Die letzten Übermenschen

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von Alexander Moszkowski, 1912

Auf einem jener Ölberge, unter einem jener Feigenbäume, neben einem jener geheimnisvollen Brunnen, ganze nahe bei einer jener weitentfernten Gräberinseln, auf, unter, neben und gegenüber denen Zarathustra einst prophezeit hatte, trafen sie zusammen. Drei Menschen. Es waren aber mehr. Denn es waren Übermenschen, Makromenschem Ultramenschen. Sie sahen übrigens aus wie moderne Herren. Und da sie modern und wohlerzogen waren, so stellten sie sich gegenseitig vor.

„Ich bin Hans Heinz Ewers,“ sagte der eine.

„Ich bin Bernhard Shaw,“ wiederholte der andere.

„Ich bin Ferdinand Bonn,“ bestätigte der dritte.

Damit hatten sie eigentlich genug gesagt, und unsere Erzählung könnte mit diesem wuchtigen Eindruck schließen; wenn sie nicht noch weiter ginge.

„Wie denken Sie über Nietzsche?“ fragte Hans Heinz Ewers; „ich freue mich dieser Übereinstimmung. Für mich ist dieser Mann nicht nur tot, denn das ist er wirklich, sondern auch erledigt, denn das ist er außerdem. Habt ihr sein neuestes Werk gelesen? das nachgelassene? das sich betitelt ‚Ecce homo — wie man wird, was man ist ?‘ Nietzsches Vermächtnis im Inselverlag?“

„Gewiß haben wir es gelesen,“ erklärten die anderen, „sonst wären wir ja nicht hier, um uns darüber zu unterhalten.“ Und Ferdinand Bonn fügte hinzu: „So etwas von Selbstvergötterung ist noch gar nicht dagewesen!“

„Ja, es ist unerhört!“ sagte Bernhard Shaw. „Dieser Nietzsche bekommt es fertig, vor Nietzsche auf dem Bauch zu rutschen. Seit es eine Literatur gibt, soweit man davon vor dem Erscheinen meiner eigenen Schriften reden kann, — ist eine solche Selbstbeweihräucherung nicht erlebt worden. Die stinkt förmlich zum Himmel, an den ich allein — bildlich gesprochen — hinanrage. Pfui, pfui und noch einmal Heil! mir persönlich!“

„Es ist ja nicht zu leugnen,“ meinte Ferdinand Bonn, „daß dieser Nietzsche einiges Verdienstliche geleistet hat; bestimmt wäre er zur Anerkennung gelangt, wenn ihm die philosophischen Perlen meiner Königsdramen nicht alle Aussicht auf Nebenruhm abgeschnitten hätten. In seinen Werken befinden sich Dunkelbeiten von einer Oberflächlichkeit, die zum Nachdenken reizen. Aber das alles berechtigte ihn nicht, Stellen, wie die folgende, zu schreibenz hört, ich lese wörtlich aus ‚Ecce homo‘ vor: „Mit einem Dithyrambus, wie dem letzten des dritten Zarathustra, ‚Die sieben Siegel‘ überschrieben, flog ich tausend Meilen über das hinaus, was bisher Poesie hieß!“

„Ich finde das geradezu unverschämt!“ brauste Hans Heinz Ewers auf; „woher wußte dieser Nietzsche überhaupt, was Poesie hieß, da er mein epochales Werk ‚Das Grauen‘ nicht einmal gelesen hatte? garnicht gelesen haben konnte? er, der das namenlose Pech hatte, zu sterben, bevor mein Bestes gedruckt war!“

„Bitte, Herr Ewers,“ — bemerkte Bernhard Shaw, — „regen Sie sich nicht auf. Bleiben wir vielmehr bei den Tatsachen; und die Tatsache ist, daß ich allein befugt bin, über diese Dinge zu urteilen. Also was sagt Nietzsche: tausend Meilen hinausgeflogen! Schon dieses eine Wort beweist, daß Nietzsche zeitlebens ein Stümper in allen Künsten des bildlichen Ausdrucks geblieben ist. Tausend Meilen — Lappalie! Unter zehn Millionen Meilen tue ich es nie, und wenn ich gut bei Stimmung bin, fliege ich zwanzig Milliarden englische Seemeilen über alles hinaus, was sämtliche Poeten vor, neben und nach mir gedichtet haben und dichten werden. Heut bin ich in guter Stimmung. Ich bin es immer. Übrigens habe ich dies schon so oft betont, daß Sie es nachgerade begriffen haben könnten. Also Nietzsche durfte so etwas nicht sagen.“

„Gewiß nicht,“ ergänzte Ferdinand Bonn, „die Überlegenheit meiner Prologe, die seinen Zarathustra um siebenunddreißig Schock Siriusweiten überflügeln, hätte ihn zur Bescheidenheit mahnen müssen.“

„Es steht noch viel Unbescheideneres im ‚Ecce homo‘ Hören Sie weiter: „An meinem Werk, dem Zarathustra, gemessen, an dieser höchsten Tat gemessen, erscheint der ganze Rest von menschlichem Tun als arm und bedingt!“ „Goethe, Shakespeare, Dante würden in dieser ungeheuren Leidenschaft und Höhe nicht zu atmen wissen.“ „Es gibt keine Weisheit, keine Seelenerforschung, keine Kunst zu reden vor Zarathustra!“ Also las Ferdinand Bonn aus dem neuesten Nietzsche vor; und nachdenklich fügte er hinzu: „Es ist mir völlig unfaßbar, wie ein Mann, der nicht imstande gewesen wäre, einen einzigen Akt meiner Königstragödien zu schreiben, sich zu solchen Überschwenglichkeiten versteigen konnte!“

„Ich folgere aus alledem,“ schloß Hans Heinz Ewers, „daß Selbsteinkehr, Bescheidenheit und Demut auch dem Allergrößten not tut; sogar, wenn ich mich dieser Hyperbel bedienen darf, mir selbst.“

Stumm schieden die drei Gewaltigen. In jedem quoll der Plan zu einem neuen Werk empor, das sich zu der gesamten Schöpfung verhalten sollte wie der Diplodokkus zum Kommabazillus, oder wie der Zarathustra zur „Lustigen Witwe“. Und sie gelobten sich eindringlich, trotz solcher Tat nur zweimal wöchentlich sich höchstpersönlich über den lieben Gott zu stellen.

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