Einwanderung in die Sozialsysteme?

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Als Argument gegen offene oder wenigstens offenere Grenzen wird häufig eingewandt, daß dies zu „Einwanderung in die Sozialsysteme“ führe. Innenminister Friedrich griff dieses Schlagwort etwa unlängst auf. Und nicht allein bei Konservativen ist eine solche Sicht beliebt, auch unter Liberalen wird sie häufig geteilt. Niemand Geringeres als Milton Friedman formulierte es so:

Because it is one thing to have free immigration to jobs. It is another thing to have free immigration to welfare. And you cannot have both. If you have a welfare state, if you have a state in which every resident is promised a certain minimal level of income, or a minimum level of subsistence, regardless of whether he works or not, produces it or not. Then it really is an impossible thing.

Heraus kommt bei Liberalen dann oft eine Position folgender Art: „Im Prinzip bin ich natürlich für offene Grenzen. Aber unter den gegebenen Umständen würde das zu einer Einwanderung in die Sozialsysteme führen. Von daher bin ich dagegen.“ Effektiv bedeutet das, daß das „Prinzip“ keinerlei Bedeutung hat und nur zur Beruhigung des liberalen Gewissens dient.

Dabei wäre eine einfache Auflösung des Problems auch anders denkbar: Man könnte Einwanderern keinen Zugang zu den Sozialsystemen gewähren, auf Dauer oder wenigstens für eine Karenzzeit, in der sie durch Abgaben und Steuern in Vorleistung gehen. Natürlich würde das auf das Gegenargument stoßen, daß der deutsche Staat ein „Menschenrecht“ hochzuhalten habe. Doch derselbe deutsche Staat kennt ein solches „Menschenrecht“ gar nicht. Klassischerweise ist das immer ein „Deutschenrecht“ gewesen. Über die Zeit sind gewisse Gruppen hier gleichgestellt worden, etwa Ausländer, die mit Genehmigung des deutschen Staates in Deutschland leben. Der weitaus größte Teil der Menschheit bleibt aber auch so schon ausgeschlossen. Soetwas als „Menschenrecht“, das heißt als ein Recht, das jemandem qua Menschsein zukommt, zu bezeichnen, ist gelinde gesagt irreführend.

Doch was ist überhaupt dran an der Behauptung mit der „Einwanderung in die Sozialsysteme“?

Man kann hier natürlich auf Einzelfälle verweisen, bei denen von bestimmten Einwanderern Leistungen abgegriffen werden, ob innerhalb des rechtlichen Rahmens oder außerhalb davon. Doch mit Einzelfällen ist wenig bewiesen, solange man es nicht schafft, sie zu einer allgemeinen Aussage zusammenzuziehen. Einzelfälle gibt es ja auch für Deutsche. Jeder, der nicht blind durch die Welt läuft, hat solche schon einmal mitbekommen, etwa „Arbeitslose“, die sich schwarz etwas dazuverdienen.

Eine andere Argumentation versucht, die Frage apriori dadurch zu entscheiden, daß man den Bezug von Sozialleistungen als rationales Verhalten von Einwanderern schildert. Jemand, der aus einem armen Land kommt, dem muß es doch traumhaft vorkommen, sich vom Staat versorgen zu lassen auf einem weit höheren Niveau als zuhause. Doch wenn das rational ist, dann auch, daß jemand zum Arbeiten hierher kommt, mit dem er noch mehr bekommen kann. Man kann die Sinnhaftigkeit der Sozialsysteme hinterfragen, doch immerhin sind sie so beschaffen, daß sich durch Arbeit mehr an Wohlstand erreichen läßt als etwa durch Hartz IV. Wenn hier auch das Gefälle je nachdem nicht richtig sein mag und falsche Anreize schafft, dann gilt dies gleichermaßen für Einwanderer wie für Deutsche. Und dann sollte man seine Kritik auf eine Reform solcher Verhältnisse konzentrieren.

Apriori läßt sich die Frage allerdings auch gar nicht entscheiden, sondern nur empirisch. Es kann sein, daß sehr viele Einwanderer Leistungen in Anspruch nehmen oder auch nur wenige. Daß es welche gibt, ist noch nicht das Problem, nur wenn es so viele wären, daß die anderen Einwanderer, die in die Systeme einzahlen, das nicht kompensieren und somit von anderer Seite zugeschossen werden müßte.

Übrigens ist im letzteren Fall gar nicht offensichtlich, daß dadurch die ansässige Bevölkerung auf Dauer belastet würde. Das wäre nur der Fall, wenn deswegen die Steuern und Abgaben erhöht würden, was allerdings unwahrscheinlich erscheint. Man stelle sich nur eine Partei und ihre Chancen bei den Wahlen vor, die mit einer solchen Forderung antreten würde. Selbst mit nationalen Umverteilungs- und Steuerplänen war bei der letzten Wahl kein Blumentopf zu gewinnen.

Im Gegenteil würde an der Stelle wohl eher eine Debatte beginnen, wie man die Sozialsysteme beschränkt, eine Vorstellung, die Liberale nicht unbedingt schrecken sollte. Tatsächlich haben Länder mit einer wenig homogenen Bevölkerung in der Regel kleinere Wohlfahrtsstaaten als solche mit einer homogenen, wie etwa in Skandinavien. Wenn es sich so anfühlt, als wenn man für die eigene erweiterte Familie aufkommt, dann läßt sich Umverteilung relativ leicht motivieren. Für andere zahlen? Keineswegs! Der Westdeutsche bezahlt seinen Solidaritätszuschlag zähneknirschend für den Ostdeutschen. Aber schon für andere Europäer, etwa Griechen, nein danke.

Nun aber zurück zur oben gestellten Frage: Wie steht es denn mit der „Einwanderung in die Sozialsysteme“ aus?

Wenn man die Debatte verfolgt, hat man fast den Eindruck, als wenn es sich hier um ein großes Problem handelt. Schaut man sich die Zahlen an, dann wird man eines anderen belehrt. Dankenswerterweise hat die OECD nämlich dazu vor kurzem eine Studie, den „International Migration Outlook 2013“, vorgelegt, die unter anderem die fiskalische Nettoposition (Beiträge minus Leistungen) für Einwanderer in den zu ihr gehörenden Ländern darstellt. Das Ergebnis bestätigt die Befürchtungen nicht, im Gegenteil.

Es ist nicht ganz einfach, eine solche fiskalische Nettoposition zu berechnen, weil die Abgrenzung nicht unbedingt nur auf eine Weise geschehen kann. Man könnte sich dazu auf die ausländischen Staatsbürger im Inland konzentrieren. Das schmälert allerdings die Vergleichbarkeit, weil die verschiedenen Staaten unterschiedlich leicht und oft einbürgern. Stattdessen werden von der OECD als Referenz die Menschen genommen, die im Ausland geboren wurden („foreign-born“).

Hiermit ergibt sich folgendes Bild: Die fiskalische Nettoposition ist in allen OECD-Ländern von der Größenordnung her gering. Gemessen in Prozent vom Bruttosozialprodukt reicht die Bandbreite von -1,13% bis +2,02%. In 19 Ländern ist sie positiv, in zweien neutral und nur in fünf negativ. Für die OECD liegt sie ingesamt bei +0,35%.

Für manchen vielleicht verblüffend ist die Lage für Länder mit hoher Einwanderung besonders günstig. Luxemburg steht hier bei +2,02%, die Schweiz bei +1,95%. Auf dem dritten und vierten Platz folgen zwei Länder, aus denen eher Gejammer über Einwanderung zu vernehmen ist: Italien und Griechenland mit jeweils +0,98%. Mit anderen Worten: hier subventionieren die Einwanderer die Inländer. Auf den ersten Blick sieht die Situation für Deutschland schlecht aus mit dem Schlußplatz von -1,13%. Allerdings resultiert dies nur aus den Leistungen, die Einwanderer aus dem Rentensystem beziehen.

Nimmt man diese aus, so stellt sich ein anderes Bild ein: die fiskalische Nettoposition verbessert sich für die OECD auf +0,57%. Es gibt nur noch drei Länder mit einer negativen Position, die selbst für die USA mit nur -0,51% geringer als zuvor ausfällt. Luxemburg und die Schweiz stellen sich noch besser mit +2,2% und +2%. Für Deutschland ergibt sich nun ein positiver Saldo von +0,21%. Das ist auch eher die relevante Zahl, wenn es um in der Regel junge Einwanderer geht, die auf lange Sicht keine Renten beziehen werden. Um es zu betonen: diese subventionieren die Inländer, nicht umgekehrt.

Wie läßt sich der Unterschied zwischen den Zahlen mit und ohne Rentensystem erklären?

Der größte Teil der auswärts Geborenen wanderte von den späten 50er bis in die 70er Jahre ein. Danach wurde die Zuwanderung abgewürgt. Von daher finden sich unter den Einwanderern viele ältere Jahrgänge. Im Schnitt waren von 2007 bis 2009 die Haushaltsvorstände zu 33,5% zwischen 64 und 75 Jahren, zu 12,3% über 75 Jahre alt, sodaß gut 40% im Rentenalter lagen (vgl. Seite 171 der Studie). Allerdings  haben diese Menschen auch über lange Zeit in die Systeme eingezahlt. Und die Kinder und Enkel mit ihren Beiträgen fallen aus der Betrachtung heraus, da sie wohl meist in Deutschland geboren sind. Betrachtet man nur die ausländischen Staatsangehörigen mit ihrer jüngeren Altersstruktur, so ist der Saldo auch positiv (siehe Seite 176).

Aufgrund der Altersstruktur sind die Zahlen für die einzelnen Aufwendungen nicht einfach vergleichbar, aber doch interessant. Einwanderer beziehen 30% weniger an Arbeitslosenunterstützung als Inländer und 40% weniger für Familienunterstützung, dafür 20% mehr an Sozialhilfe und 40% mehr an Wohnzuschüssen und Rente (siehe Seite 173).

Um es zusammenzufassen:

  • Einwanderer zahlen in der OECD und den meisten ihrer Länder netto mehr in die Sozialsysteme ein, als sie erhalten.
  • Selbst wo die fiskalische Nettoposition negativ ausfällt, ist sie eher gering.
  • Der negative Saldo für Deutschland rührt vom Rentensystem und der Altersstruktur der Einwanderer her.
  • Beachtet man, daß ihre Nachkommen zwar einzahlen, aber meist aus der Betrachtung herausfallen und die heutigen Rentner über lange Zeit eingezahlt haben, dann relativiert sich diese Aussage weiter.
  • Die fiskalische Nettoposition wäre günstiger, wenn es mehr Einwanderung gegeben hätte. Wenn Deutsche sich darüber beklagen, dann müßten sie sich an die eigene Nase fassen, weil sie eine solche Politik selbst gefordert haben.
  • Fazit: Es hat bis jetzt netto eine „Einwanderung in die Sozialsysteme“ eher auf der Zahlerseite gegeben. Das ist aber etwas ganz anders, als was oft suggeriert wird.

Nun kann man natürlich einwenden, daß das nur für die Vergangenheit galt, aber ab nun etwas anderes drohe. Bei völlig offenen Grenzen könne es anders aussehen. Es würde andere Menschen kommen, für die die Zusammenhänge anders wären. Etc.

Das ist natürlich alles möglich. Aber: Es spricht ja solange nichts dagegen, die Grenzen stärker zu öffnen, wie die Verhältnisse sich nicht umkehren. Daß Einwanderer die Inländer subventionieren, darüber braucht man sich nicht beklagen.

Und selbst wenn es sich der Saldo ab einem gewissen Punkt umkehren würde, dann wären auch die oben angeführten Vorschläge verfügbar: eine stärkere Ausgestaltung der Sozialsysteme zugunsten von denen, die arbeiten, sowie eine Beschränkung des Zugangs zu den Sozialsystemen für Einwanderer, sei es temporär oder, wenn es nicht anders ginge, dauerhaft.

Doch erst einmal müßte man ja ein Problem haben, bevor man es lösen muß.

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Siehe auch:

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3 Antworten auf Einwanderung in die Sozialsysteme?

  1. Prozzessor sagt:

    Die OECD ist keine unabhängige Organisation, somit eignen sich ihre Daten nicht, um irgendwelche Thesen zu beweisen , darüber hinaus wird hier vollkommen die enorme importierte Kriminalität die mit den Einwanderern kommt, ausgeklammert:

    http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2013/05/22/schwere-unruhen-schwedische-einwanderungs-politik-gescheitert/

    Kurz gefasst: Der Autor stellt eine These auf und sucht sich nur noch Daten aus, die ihm in den Kram passen.

    • eugen sagt:

      Wenn die Frage ist, wie viel in die Systeme eingezahlt, wie viel daraus bezogen wird und was die Nettoposition ist, dann widerlegt man das nicht dadurch, daß man das Thema wechselt (Ausmaß von Kriminalität). Methodik und Datengrundlage sind ja genannt. Wir freuen uns auf Ihre Kritik daran. Wenn es sich um eine simple Fälschung handelt oder eine andere Manipulation, sollte es Ihnen ja leicht fallen, das nachzuweisen. Nur zu!

    • eugen sagt:

      Zu Ihrer Behauptung zur Kriminalität siehe:

      Rainer Geißler: Schwerpunkt: „Ausländerkriminalität“? Realitäten und Vorurteile
      http://www.uni-siegen.de/phil/sozialwissenschaften/soziologie/mitarbeiter/geissler/ueberblick_1_08.pdf

      Es geht um folgende Thesen:

      These 1: Arbeitsmigranten halten sich mindestens genauso gut an die Gesetze wie Deutsche
      These 2: Arbeitsmigranten sind erheblich gesetzestreuer als Deutsche mit einem vergleichbaren Sozialprofil
      These 3: Migrationseffekt Gesetzestreue – Die Arbeitsmigration hat nicht die Kriminalität, sondern die Gesetzestreue erhöht

      Wir freuen uns auch hier auf Ihre methodische Kritik!

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