Vom Treitschke

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Berliner Wespen, 13. September 1878

Die Loslösung des Abg. Treitschke vom rechten Flügel der nationalliberalen und dessen völliger Uebertritt zum linken Flügel der conservativen Partei scheint sich nunmehr in Kürze vollziehen zu sollen. Unser Gewährsmann schreibt uns hierüber:

Ich traf den berühmten Abgeordneten kürzlich im Restaurant und fragte ihn, wie weit er mit der Verlegung seines Schwerpunkts wäre. „Ach“, antwortete er mir, „ich weiß kaum selbst noch, woran ich bin; ich bin ganz uneins mit mir selber, ein Theil meiner Ueberzeugungen drängt mich nach rechts, ein anderer Theil nach links, kurzum, ich habe mich gespalten.“ Da er meine Verwunderung bemerkte, fuhr er fort: „Wenn sich eine Fraction spalten kann, warum soll sich nicht auch einmal ein einzelner Abgeordneter spalten können? So wie Sie mich hier sehen, gehöre ich bereits der Regierung mit meiner rechten Haut und meinen rechten Haaren, während ich auf der linken Hälfte noch gut liberal bin!“ Auf meine Frage, ob er für Amendirung des Socialistengesetzes sei, erwiederte er: „Hier haben Sie meine rechte Hand darauf, daß ich für das Gesetz ohne jede Veränderung stimmen, und hier gebe ich Ihnen meine linke Hand darauf, daß ich mir das vorher noch sehr reiflich überlegen werde.“ Meine Interpellation, wann er sich definitiv mit den Conservativen verbünden werde, beantwortete er dahin, dass er dies thun wolle, sobald er mit dem linken Auge ebenso schwarz in die Zukunft sehen sollte, wie mit dem rechten, oder sobald ihm der Schreck über die socialistischen Ausschreitungen ebenso stark in sein linkes Bein führe, wie in sein rechtes.

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