Welche Rolle würden Gated Communities spielen?

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Wir haben auf dem Blog einige Fortsetzungen offenstehen, die wir vollmundig mit einem Post „Teil 1“ begonnen haben. Hier nun einmal auch ein „Teil 2“. Angefangen hatte es mit unserer Kritik an einem Artikel eines gewissen Herrn Benesch, der ein wildes Szenario von offenen Grenzen ausgemalt hatte: Die Aufregung von Herrn Benesch.

Ihm hatte Ilja Schmelzer widersprochen: Wird Sicherheit teurer in der Anarchie? Auch wenn wir seine Gegenrede im Großen und Ganzen für überzeugend halten, fanden wir doch etwas, das wir kritisieren würden. Es ist weniger, daß es falsch ist, sondern eher, daß es eine unserer Ansicht nach unrichtige Gewichtung hatte, die das Argument unnötig schwächt.

Worum es uns geht, ist die bei Anarchokapitalisten verbreitete Vermutung, daß ohne einen Staat (oder auch mit einem minimalen Staat, der eine gewisse Konkurrenz duldet), eine Gesellschaft in „gated communities“ zerfallen würde. Ilja Schmelzer ist natürlich viel zu klug, das so zu formulieren. Im Zweifelsfall könnte er immer argumentieren, daß er das nur als eine recht konkrete Möglichkeit annimmt, anhand der er gewisse Dinge zeigen kann. Dennoch klingt es danach, auch wenn er es nicht so gemeint haben sollte.

Ein Auszug:

Wer mehr Sicherheit will als der Bevölkerungsdurchschnitt zieht in eine gated community.  Die vereinigt Leute mit ähnlichen Vorstellungen, sehr viel ähnlicher als heute in einer Stadt, rein darf nur wer die lokalen Regeln akzeptiert, und die Kosten sind nicht allzu groß – Mauern und Zäune drumrum, vielleicht noch Überwachungskameras damit keiner rüberklettert, und das Ganze einmal für eine ganze Community anstatt wie heute für jedes Haus einzeln.  Ein paar Bewacher am Eingang.  Was man aus solchen Communities hört, braucht man drin nicht mal mehr die Wohnungen zuzuschließen. Was für ein Bevölkerungsgemisch draußen lebt ist dabei irrelevant.

Strikt genommen wird nicht behauptet, daß eine Gesellschaft komplett in solche „gated communities“ zerfallen würde. Es wird aber anscheinend davon ausgegangen, daß es sich hierbei um ein typisches Muster handelt.

Eine solche Vision, von Herrn Hoppe, soweit wir es verstehen, durchaus positiv vertreten, erscheint uns allerdings alles andere als attraktiv. Wir können hier durchaus die Beklemmung außenstehender Betrachter nachvollziehen. Wären solche sich selbst isolierenden Gemeinschaften nicht schrecklich miefig mit Aufpassern, die in den Fenstern auf Kissen liegen und die von den „Politikern“ der Gemeinschaft erfundenen Regeln überwachen und durchsetzen?

Der Verdacht kommt nicht von ungefähr, wenn man sich ähnliche Gemeinschaften unter den heutigen Bedingungen ansieht, bei denen es eher um den Ausschluß der Außenwelt als den Schutz vor Gefahren geht. Jede utopische Richtung hat Beispiele hervorgebracht: sozialistische Kommunen im 19. Jahrhundert, die sich dann zerstritten, die Menschenzüchtungspläne eines Willibald Hentschels, Jim Jones People’s Temple, die SeaOrg von Scientology, usw. Ebenso ist es ein Markenzeichen fast jeder fundamentalistischen Bewegung, eine abgeschottete Gegenwelt zu schaffen. Wir würden hier beispielhaft die Colonia Dignidad, David Koresh und die Branch Davidians sowie diverse islamistische Bewegungen nennen.

Selbst wenn solche Gemeinschaften nicht regelmäßig derart ausarten würden, bliebe für uns etwas Enges daran. Vielleicht sind wir nur klaustrophob, und dies alles mag für den attraktiv sein, der es überschaubar liebt und sich gerne nur mit Seinesgleichen umgibt. Aber das geht ja nicht allen so. Uns jedenfalls nicht.

Doch das wesentlich stärkere Argument für uns wäre ein anderes: Lauter solche kleinen Gemeinschaften verhindern genau das, was eine Gesellschaft voranbringt: die Anregung durch unterschiedliche und nicht von der Gemeinschaft regulierte Meinungen, die Arbeitsteilung und tiefe Märkte, die eine feine Spezialisierung ermöglichen. Mit anderen Worten: diese Gemeinschaften wären vermutlich eher arm und würden stagnieren.

Und das ist ja auch die übliche Beobachtung bei ideologisch getriebenen Gemeinschaften. Nicht zufällig mußte etwa bei den „Zwölf Stämmen“, die derzeit durch die Medien gehen, selbst bis zu den Kindern hin geplackt werden, nämlich weil die Gemeinschaft durch ihre Struktur sich selbst auf ein sehr niedriges Niveau an Produktivität festgelegt hatte.

Nun kann man zwei Dinge einwenden: „Gated communities“ würden ja eher für Wohlhabende da sein. Wenn man allerdings gleichzeitig argumentiert, daß die Kosten zu ihrer Schaffung niedrig sind, ist das erst einmal nicht schlüssig. Und dann wäre die Frage, ob der Wohlstand denn noch in den „gated communities“ auf Dauer zustandekäme und nicht vielmehr Wohlstand abgefrühstückt würde, der ohne sie vorher entstanden oder je nachdem auch nur usurpiert wurde.

Man könnte natürlich auch zugestehen, daß quer zu den „gated communities“ sehr viel zusammengearbeitet würde, geistiger Austausch stattfände, usw. Man kann sich darüber mit dem Internet hinwegzuheben versuchen. Doch für vieles ist auch der unmittelbare Kontakt von Bedeutung. Dann muß man aber damit leben, jedesmal so und so viele Kontrollstationen passieren zu müssen. Und da sehr viele laufend das tun würden, würde auch die vermeintlich einfache Prüfung von ein paar Besuchern in sich zusammenbrechen.

Würde man etwa eine heutige Großstadt, doch ein Ausbund an Produktivität, auf solche Weise in lauter kleine Bezirke zerstückeln, wieviel Kosten würde das jedem Handel und Wandel auferlegen? Es erinnert ja eher an die zahllosen Ritter entlang des Rheins, die alle Nas lang einen Schlagbaum in den Weg legten.

Vielleicht würde im Anarchokapitalismus nicht ein Zoll erhoben werden (aber warum auch nicht das?). Doch allein die Beschwernis würde einiges leisten. Was macht Ihr Pizzaservice, wenn er aus einer „gated community“ ein paar Grenzen entfernt liefern möchte? Vermutlich kalte Pizzas ausliefern. Oder sie müssen eben mit der geringen Arbeitsteilung ihrer „gated community“ leben, die nur einen Lieferanten hat, wenn das überhaupt. Wie schaut es mit einem Unternehmen aus, das eine Vielzahl von unterschiedlichen Mitarbeitern zusammenziehen muß, deren Zusammensetzung sich aber laufend ändert? Nicht so gut.

Als letztes, soweit wir sehen, könnte man nun einwenden, daß nicht jeder Kontakt unbedingt so förderlich ist. Braucht man auch die Buntheit von Straßengangs oder professionellen Einbrechern? Vermutlich ist das nur negativ für die meisten zu bewerten.

Doch hier würden wir die Gegenfrage stellen: Wo gibt es denn ein so krasses Gefälle, das sich einfach an einer Grenze anhalten ließe? Wir leben in einer Zeit, die historisch mit den niedrigsten Kriminalitätsraten aufwartet, selbst wenn die kleinen Schwankungen ohne einen längeren Vergleich manchmal drastisch erscheinen mögen. Auch die Streuung zwischen verschiedenen Gebieten hierzulande ist eher mäßig.

Von daher würde man wohl gar nicht viel gewinnen. Und es ist wie immer bei der Vorstellung zu hinterfragen, man müssen nur die Bösen an einer Grenze aufhalten, ob eine direkte Bekämpfung von Kriminalität, wo sie stattfindet, nicht viel einfacher und wirkungsvoller ist.

Wir würden aus dem Vorstehenden nun den Schluß ziehen, daß „gated communities“ sich nur in extremen Fällen lohnen, wo eine Scheidung einen sehr großen Gewinn an Sicherheit bieten würde (sei es auch nur aufgrund einer subjektiven Fehleinschätzung). Und ansonsten würden sie vermutlich weiter die Domäne derjenigen bleiben, die wohl meist aus ideologischen Gründen Abgeschlossenheit und Kontrolle für wichtig halten.

Der Schluß von sich selbst mag falsch sein. Doch ziehen wir ihn, dann würden wir denken, daß die meisten nicht an „gated communities“ interessiert wären, und diese von daher eher die Ausnahme blieben. Sie dann geradezu als das Paradigma einer zukünftigen Gesellschaft hinzustellen, wäre somit irreführend und unnötig abstoßend für alle, die sich über viel an Offenheit, Austausch und Kooperation freuen.

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