Die verzollte Dame

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von Alexander Moszkowski, 1912

Basel! Zwanzig Minuten! Alles aussteigen zur Verzollung! Eine Dame will rasch an der Kontrolle vorbei. „Ich habe weiter nichts als dies Reise-Necessaire!“

„Oho!“ ruft man ihr entgegen, „nicht so schnell! das muß doch verzollt werden. Woraus besteht denn das Necessaire?“

„Na, das sehen Sie doch: aus Leder.“

„Leder ist nach dem neuen Vertragstarif ein sehr schwieriger Fall“, meinte der Beamte. „Sind das nun Abschnitte und Streifen von Leder, die der Bearbeitung durch Einpressen, Kitten, Ein- und Ausschneiden von Verzierungen, Lochen, Steppen und Nähen unterworfen worden sind, oder zu einem besonderen Zweck durch Zuschneiden und Stanzen geformte Abschnitte von Leder?“

„Wie soll ich das wissen?“ entgegnete die Frau, indem ihr Blick ängstlich zu der großen Uhr an der Längswand emporstieg „Gott, ich versäume ja den Anschluß um 8 Uhr, machen Sie doch nur fix.“

Der Vizekontrolleur meinte: „Nur keine Überstürzung Wir haben seit gestern neunhundertsechzig neue Zollpositionen und jede hat wieder so und so viele Unterabteilungem Da muß man sich doch erst einarbeiten. Also, was ist mit dem Leder? Haben Sie die Absicht, aus diesem Leder später Treibriemen, Handschuhe oder Schuhoberteile mit elastischen Einsätzen im Gewicht von mehr als 600 Gramm zu machen?“

Die Dame erklärte: „Ich habe nur die Absicht, mit diesem Necessaire nach Berlin zu reisen!“

„In diesem Falle“, meinte der Vize, „bleibt nichts übrig, als auf die Entstehungsart zurückzugreifen. Dieses Leder stammt zweifellos von Schweizer Jungvieh. Wir werden also den Zoll nach diesem Satz erheben.“

„Ja, sagen Sie nur, wieviel ich zu bezahlen habe.“

„Da müssen wir erst feststellen, ob dies Leder von Braunvieh oder von Höhenfleckvieh gewonnen ist. Weibliches Höhenvieh im Alter von sechs Wochen bis zu eineinhalb Jahren, das in einer Höhenlage von mindestens dreihundert Meter über dem Meeresspiegel aufgezogen ist, unterliegt einem anderen Zollsatz als gewöhnliches Fleckvieh. Auf Verlangen der Zollbehörde müssen Sie den behördlichen Nachweis über die Aufzucht des Rindviehs beibringen, dem das Leder zu diesem Necessaire entstammt.“

In diesem Augenblick dampfte der Anschlußzug aus der Halle. „Da bin ich also richtig wegen Ihrer Schikaniererei sitzen geblieben!“ jammerte die Dame.

„In fünf Stunden geht ja wieder einer!“ beruhigte sie der Beamte. Bis dahin sind wir mit Ihrem Necessaire bestimmt fertig.“

Der Oberkontrolleur machte ein langes Gesicht. „Wenn Sie den verlangten behördlichen Nachweis nicht beibringen können, so bleibt nichts übrig, als das Necessaire zu denaturieren. Wir übergießen es mit Lauge aus Ätzkalk, Salmiak, Salpetersäure und Salzlake, so daß das Leder für weitere Verwendung untauglich wird. Alsdann haben Sie nur den Zollsatz von 30 Mark zu entrichten. Und jetzt wollen wir das Necessaire einmal öffnen. Hier liegt ja ein Fläschchen. Was ist denn da drin?“

— „Etwas Wein.“

„Ist es Wein aus Trauben mit einem Weingeistgehalte von nicht mehr als zwanzig Gewichtsteilen auf hundert?“

— „Ach, was weiß ich! Es ist so eine Art Landwein.“

„Wirklich, liebe Frau, ich glaube, Sie legen es darauf an, der Zollbehörde ihr ohnedies schon so saures Amt noch zu erschweren. Wenn Sie sich präzise äußern wollten, würden wir die Tarifstelle in weniger als einer halben Stunde finden. Bei Ihrer Weigerung, uns die Qualität des Weines genau zu bezeichnen, müssen wir erst den vereideten Chemiker kommen lassen, der zollanalytisch feststellen wird, ob diese Flüssigkeit bei 100 Grad Celsius mehr oder weniger als 28 Gramm Extrakt auf 100 Gewichtsteile enthält.“

Die zollamtliche Abfertigung des weiteren Necessaire-Inhalts beanspruchte nur zwanzig Tage. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß die Behörde es an weitgehenden Rücksichten nicht fehlen ließ. Der Dame wurde beim Bahnhofsbüfettier ein Zimmerchen eingeräumt, in dem sie die Verzollung ihrer Toiletteartikel, Pralinees und Nähzeugutensilien in Ruhe abwarten konnte. Auch das Erscheinen eines neuen Weltbürgers, dem die Frau im Laufe der Verzollungsformalitäten das Leben schenkte, verdient registriert zu werden.

Drei Wochen nach Betreten der Grenzstation konnte die Dame mit ihrem trefflich entwickelten Baby und ihrem zum Heile des Vaterlands verzollten Necessaire die Reise fortsetzen. „Na sehen Sie“, sagte der Vorsteher des Zollamts beim Abschiede, „es war gar nicht so schlimm; jetzt kommen Sie doch noch mit dem Achtuhrzug mit. Bloß ein bißchen Geduld und Kleingeld muß der Mensch im Zeichen des Verkehrs haben!“

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