Es mit der „Wahrheit“ genau nehmen

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Berliner Wespen, 4. Oktober 1878

„Gewöhnt Euch bei Zeiten das Heucheln
an! Lernet heucheln und Euch verstellen!
Lernet lügen, wenn Ihr dem Gesetze gehor-
sam sein wollt.“
Aus der Breslauer socialdemokratischen
„Wahrheit“.

Der Colporteur. Ich habe den Betrag für das letzte Quartal der „Wahrheit“ von Dir zu fordern, Genosse. Ich bitte Um dass Geld.

Der Abonnent. Ich wäre Dir Geld schuldig? Und obenein für die „Wahrheit“? Das Blatt kenne ich garnicht.

Der Colporteur. Aber Genosse, ich habe es Dir ja drei Monate lang selbst regelmäßig in die Hand gesteckt.

Der Abonnent. Du mir? Ich habe Dich in meinem ganzen Leben nicht gesehen.

Der Colporteur. Da hört doch Verschiedenes auf, Genosse! Einmal, als ich Dir das Blatt brachte, warst Du so begeistert von dem Inhalt, daß Du zu mir sagtest, wir müßten uns dutzen.

Der Abonnent. Ich hätte Dir ein Du angeboten? Was fällt Ihnen denn ein, mein Herr!

Der Colporteur. So besinne Dich doch, Genosse.

Der Abonnent. Der Teufel ist Ihr Genosse, ich bin der Geheimrath Lehmann.

Der Colporteur. Geheimrath? Hausdiener bist Du. (Er wird hinausgeworfen.)

Der Abonnent. Ich mußte doch dem wackeren Genossen beweisen, daß ich der „Wahrheit“ die Ehre gebe, indem ich lüge.

(Die „Wahrheit“ geht ein, weil alle ihre Abonnenten in derselben Weise nicht bezahlen.)

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