Rundschreiben Cogalniceano’s an die Vertreter Rumäniens im Auslande

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Berliner Wespen, 6. September 1878

Excellenz! Nachdem wir bereits so manche schwerwiegende Zugeständnisse auf dem Berliner Congreß gemacht haben, stehen wir jetzt vor der großen Schwierigkeit, der „Juden-Clausel“ im Lande Geltung zu verschaffen, ein Unternehmen, welches, wofern diese Clausel nicht durch den Willen der Mächte in einigen Punkten gemildert werden sollte, mit einer eclatanten Niederlage des Cabinets dem rumänischen Volke gegenüber endigen müßte.

Sie werden ersucht, der Regierung, bei welcher Sie beglaubigt sind, hierüber Vorstellungen zu machen und ihr zugleich zu eröffnen, bis zu welchem Grade wir zweifellos bereit sind, die Juden in unserm Lande zu emancipiren, aber auch zugleich die Grenzen anzugeben, über welche hinausgehend wir uns unfehlbar compromittiren würden.

1. Den Erwerb von Grundstücken betreffend. Wir erklären uns einverstanden damit, daß der rumänische Jude Grund und Boden erwerben darf. Wir können indeß vor der Hand noch nicht zugeben, daß der Erwerb von Grund und Boden seitens eines Israeliten auch den Besitz involvire.

2. Die Freizügigkeit betreffend. Wir haben nichts dagegen, daß sich der rumänische Jude überall im Lande niederlasse, wo es ihm behagt. Er wird sich nur stets zu vergegenwärtigen haben, daß er binnen 24 Stunden aus dem Orte seiner Wahl durch Polizeiverfügung hinausgewiesen werden kann.

3. Die Judenhetzen betreffend. Wir werden Jedermann verbieten, auf der Straße hinter einem Juden. „Nieder mit den Juden“ zu rufen. Wir können indeß einstweilen diesen Ausruf keinem Menschen verwehren, der auf der Straße vor einem Juden, oder hinter einer Jüdin hergeht, oder der sich dieses Ausdrucks nicht auf der Straße, sondern auf einem freien Platze oder auf einer Brücke etc. bedient.

4. Die bürgerlichen Rechte betreffend. Wir gestehen den Juden im Allgemeinen die bürgerlichen Rechte zu, die der Christ bei uns zu Lande genießt, behalten uns aber bis auf Weiteres über diejenigen Rechte, welche über das Recht der Steuerzahlung hinausgehen, besondere Bestimmungen vor.

5. Den Handel betreffend. Wir gestatten dem Juden, in Zukunft in seinem Laden zu verkaufen, was er will, und knüpfen nur die eine Bedingung daran, daß er denselben von Sonntag bis Freitag incl. geschlossen hält. Am Sabbath mag er ihn öffnen und ungestört Geschäfte machen.

6. Die Ausübung des Cultus betreffend. Wir garantiren den rumänischen Juden die ungestörte Ausübung des Gottesdienstes, falls sie nur die Vorsicht gebrauchen, sich vorher taufen zu lassen und den Gottesdienst nach dem Ritus der Landeskirche abzuhalten.

Wir bitten Sie, von diesen Paragraphen Sr. Excellenz dem Herrn Minister des Auswärtigen Mittheilung zu machen und ihm eine Abschrift derselben zu hinterlassen Empfangen Sie u. s. w.

Anmerkung

Auf dem Berliner Kongreß hatten die neuen Staaten auf Balkan als Bedingung für ihre Anerkennung durch die europäischen Mächte zugestehen müssen, daß sie die Religionsfreiheit und Gleichheit vor dem Gesetz gewähren, insbesondere auch für die jüdischen Untertanen. Allerdings wird etwa in Rumänien sofort versucht, die formale Garantie durch Einschränkungen wirkungslos zu machen.

Siehe auch: Die Gleichstellung und die Religionsfreiheit vor dem Congresse zu Berlin

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