Der staatsgefährliche Classiker

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Berliner Wespen, 6. September 1878

(Scene im Bundesrath.)

Der Vorsitzende. Meine Herren! Wir kommen, nachdem wir heute bereits über die „Berliner Freie Presse“ und den Leipziger „Vorwärts“ den Garaus verhängt haben, zum zweiten Punkte unserer Tagesordnung. Es gilt, einen Schriftsteller unschädlich zu machen, der sein Unwesen im Reiche bereits allzulange getrieben und, wie so bald kein Anderer, die gesellschaftliche Ordnung untergraben hat. Sie errathen, von wem ich spreche. Friedrich Schiller muß abgeschafft werden!

Die übrigen Stimmen außer Hessen und Reuß älterer Linie. Sehr richtig! .

Sächsisches Mitglied. Ich wiederhole: Sehr richtigl Es dürfte nur die Frage entstehen, ob wir den ganzen Schiller abschaffen, oder ob wir einen Theil seiner Werke unbeanstandet weiter drucken und lesen lassen wollen. Ueber die Verwerflichkeit seiner zum großen Theil aufrührerischen und volksvergiftenden Dramen werden sich unter uns wohl keine besonderen Meinungsdifferenzen erheben. Hingegen glaube ich doch, daß unter Anderm seine Gedichte fürs Erste der Censur noch keine Bedenken einflößen können. Nehmen wir z. B. das bekannte: „Willst Du nicht das Lämmlein hüten?“

Württembergisches Mitglied. Die Existenz dieses einen allenfalls unverfänglichen Gedichtes beweist nichts gegen die staatsfeindliche Tendenz so vieler anderer, und auch in diesem Falle bleibt es fraglich, ob der Dichter das Recht hat, sein Publikum von unsteten und offenbar gesellschaftsfeindlichen Ideen zugänglichen Geistern zu unterhalten, die sich nicht einmal so viel bürgerliche Ruhe bewahrt haben, um das Lämmlein zu hüten.

Anhaltsches Mitglied. Und die Heerde zu locken.

Lippesches Mitglied. Und der Blümlein zu warten.

Preußisches Mitglied. Sie sehen uns erstaunt, meine Herren. Wir hatten allerdings nicht geglaubt, daß über die Qualität der Schillerschen Gedichte auch nur eine Discussion möglich wäre. Ein Mann, der sich nicht entblödet hat, unter den Vorgeben, einen Glockenguß zu besingen, das verwerfliche Treiben eines communistischen Kleinmeisters zu glorificiren, ein Mann, der die Stirn besessen hat . . . .

Reußisches Mitglied älterer Linie. Verzeihen Sie, das Lied von der Glocke ist ein didaktisches Poem, welches zu den edelsten Schöpfungen des Dichtergenius zählt!

Preußisches Mitglied. Das mag den Reußern älterer Linie so vorkommen. Wir fassen die Sache ernster auf, uns erscheint zunächst ein Handwerker durchaus nicht harmlos, der bei der Arbeit, und noch dazu bei der an sich so indifferenten Verrichtung des Glockenmachens so ungeheuer viel redet. Leute, die bei ihrem Proletarierwerk so viele Betrachtungen und noch dazu in Versen anstellen, sind unter allen Umständen verdächtig.

Hessisches Mitglied. Sie sind im Irrthum Gerade dieser Meister ist ja der Träger der loyalsten Gesinnungen. Wie schön sagt er gleich im Anfange: „Von der Stirne heiß rinnen muß der Schweiß, soll das Werk den Meister loben.“

Preußisches Mitglied. Da liegt es ja eben. In diesem auffälligen Sichberufen auf den Schweiß der Arbeiter manifestirt sich die Berechnung des Agitators. Daß bei der Arbeit transpirirt wird, ist so selbstverständlich, daß es der Meister nicht hätte in so ostensiver Weise zu betonen brauchen. Wenn er es dennoch thut, so liegt dem offenbar das Bestreben zu Grunde, aus dem Arbeiterschweiß Capital für die socialdemokratische Propaganda zu schlagen.

Baierisches Mitglied. Noch auffälliger erscheint mir der Passus, mit welchem der Meister seine Spießgesellen bald darauf haranguirt. Er sagt da wörtlich: „Nehmet Holz vom Fichtenstamme!“ Es scheint somit, daß er seine Leute zu Knüppelhelden à la Tölcke heranzubilden beabsichtigt.

Braunschweigisches Mitglied. Oder ist es nicht deutlich genug, wenn er hinterdrein kühnlich behauptet: ,“Wohl, die Massen sind im Fluß“ mit dem erschwerenden Zusatze: „Weiße Blasen seh’ ich springen“, womit er die von revolutionären Ideen inficirten und in Gährung versetzten Volksmassen bezeichnet, welche sich der mit weißen Blasen, id est Schwielen, bedeckten Fäuste zum Kampfe gegen Recht und Ordnung bedienen!

Die Hanseaten. Welch’ ein Abgrund!

Reußisches Mitglied älterer Linie. Ich versichere Ihnen, daß diese Auslegungen grundfalsch sind. Sie fassen Alles das, was Schiller wörtlich genommen wissen will, figürlich auf. Ich schwöre Ihnen, daß dieser Meister von den lautersten Gesinnungen durchdrungen war.

Preußisches Mitglied. Das kennt man! Bei diesen Dichtern ist Nichts wörtlich, sondern Alles allegorisch zu nehmen. So will Schiller nicht gerad’ heraus sagen, wie lange sich sein Redner in Wirklichkeit über das Thema der Arbeiterfrage verbreitet hat, sondern er setzt scheinbar ganz unbefangen die Worte hin: „Wie sich schon die Pfeifen bräunen“, woraus folgt, daß in diesem socialdemokratischen Beisammensein so lange geraucht wurde, bis die Tabakspfeifen sichtlich angeraucht waren, und hieraus ergiebt sich wieder für jeden Rauchverständigem daß sich die Gesellschaft mindestens vierzehn Stunden hintereinander rauchend verschworen hat.

Badisches Mitglied. Auch scheint aus dem Wortlaute der folgenden Strophen hervorzugehen, daß man es in diesen Leuten mit dem geheimen Redactionspersonal einer socialdemokratischen Zeitung zu thun habe. Wenn der Meister fragt: „Wird’s auch schön zu Tage kommen, daß es Fleiß und Kunst vergilt? Wenn der Guß mißlang? Wenn die Form zersprang?“ so kann er hierbei doch kaum was Anderes, als seinen nächsten Leitartikel und die Gefahr, daß die Drucker-Form bei der Clichirung, dem Gusse, entzwei gehen könnte, im Sinne gehabt haben.

Hessisches Mitglied. Fällt ihm ja gar nicht ein! Wie können Sie Schiller überhaupt solche Ideenverbindungen zutrauen, ihm, der in selbigem Gedichte von der heiligen Ordnung, der segensreichen Himmelstochter, singt, also an nichts weniger als an deren Untergrabung denkt!

Preußisches Mitglied. Und der gleich darauf sagt: „Die das Gleiche frei und leicht und freudig bindet!“ Einem Menschen, der es mit der Ordnung frei und leicht nimmt, ist Alles zuzutrauen!

Württembergisches Mitglied. Ebenso wie einem, der offen bekennt: „Winkt der Sterne Licht, ledig aller Pflicht.“ Wer sich seiner Pflicht entäußern zu können glaubt, sobald der Sterne Licht winkt, wird gar bald auch bei hellem Tage die wohlthätigen Fesseln, die ihm Zucht und Moral auferlegen, abschütteln zu dürfen glauben.

Mecklenburgisches Mitglied. Damit geht denn Hand in Hand, daß schließlich ganz ohne Umschweif verlangt wird: „Zur Eintracht, zum herzinnigen Vereine versammle sie die liebende Gemeine.“ Was von derartigen herzinnigen Vereinen, deren Programm durch das Vorangegangene mehr als entwickelt ist, zu halten, kann unmöglich zweifelhaft sein. Daß Schiller nicht einmal für nöthig findet, darauf aufmerksam zu machen, daß dieser Verein vorschriftsmäßig bei der Polizeibehörde anzumelden ist, kann nur als delictverschärfend in’s Gewicht fallen.

Die Hanseaten. Welch ein Abgrund!

Vorsitzender. Dem gegenüber erscheint es fast nicht mehr nöthig, darauf hinzuweisen, daß in dem ganzen Gedichte des Glocken-Klöppels auch nicht mit einer Silbe erwähnt wird. Die Glocke ist somit, was bei so vieler socialpolitischer Salbaderei gar nicht zu verwundern ist, nicht einmal fertig geworden, oder, was mir noch wahrscheinlicher ist, die Gesellen haben, als es an den Klöppel ging, die Arbeit eingestellt. Schiller macht sich also obendrein noch zum Panegyriker der Faulheit und des offenkundigen Strikes. Meine Herren, wir schreiten zur Abstimmung.

(Es wird mit allen gegen die Stimmen von Hessen und Reuß älterer Linie beschlossen, dem Reichstage ein Specialgesetz des Inhalts vorzulegen: Die Schillerschen Werke in allen vorfindlichen Exemplaren zu confisciren und die vorhandenen Platten und Formen Schillerschen Inhalts unbrauchbar zu machen.)

Zum Hintergrund ist bei Libera Media auch ein Buch mit den Reichstagsreden von Eugen Richter 1878 gegen das Sozialistengesetz erschienen. Neben einer ausführlichen Einleitung zum Hintergrund gibt es zahlreiche Erläuterungen zum Text und weiterführende Materialien. Da Buch ist erhältlich über Amazon (einfach auf das Bild klicken):

Richter SozGes klein 4

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