Berliner in Nubien

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Berliner Wespen, 11. Oktober 1878

(Aus einer nubischen Zeitschrift.)

Alt-Dongola, im October. Seit einigen Tagen wird die Aufmerksamkeit unserer Stadt durch das Erscheinen einer Anzahl Berliner nebst Thieren, Waffen und Hausgeräthen auf das Lebhafteste in Anspruch genommen. Die Fremdlinge lagern in einem öffentlichen Garten vor der Stadt und üben natürlich eine große Anziehungskraft auf die Bewohner Alt-Dongolas aus, welche mit ihren Kindern in Schaaren hinauswandern, um die weißen Männer und die seltsamen Thiere, die sie mitführen, in Augenschein zu nehmen.

Es war eine gute Speculation, uns einmal eine Anzahl echter Berliner zuzuführen. Bekanntlich wurde vor etlichen Jahren einmal ein Berliner gezeigt, der aber gefälscht war — es war ein weißgefärbter Mulatte — und deshalb von den erzürnten Nubiern zerrissen worden ist. Die jetzt hier Anwesenden aber sind wirklich der Steppe zwischen der Spree und dem Kreuzgebirge entsprungen. Sie sind von dem Unternehmer für ein Geringes gekauft worden, da sie in ihrer Heimath große Noth leiden, meist wohnungslos und schlecht genährt sind. Trotzdem scheinen sie intelligent zu sein und allerlei Künste zu üben. Einer der Fremdlinge soll behaupten, einen Bruder zu haben, der die Flöte bläst. Leider verstehen wir kaum eine Silbe ihrer merkwürdigen Sprache, die sehr seltsam klingt. Wir haben uns nur etliche Worte gemerkt, die sie den Zuschauern, welche ihr Gehege belagern, häufig zuschreien, z. B. Aujust! Stiesel! Schwarzer Menschenbruder! Reinfall! Potsdamer! So blau! und ähnliche Ausrufe der Freude und Begrüßung.

Sehr interessant ist das Spiel, mit welchem sie den Zuschauern, die für eine Extravergütung mitspielen dürfen, die Zeit vertreiben. Man gewinnt erst und verliert dann Alles, was man bei sich hat. Credit geben sie nicht. Es ist ein Spiel mit drei Karten, welches sie Kümmelblättchen nennen und in seiner Feinheit als ein Beweis für die Intelligenz der Fremden gelten kann.

Ihr Tanz sieht dem unseren nicht ähnlich, er ist weniger graziös. Auch kennen sie die Daluka, unsere Trommel, nicht, sondern begleiten ihren Tanz mit den abscheulichen Tönen eines bunten Kastens, den sie auseinanderziehen und wieder zupressen und auf diese Weise zum Quieken bringen.

Unter den Thieren, welche sie lebend, oder ausgestopft und einbalsamirt mitgebracht haben, erregen ein geräucherter Aal, etliche junge Rollmöpse, ein lebendes Coloradokäferpärchen, die rothen Scheeren eines Meerungeheuers, eine Schachtel voll Wanzen und ein lebendes Kaninchen gerechtes Aufsehen. Es ist Hoffnung vorhanden, daß die interessanten Fremdlinge uns die Wanzen, welche wir hier nicht haben, käuflich überlassen, wenn wir uns mit ihnen über den Preis, der leider ein sehr hoher ist, zu einigen vermögen.

Wir können den Besuch der Berliner Karawane Allen unseren Lesern bestens empfehlen.

Hintergrund

In der Zeit werden häufiger Menschen aus fernen Weltteilen in Berlin ausgestellt, etwa Nubier oder Feuerländer. Hier drehen die „Berliner Wespen“ einmal die Sache um und halten ihren Mitbürgern den Spiegel vor.

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