Der Kaffeeklatsch in der Koppenstraße

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Berliner Wespen, 4. Oktober 1878

Personen:

Socialdemokratinnen.

Goethe
———————)  Gäste.
Schiller /

Frau Hahn. Bürgerinnen, ich eröffne die Discussion. Haben Sie Alle Kaffe? Nehmen Sie nich zu ville Zucker, die Zeiten sind schlecht. Warum sind sie schlecht? Weil noch nich jenug umjewälzt wird. Wir müssen die heutige Jesellschaft sprengen!

Frau Gans. In unsere Straße wird jarnich jesprengt, man kann es vor Staub nich aushalten.

Frau Hahn. Ick rede nich vons Sprengen mit Wasser, sondern mit Agitations-Dynamit.

Schiller. „Nicht Strenge legte Gott in’s weiche Herz
Des Weibes.“

Frau Eule. Was wollen denn diese beiden Knickebeine hier? Es sind wohl vermummte Schutzmänner, — wie kommen die in den Schooß unserer Versammlung?

Goethe. „Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.“

Frau Drossel. Lassen Sie sie man, Frau Eule. Wenn sie uns denunciren und an dem Krauts’schen Block liefern, so nützt dies nur unsere gute Sache. Denn aus unsere Wunden wird das Petroleum strömen, in das die faule Bourgeoisie versinken wird.

Goethe. „Der Frauen Gunst wird nicht so leicht verscherzt.“

Frau Amsel. Wer sagt Ihnen denn das? Wir wollen nicht länger das Joch geduldig herunterschlucken, wir wollen die sociale Republik errichten helfen, wir wollen Gerechtigkeit für dem Weibe, auch wir wollen wie die Schornsteinbaroninnen auf Gummi über dem Asphalt der Leipzigerstraße dahinrollen!

Frau Taube. Ja, wir wollen herrschen, und wenn wir (schlägt auf den Tisch) noch zehn Mal hier Kaffe trinken müßten!

Schiller. „Wahre Königin ist nur des Weibes weibliche Schönheit.
Wo sie sich zeigt, sie herrscht, herrschet blos, weil sie sich zeigt.“

Frau Hahn. Bürgerin Taube, hauen Sie nicht so auf dem Tisch, der Kaffe schwippt über.

Frau Rabe. Ich protestire gegen jedes Verbot! Keine Tyrannei! Wir kommen hier zusammen für die heiligsten Güter der Menschheit! (Bravo.)

Schiller. „Das höchste
Von allen Gütern ist der Frauen Schönheit.“

Frau Regenpfeifer. Dumme Redensart! Wenn wir unsere Schönheit nich zur Geltung bringen können, weil wir nich den nöthigen elenden Mammus haben, um uns in Sammet und Seide zu kleiden, denn müssen wir erst, wie die „Berliner Freie Presse“ sehr richtig sagt, den faulen Staat stürzen, denn Kattun und dergleichen ist ein fauler Staat.

Goethe. „Was faßt mich für eine Wonnegraus!
Hier möcht’ ich volle Stunden säumen.“

Frau Zeisig. Säumen, ja wohl, un maschinennähen un kochen un ausfegen, weiter nischt. Bürjerinnen, hören Sie dieses olle Telephon nich länger mit an! (Springt auf.) Wir wollen Jleichberechtigung, wir wollen aus das tiefe Elend an der Oberfläche kommen!

Alle. Auf, an der Oberfläche!

Frau Kernknacker. Die Ehe ist das größte Hinderniß unserer Freiheit, sie muß abgeschafft werden!

Schiller. „Dem Mann zur liebenden Gefährtin ist
Das Weib geboren — wenn sie der Natur
Gehorcht, dient sie am würdigsten dem Himmel.“

Frau Mandelkrähe. Gehorchen, immer gehorchen! Gehorchen is nich mehr, un der Natur nu erst recht nich. Nieder mit die Ehe, mit das janze unsittliche Rippenverhältniß! Kein Standesamt mehr, und bis wir uns davon entwöhnt haben, keine Liebe mehr!

Schiller. „Selig durch die Liebe
Götter — durch die Liebe
Menschen Göttern gleicht.“

Goethe. „Krone des Lebens,
Glück ohne Ruh‘,
Liebe, bist du!“

Frau Fink. Ich bitte um Ruhe. Die geehrte Vorbürgerin will auch die Liebe nur bis zur Entwöhnung vom Standesamt suspendirt wissen, dann kann es wieder losgehen. Die Kinder müssen dann vom Staat gesäugt werden.

Schiller. „O, nicht an Rath gebricht’s der Mutterliebe!“

Frau Hahn. Es kommt mir vor, als wenn uns die beiden Greise aufziehen wollen, es scheinen Schergen Tessendorffs zu sein. Bürgerinnen, machen wir kurzen Prozeß mit sie und werfen wir ihnen vor der Thüre!

Schiller. „Ein gebrechlich Wesen ist das Weib.“

Frau Kiebitz. Das kommt auf der Probe an. (Sie packt ihn mit anderen Bürgerinnen und schafft ihn vor die Thür.)

Frau Möve. Nu den andern Volks-Verräther ooch!

Goethe. „Ein edler Mann wird durch ein gutes Wort
Der Frauen weit geführt.“

Frau Hahn. Bloß bis auf der Straße!

(Nach Entfernung der beiden Gäste wird die Debatte der Damen fortgesetzt.)

Hintergrund

Frau Hahn ist eine stadtbekannte Sozialdemokratin in Berlin. Anfang 1878 hat der Hofprediger Stöcker es gewagt, seine Christlich-Soziale Arbeiterpartei zu gründen und damit den Sozialdemokraten das Terrain streitig zu machen. Als Rache ruft daraufhin der Sozialdemokrat (später Anarchist) Johann Most zum Austritt aus der Landeskirche auf. Auf einer vielbeachteten Damenversammlung werden flankierend Revolvergeschichten über die Verruchtheit der Pfarrer zum Besten gegeben, wobei Frau Hahn das große Wort führt. Allerdings ist die Resonanz selbst bei den Sozialdemokraten eher gemischt, und die große Austrittsbewegung verläuft dann im Sande. Die etwas raubeinigen Genossinnen beim Kaffeeklatsch ahmen die Manieren ihrer männlichen Kolleginnen nach: bombastische Reden, Drohungen und, wenn alles nicht hilft, als ultimatives Argument der Rauswurf.

Siehe auch:

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