Reinliches Geschäft

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Berliner Wespen, 16. August 1878

Reinliches Geschäft

Wählst Du Meinen, so wähl‘ ich Deinen. Eine Hand wäscht die andere.

Allgemeine Zeitung des Judenthums, 27. August 1878

Berlin, 10 August. (Privatmitth.) Die ultramontane Presse fährt unermüdlich fort, gegen die Juden zu Felde zu ziehen, um das Vorurtheil des Volkes gegen sie zu nähren und den Zwiespalt zwischen den Confessionen immer stärker zu machen. Sie will ihre gläubige Heerde mit einem Wüstengürtel von Haß und Verachtung gegen alle Andersgläubige, Protestanten und Juden, umgeben, damit jede Annäherung auch in Leben und Verkehr verhindert und nebenbei der Bestand des deutschen Reiches unterwühlt werde. Gelingt dies immer mehr, was können an solchem Baume noch für Früchte zu Gunsten des ultramontanen Seckels und Gaumens zu erzielen sein! Von der äußersten Süd-Grenze des Reiches bis zu den Küsten des Baltischen Meeres wird dieses Spiel getrieben, und so liegt uns z. B. die „Saarzeitung“ in mehreren Nummern vor, in welchen sie die katholische Bevölkerung des Saarkreises gegen die Juden aufzuhetzen sucht. Der wackere Cultusbeamte der isr. Gemeinde in Saarlouis, L. Wolff, nahm den Kampf auf, und das „Saarlouiser Journal“ und die „St. Johanner Zeitung“ öffneten ihm ihre Spalten bereitwillig, um dem ultramontanen Gifte entgegenzuwirken Um so weniger ist es uns zu verdenken, wenn wir diese Partei in ihrem Thun und Lassen beobachten und auch unsrerseits nicht unterlassen, ihr Thun und Treiben zu charakterisiren. Bei den jüngsten Wahlen und Stichwahlen sind in Bayern und in der Rheinprovinz die Ultramontanen und die Socialdemokraten in ein Bündnis; getreten, gegenseitig ihren Candidaten zum Siege zu verhelfen. So siegte in München der ultramontane Candidat durch die Socialdemokraten, und in Elberfeld der Socialdemokrat durch die Ultramontanen. Es ist dies keine Beschuldigung, sondern Thatsache, die sich auch an anderen Orten verwirklicht hat. Mehr braucht man gar nicht zu sagen Männer, welche die Grundlagen nicht blos des Staates und der Gesellschaft, sondern auch des Christenthums und der Religion überhaupt aufs Offenste und Entschiedenste verneinen und bekämpfen, werden durch diejenigen auf den Schild erhoben, die für die Religion und Kirche ins Feld zu ziehen und ihre ganze Existenz von Religion und Kirche erfüllt vorgeben! Dies kann nur die Folge eines blinden Hasses sein, einer unseligen Feindschaft gegen den bestehenden Staat, der durchaus unterwühlt und gestürzt werden soll! Wie können aber noch die Ultramontanen die Fechheit haben, den Juden den Patriotismus abzusprechen und sie als „Fremde“ zu bezeichnen? Wenn sie befähigt sind, zur Vertretung des deutschen Volkes in den mit gesetzgeberischer Gewalt ausgerüsteten Reichstag durch ihr Votum Socialdemotraten zu senden, die nichts als den Ruin des Vaterlandes und des Staates und zwar auf gewaltsame Weise planen, so erweisen sie sich selbst nur als jedes patriotischen Gefühles baar, und verdienen den Ehrennamen „Deutsche“ nicht!

Siehe auch: Das Wahlergebnis

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