Parlaments-Feuilleton der Berliner Wespen

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Berliner Wespen, 20. September 1878

PF

Bebel als Ganymedes

von einer von ihm in die Welt gesetzten Ente ergriffen und zu weit geführt.

Sitzung des Deutschen Reichstages. Die Tribünen sind überfällt. Von allen Seiten strömt das Volk herbei, um das Socialistengesetz aufschlagen zu sehen und der Toilette beizuwohnen, welcher der Socialismus sich zu unterwerfen hat, bevor er von der offenen zur geheimen Agitation geführt wird.

Der Vertreter des Reichskanzlers, Graf Stolberg, läutet unter passenden Worten das Armsünderglöcklein.

Abg. Reichensperger (Olpe.) [Zentrumspartei] Meine Herren, seit Einführung der Maigesetze bin ich natürlich gegen jede Her- oder Hinrichtung, welche die Regierungen beschlossen haben, und ich erkläre mich auch heute gegen deren Beschluß, den Socialisrnus einen Kopf kürzer zu machen. Ich finde es humaner, demselben täglich ein Bischen abzuschneiden, wie dem Schwanz des in den weitesten Wahlkreisen bekannten Hundes, damit es ihm nicht so weh thut. Dies würde geschehen, indem Sie dem Volke die Religion zurückgeben. Es lebe Leo der Dreizehnte!

Abg. v. Helldorf. [Konservative] Meine Herren, alle Vorbereitungen sind getroffen, auf was wollen wir noch warten? Das Socialistengesetz ist schön scharf, und ich sehe nicht ein, warum der Schlag nicht geführt werden soll. Ich und meine politischen Freunde sind doch wahrlich hier nicht zusammengeströmt, um einer Begnadigung beizuwohnen. Das sollten Sie nicht vergessen. Hat sich erst einmal der Kopf der Socialdemokratie im Sande verlaufen, so werden wir die nöthige Ruhe finden, die wirthschaftlichen Verhältnisse zuordnen, die allgemeine Unzufriedenheit zu beseitigen, das allgemeine Wahlrecht aufzuheben und andere kleine Zerstreuungen aufzusuchen (Beifall rechts.)

Abg. Bebel. [Sozialdemokraten] Meine Herren, ich ergreife das Wort, um Ihnen mitzutheilen, daß Sie auf dem besten Wege sind, einen Justizmord zu begehen. Der Socialismus ist es ja gar nicht gewesen. (Oho!) Bismarck war es. (Hört! Hört!) Es liegt also eine Verwechselung vor.  So was passirt ja häufig genug. Der Socialismus ist unschuldig, wie ein neugeborener Fridolin, und ich schlage daher vor, Bismarck in den Eisenhammer zu werfen. Augenscheinlich sieht der Socialismus Bismarck sehr ähnlich, und nun haben Sie Jenen erwischt, angeklagt, verurtheilt und wollen ihn jetzt an’s Messer liefern. Ich will Ihnen sagen, wie es war. Eines Abens ging der Socialismus nichts ahnend unter den Linden spazieren. Bekanntlich wandelt Niemand ungestraft unter den Linden. Wie der Arme an das Haus kommt, in welchem später Nobiling wohnte, nehmen ihn ein Prinz und eine Gräfin in die Mitte, während Dr. Zitelmann hinterhergeht, und verschleppen ihn zu Bismarck, (Hört! Hört!) indem sie die bekannten beim Bauernfang üblichen Redensarten machen: es, gebe da 4 bis 6000 Thaler, ferner hundert Millionen und andere Lumpereien. Der Socialismus geht mit und muß nun für den Thäter all der Excesse gelten, welche seither von Bismarck begangen worden sind. Fragen Sie Neumann! (Fritzsche: So ist es !) Da hören Sie’s. Fernere Zeugen sind der Arbeiter Paul, Dammer, Schweitzer,Tölcke, Eichler und wie die Genossen alle heißen mögen. Bald wurden die Thaten Bismarck’s ruchbar, die Polizei stand vor dem Hause, und wie eines Abends der Socialismus herauskommt, da stürzen die Schutzleute Schulze, Meier, Lehmann, Schmidt und Müller auf ihn los, sagen: „Haben wir Jhnen endlich? Marsch!“ und führen ihn ab. Das ist die einfache Begebenheit, seit welcher der Socialismus im Verbrecheralbum sich befindet. Daher rufe ich Ihnen zu: Antöne, steckt den Degen ein, sie haben statt des Don Juan den Leporello erwischt!

Bundesbevollmächtigter Graf zu Eulenburg tritt diesen Behauptungen entgegen. Hier könne keine Verwechelung vorliegen, Bismarck trage eine Uniform, während der Socialismus selbst bei Attentaten in Civilkleidern antrete. (Sehr richtig! rechts.)

Abg. Dr. Bamberger. [Nationalliberale] Meine Herren, ich beantrage, den von uns Verurrheilten nunmehr einer Commission von 21 Nachrichtern zu übergeben, welche Vorbereitungen treffen soll, damit wir ihm in 8 oder 14 Tagen noch den Kopf vom Rumpfe abzustimmen haben. Es ist sonst Gefahr vorhanden, daß dieser Proteus sich in einer seiner tausend Gestalten uns entzieht, und wir am Ende abermals in Verdacht gerathen, einen falschen zu verfolgen: Häckel, Moltke, oder mich. Thun Sie, was ich Ihnen rathe.

Abg. Hänel. [Deutsche Fortschrittspartei] Meine Herren, ich will nichts davon wissen. Es ist eine schreiende Ungerechtigkeit, einer Partei, welche die gesellschaftliche und staatliche Ordnung untergraben will, hindernd in den Weg zu treten, oder sie gar zu zwingen, etwas anderes zu thun. Das ist Beschränkung der persönlichen Freiheit und würde uns in die finsteren Zeiten zurückschleudern, wo Heinrich Laube noch nicht Theaterdirektor war. Hat jedes Thierchen sein Plaisirchen, warum wollen Sie den Menschen unter das Thier stellen und ihn hindern, nach Herzenslust zu untergraben? Dazu hat der Staat kein Recht, er darf sich nicht hinreißen lassen, die heiligsten Güter der Menschheit, (Beifall links) die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, (Beifall links) mit Füßen zu treten! (Beifall links)

Der Reichskanzler (greift zum Aeußersten und singt die Lassallaise:)

Bismarck LassalleAlles schweige!
Jeder neuge-
back’ne Agitator fall’
Aus den Wolken, drin er schwebte.
Hört! Kein Agitator lebte.
Außer Ferdinand Lassalle.

Wie kein Zweiter
War gescheit er,
War er geistreich und gelehrt,
Traurig saß ich, war er ferne,
Fröhlich war er da, — wie gerne
Hab’ ich mit Lassalle verkehrt!

Keine Phrasen,
Aufgeblasen,
Sprach er in den Tag hinein,
Wie so mancher Epigone,
Welcher schimpft auf Staat und Krone,
Glaubend, ein Lassalle zu sein.

Sein Geplauder
War kein kauder-
welscher Leitartikelschwall.
O wie das mich innig freute,
Hätk ich auf dem Land zur Seite
’nen Gutsnachbar wie Lassalle!

Er erwärmte
Sich und schwärmte
Für das deutsche Kaiserreich,
Nur ob Zollern sollt’ regieren,
Oder er sollt’ dynastiren,
Dies entschied er nicht zugleich.

Eins bedaur’ ich
Trüb und traurig:
Er verschwand vom ErdenbalL
Freudig gäb’ ich heute, wenn er
Lebte, tausend Hasselmänner
Für den einzigen Lassalle!

Es wird nun im Verlauf der Debatte weiter nichts Altes vorgebracht, als daß der Abg. Dollfuß (Mülhausen) [Elsässer] mittheilt, daß im Elsaß der Socialismus niemals durchgedrungen sei. Es: wird dadurch der Wunsch rege, daß Deutschland elsässisch werden möge.

Die Discussion wird geschlossen, das Verdict den vorgeschlagenen 21 Nachrichtern übergeben.

Zum Hintergrund ist bei Libera Media auch ein Buch mit den Reichstagsreden von Eugen Richter 1878 gegen das Sozialistengesetz erschienen. Neben einer ausführlichen Einleitung zum Hintergrund gibt es zahlreiche Erläuterungen zum Text und weiterführende Materialien. Da Buch ist erhältlich über Amazon (einfach auf das Bild klicken):

Richter SozGes klein 4

Siehe auch:

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