Draußen

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Berliner Wespen, 13. September 1878

Prolog zur Eröffnung des Deutschen Reichstages.
Geschwiegen von Albert Traeger.

Altweibersommer! Und schon bräunen
Sich die Kastanien wunderbar,
Und fahren seh’ ich in die Scheunen
Die Erndte von der Bauern Schaar,
Ihr aber, meine Ex-Genossen,
Sitzt währenddeßz im dumpfen Saal,
Ein Parlament von Sisyphossen,
Getroffen von dem Fluch der Wahl!

Altweibersommer! Seine Fädchen
Zieht er geschäftig übers Feld,
Mit denen Jüngling er und Mädchen
Gar zauberisch umfangen hält,
Ihr aber, Ihr Erfolgsvertreter,
Verdonnert seid Ihr zum Arrest,
Bang, daß Euch früher oder später
Befreien wird der Wahlprotest!

Wenn ich, geschmückt mit meiner Zither,
Zu irgend einer Landpartie
Im Kremser, oder aber mit der
Potsdamer Bahn in’s Freie zieh’,
Könnt Ihr nicht mit, müßt Ihr im Hause,
Fern vom erquickenden Ozon,
Beim Gläschen Pilsner oder Brause,
Bekämpfen, die das Land bedroh’n!

Hier draußen, wo die Vöglein singen,
Vermiß‘ ich leicht der Rede Schwung,
Hier, wo ich seh’ den Hammel springen,
Verlach‘ ich Euren Hammelsprung
Hier, wo der Heerde Glöcklein läuten,
Nicht Forckenbecks mir trübt den Sinn:
Ich weiß nicht, was es soll bedeuten,
Daß ich so wenig traurig bin!

Habt Dank Ihr Wähler, die der schlimmen
Gefangenschaft Ihr mich entzogt
Und mit der Mehrheit Eurer Stimmen
In’s harte Joch den Gegner bogt.
Sonst säß’ ich heute, wo sie haben
Gefangen sich im Reichstagsnetz,
Und müßt‘ mit ihnen „untergraben“
Gratis und frustra das Gesetz.

Hoch, ich bin frei! Nicht den Tyrannen,
Den Ihr Gewählten häufig seht,
Brauch‘ ich zu seh’n: Für dies Verbannen
Wie preis’ ich Dich, Minorität!
Ihr müßt nun emsig debattiren
Im Saal, verschlossen wie hermet’sch,
Ich gehe, wo ich will, spazieren,
Ein freier deutscher Bürger! Aetsch!

Sitzung des Deutschen Reichstages. Die Mitglieder sind in großer Zahl erschienen und schütteln sich die Hände, bevor ihnen dieselben gebunden sein werden. Die Sitzung wird von Herrn von Bonin, dem ältesten unter den ältesten Leuten, welche sich eines solchen Reichstags nicht erinnern können, mit einem Hoch auf den Deutschen Kaiser eröffnet. Die Abgeordneten Bebel und Fritzsche haben den Saal wieder verlassen, der Abg. Liebknecht bleibt sitzen. Bei diesem einfachen Akt der Bildung und Erziehung zeigen sich schon die Schwierigkeiten, welche dieser Session bereitet werden. Denn wenn auch der Reichstag, um einige Socialdemokraten dauernd zu entfernen, fortwährende Hochs auf den Deutschen Kaiser ausbringen wollte, der Abg. Liebknecht würde dennoch nicht los zu werden sein.

Die Physiognomie des Hauses hat sich wenig verändert. Unter den Abgeordneten bemerkt man den Sohn des demselben „persönlich nahestehenden“ Reichskanzlers Grafen Wilhelm Bismarck. Derselbe setzt sich aus den Platz des nicht gewählten Hm. Reuleaux, dem der Reichstag diese Wilhelmspende verdankt.

Man schreitet zur Wahl der Präsidenten. Zum ersten wird nicht der Freiherr von Frankenstein, sondern von Forckenbeck, zum zweiten wieder nicht der Freiherr von Frankenstein, sondern von Stauffenberg gewählt. Der Freiherr von Frankenstein nimmt die Nichtwahl an, die beiden anderen Herren erklären sich gleichfalls zur Annahme der Wahl bereit. v. Forckenbeck votirt dem Alterspräsidenten für die Leitung der Verhandlungen einen Dank, dem die Mitglieder durch Erheben von den Sitzen Ausdruck geben. Da Herr v. Bonin noch im vorigen Jahrhundert geboren worden ist, so hätte es sich wohl geschickt, ihn auch zum Präsidenten dieses Reichstags zu machen. Aber noch einfacher würde sich die brennende Frage : Wer soll präsidiren? durch Aufstellung eines reitenden Schutzmanns und zweier Schutzmänner zu Fuß lösen lassen, welche wir hiemit für künftige ähnliche Sessionen vorzuschlagen uns erlauben.

Zum zweiten Vicepräsidenten wird Fürst Hohenlohe-Langenburg gewählt. Die Abgg. Reichensperger und Bebel werden durch Einstimmigkeit ausgezeichnet, während die Abgg. v. Frankenstein und Sonnemann noch eine Stimme mehr erhalten.

Eingegangen ist der Gesetzentwurf, dem die heutige letzte Seite der Berliner Wespen ihr Entstehen verdankt.

Nächste Sitzung: Nr. 38 der Berliner Wespen.

Hintergrund

Am 9. September 1878 wird der neue Reichstag eröffnet. Diesem gehört nicht mehr Albert Traeger von der Fortschrittspartei an, einem bekannten Dichter. Er hatte bis dahin den Wahlkreis Gera, Schleiz vertreten.

Der Bericht beschäftigt sich dann hauptsächlich mit den verwickelten Abstimmungen zur Besetzung der Präsidenten- und Vizepräsidentenposten des Reichstags.

Siehe auch:

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