähle keinen Juden in die Gesetzgebung mehr und rekrutire die deutsche Nationalvertretung nicht durch Repräsentanten jüdischer Weltanschauungen (d. h. man wähle keine Liberalen, sondern christlich-sociale Abgeordnete!); 2) man revidire unsre Gesetzbücher, deren Lückenhaftigkeit den straflosen Verbrechern, wie solche in unsrer verjüdeten Gesellschaft gang und gäbe geworden sind, nur Vorschub leistet, (Herr Stocker giebt nicht an, welche Verbrecher dies sind, wahrscheinlich Jedermann, der nicht zu seiner Fahne schwören will! Die christlich-socialen Männer glaubten hiermit gewiß die beste Taktik zu verfolgen, um sich einen recht großen Anhang zu verschaffen. Nun, sie haben gestern Gelegenheit gehabt, ihre ganze Schaar zu mustern, und zu erkennen, daß Berlin noch lange kein Rumänien ist. Wann aber wird, während die Socialdemokratie niedergetreten werden soll, die Protection solcher verrotteten Parteigänger aufhören, welche doch offenbar auch nicht den geringsten Einfluß auf das Volk besitzen, aller wahrhaften Kultur jedoch ins Gesicht schlagen und neben Blödsinn nur Haß predigen?! Bezeichnend ist es, daß im 4. Wahlbezirk, wo eine Stichwahl zwischen dem Fottschrittler Zelle und dem Socialdemokraten Fritzsche statt finden wird, die Christlich-Socialen für den Socialdemokraten stimmen werden!! Mehr braucht man nicht. — Nach den bis heute eingelaufenen Nachrichten sind Lasker, Bamberger und Wolfson wieder gewählt.

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