Hundstag-Projecte

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von Alexander Moszkowski, 1884

Versetzen wir uns in die Zeit, in welcher Berlin und die anderen Großstädte des Reichs im Wesentlichen von solchen Personen bewohnt werden, welche der Berufs- statistiker als „vorübergehend abwesend“ bezeichnet. Auf dem Lande hingegen ist die Unruhe in der Majorität ausgebrochen: Viele Bergspitzen sind so belebt, daß ein reitender Schutzmann auf ihnen die Passanten auffordern muß, sich rechts zu halten; an manchen Bauernhäusern und Gebirgsbauden prangen Tafeln mit der Inschrift „Ausverkauft!“ In verschiedenen Thalgründen ist es so voll, daß sie zusammenbrechen würden, wenn sie von den Architekten erbaut wären, welche die Tribünen an Wettrennplätzen errichten; etliche Schluchten sind so vollgepfropft, daß sich die Leute darin nach einem Nothausgang umsehen; Hunderttausende von Menschen geben sich auf den Wiesen der Sonne preis, ohne sich vorher mit Judlin’schen Antipyrogen imprägnirt zu haben.

Währenddeß steht das Rad der inneren Politik vollständig still, in den Ministerbänken hausen die Motten, und die Klinke der Gesetzgebung hat Zeit, Patina anzusetzen.

Da ist es denn kein Wunder, wenn unter den Legionen der Sommerfrischler die Projektmacherei blüht und mannigfache gesetzgeberische Pläne ausgebrütet werden. Der Herausgeber besitzt einige Freunde, die ihn mit derartigen Entwürfen geradezu überschwemmen, und da sich unter diesen manche finden dürften, welche sich bei näherer Prüfung als brauchbar erweisen, so zögert er nicht, einige derselben hier zu veröffentlichen.

1.

Die Verstaatlichung der Sommerfrische.

Der Erste schreibt: Mein Arzt hatte mir angerathen, in diesem Sommer einen starken Säuerling aufzusuchen.
Ich begab mich in Folge dessen an einen Ort, an welchem, wie ich wußte, das Gänseweißsauer ebenso kräftig als schmackhaft geräth. Während ich gestern dabei war, dieses Gericht zu schöpfen, fiel mir ein, dass dem Reiche eine überaus wohlthätige Einnahme durch Verstaatlichung der Sommerfrische inclusive sämmtlicher Naturschönheiten verschafft werden könnte. Die Letzteren befinden sich zur Zeit fast völlig in den Händen der Privatspeculation, es leuchtet mithin jedem halbwegs staatserhaltenden Gemüthe ein, daß sich sowohl die Natur selbst, als auch die sie genießenden Bürger besser befinden würden, wenn der Reichskanzler sich entschlösse, Berge, Wiesen, Badestrände, Wasserfälle und Ozon in seine erfahrene Hand zu nehmen.

Zunächst sind sämmtliche Gasthöfe in Reichshotels umzuwandeln. Jeder Cur-, Erholungs- oder Vergnügungsgast wird beim Eintritt in dasselbe amtlich geaicht, zur Ermittelung des Quantums Staatsnahrung, welches der Betreffende einzunehmen berechtigt ist. Dem abgestempelten Gast wird Punkt zwölf Uhr das Regie-Diner vorgesetzt, welches er unter Aufsicht des du jour habenden Regierungsvoressers zu verzehren hat. Nach dem Mittagsmahl werden Straßburger Cigarren Nr. 9 und 11, sowie Reptilienblätter gereicht. Früh Morgens giebt es Monopolkaffee, Abends saure Reichsmilch. Geschlafen wird in Betten aus fiscaslichem Holz.

Genußscheine zum Sonnenaufgang sind Tags zuvor an der Casse zu lösen. Ein Stabstrompeter weckt die Sommerfrischler, welche sich auf Commando nach Zählen den Schlaf aus den Augen zu reiben, sich in Reih und Glied aufzustellen und mit durchgedrückten Knieen das erhebende amtliche Naturschauspiel anzustaunen haben. Der officielle Sonnenuntergang darf im Sitzen bewundert werden.

Für größere Partieen treten folgende Bestimmungen in Kraft: Die Wasserfälle werden so lange gestaut, bis mindestens ein Bataillon Reichsfrischler heranmarschirt ist, um sie in Augenschein zu nehmen. Dieselben treten sectionsweise an den Wasserfalltrafik und bezahlen dort die Kataraktenbillets, worauf die behördlich geleitete Cascade ihren Anfang nimmt.

Ueberall, wo sich ein Echo befindet, sitzt ein concessionirter Enterbter und streicht die Echogebühren als Patrimonium ein. Selbstverständlich sind an das Reichsecho nur solche Fragen zu richten, deren Beantwortung im conservativen Sinne ausfallen muß, z. B.: „Singen wir Sr. Durchlaucht dem Fürsten Bismarck mit Recht Hallelujah?“ worauf das Echo antwortet „ja!“ oder: „Wird die Monopolfrage vom nächsten Reichstag zu Gunsten der Regierung entfchieden?“ was das Echo mit „entschieden!“ beantwortet. Derartigen Unterhaltungen liegt ein Wort-Tarif zu Grunde, pro Wort 20 Pfennig, eine halbe Mark Grundtaxe und Bestellungsgebühr extra.

Um Gestade des Meeres wird unter der Controlle eines Badecorporals in die Monopolfluth gestiegen. Derselbe hat die Tauchsteuer und die Plätschertaxe einzuziehen und etwaige Defraudationen direct an das Ministerium zu melden. Für Thiere und Wasserpflanzen, welche von den Badegästen aus dem Meere gefischt und an’s Land gebracht werden, ist ein Eingangszoll zu entrichten. Hierbei gelten Makrelen als Delphine, Flundern als Lachse, Dorsche als Störe, Crevetten als Hummern, leere Muscheln als Austern, Tangen als Korallen, Quallen als Perlen, Steinbutten als Walfische und unterliegen demzufolge den entsprechenden höheren Zollsätzem

2.

Unfallversicherung auf Reisen.

Freund Nr. 2 äußert sich: Ich bin ein Vogel in des Peches verwegenster Bedeutung, sowohl daheim, als auch, und zwar in erhöhtem Maße unterwegs. Sobald ich eine Reise antrete, komme ich aus dem Waspassiren gar nicht heraus. Alls mir neulich eben wieder etwas zugestoßen war, dachte ich darüber nach, wie schön es wäre, wenn wir ein universales Unfallversicherungsgesetz hätten, dessen Geltung sich auch auf die unvermeidliche Sommerreise erstreckte. Warum machen wir den Staat nicht so omnipotent, daß er in die Lage gesetzt wird, uns für alle Reisemalheurs schadlos zu halten?

Kaum war der von mir benutzte Zug in’s Freie gelangt und hatte ich den Kopf aus dem Coupéfenster gesteckt, als mein Hut davonflog. Ich trug den Vorfall natürlich sofort auf der nächsten Station in’s Beschwerdebuch ein, allein was wird es mir helfen? Nach einigen Monaten werde ich den Bescheid bekommen, ich solle künftig bei ähnlicher Gelegenheit einen Hut mit heruntergemachten Schuppenketten tragen, oder die Kopfbedeckung mit Fischleim am Scheitel befestigen. Hätten wir die Unfallversicherung, so würde mir der Stationsvorsteher sofort das vorgeschriebene Hutwegfliegegeld ausbezahlt haben, und die Angelegenheit hätte ihre tragische Spitze eingebüßt.

Am Ziele angekommen, entdeckte ich, daß ich einen falschen Koffer mitgenommen hatte. Derjenige, in welchen ich meine Wäsche, Kleider und Reiseutensilien gepackt hatte, war in Berlin geblieben; ein anderer, welcher nichts als Bücher enthielt, befand sich bei mir im Badeorte. Nun kann ich doch unmöglich am Morgen in den Schiller schlüpfen, einen reinen Goethe anziehen, mich mit dem Horaz frisiren, nachher in den Homer fahren und Abends, wenn es kühl wird, das Conversationslexicon umhängem Der Badecommissarius, dem ich dies auseinandersetzte hatte hierfür nur ein mitleidiges Achselzucken. Bestände die Reise-Unfallversicherung, so würde er pflichtmäßig die Gefahrenclasse, betreffend Kofferverwechselung nachgeschlagen und mir das darin festgesetzte Schmerzensgeld verabreicht haben.

Ich brauche Ihnen wohl kaum zu erzählen, daß ich mich auf jeder Fußtour verirre, von allen Bullen angefallen werde, mir bei jedem Abstieg den Fuß verknaxe, alle Aussichtsthürme, die ich besteige, im Nebel finde, mich bei jedem Becher Brunnen verschlucke und auf dem Grunde aller Tassen und Teller unappetitliche Lebewesen antreffe. Ueberall begegnen mir Wirthe, die mich prellen, Forstleute, die mich notiren, Beamte, die mir ungebührliche Kurtaxen abfordern, nirgends aber eine Staatsperson, die mir die Quittung über meine Klagen in Form gesetzlicher Unfallsbanknoten ertheilt. Kürzlich wollte ich, an einem Abhange stehend, ermitteln, wie viel Sekunden ein Stein brauchte, um die Tiefe zu erreichen. Sie errathen, was geschah: Ich behielt den Stein in der Hand und warf den Chronometer in den Abgrund. Jetzt kann ich auf dem Kiesel nachsehen, was die Glocke geschlagen hat. Der Unfall war da, die Versicherung fehlte.

Vielleicht giebt Vorstehendes unseren Gesetzgebern die Anregung, das Versäumte nachzuholen. Dann will ich für die Ferienreisenden der Zukunft gerne die Kastanien aus dem Feuer geholt haben.

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