Der Kronprinz

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[Eugen Richter: Im Alten Reichstag, Band 2, 1896, Seite 82-83.]

In engeren parlamentarischen Kreisen war in dieser Zeit das Verhalten des Kronprinzem welcher noch bis Dezember als Stellvertreter seines Vaters die Regierung führte, vielfach Gegenstand der Erörterung. Mir erzählte Schulze-Delitzsch, daß der Kronprinz, welcher ihn während dieser Zeit empfangen hatte, die Äußerung zu ihm gethan habe, Fürst Bismarck habe sich früher viel zu sehr mit Lassalle und den Sozialdemokraten eingelassen. Vielleicht hatte Fürst Bismarck von ähnlichen Äußerungen des Kronprinzen Kenntnis erhalten und mir deshalb einige Anspielungen auf dieses frühere Verhalten gegenüber Lassalle besonders verübelt. Stauffenberg erzählte seinem Fraktionsgenossen Hölder nach dessen Tagebuch am 18. September, der Kronprinz habe, ihm gesagt, wir (die Nationalliberalen) sollten nur so handeln, daß die Schuld eines etwaigen Scheiterns nicht auf uns (die Nationalliberalen) gewälzt werde. Zu Forckenbeck hat nach Stauffenbergs Mitteilung an den Fraktionsgenossen Römer der Kronprinz gesagt: „Auf Sie verlasse ich mich vor allem in diesen schweren Zeiten.“ Der Kronprinz habe Statthalter von Elsaß-Lothringen und Stauffenberg alsdann dessen Minister werden sollen.

Von anderer Seite wurde damals verbreitet, Fürst Bismarck habe aus Anlaß der Umänderungen des Sozialistengesetzes eine nochmalige Reichstagsauflösung erstrebt und sei in diesem Streben durch den Minister des Innern, Grafen Botho Eulenburg bestärkt worden. Fürst Bismarck aber sei dabei auf entschiedenen Widerstand des Kronprinzen gestoßen. Es wurde sogar von einer heftigen Scene erzählt, in welcher der Kronprinz seinem monarchischen Bewußtsein dem Fürsten Bismarck gegenüber einen energischen Ausdruck verliehen habe. Erst infolgedessen habe sich Fürst Bismarck bequemt, die Kommissionsbeschlüsse zum Sozialistengesetz anzunehmen. Einen Nachklang dieser Stürme wollte man erkennen in der Äußerung des Fürsten Bismarck bei Verkündigung des Sessionsschlusses, daß die Regierungen mit dem Gesetz einen Versuch machen und eventuell weitere Verschärfungen dieses Gesetzes oder der Bestimmungen des gemeinen Rechtes verlangen würden. Diese Ankündigung stimmte übrigens überein mit der Aufzählung möglicher Verschärfungen „in der ordentlichen Reichstagssession im Winter“, welche Fürst Bismarck schon in seinem Schreiben an v. Tiedemann vom 14. August gemacht hatte.

Auch dem Abg. Hölder erzählte nach dessen Tagebuch am 5. November „ein württembergischer Staatsmann“: Seine Vermutung, daß Stauffenberg und die Linke der nationalliberalen Partei bei dem Kronprinzen eine Stütze zu haben glaube, sei richtig und habe sachliche Anhaltspunkte. Bismarck habe lange geschwankt, ob er mit dem Reichstage brechen oder mit dem Gebotenen sich begnügen solle; der Kronprinz sei entschieden für letzteres gewesen.

Wieviel daran wahr ist, wird erst in einer späteren Zeit offenbar werden. Das Tagebuch des Kronprinzen liegt in den geheimen Archiven hinter Schloß und Riegel. Von den Männern, welche in der Lage gewesen sind, gar manches über die politischen Ansichten des Kronprinzen in jener Zeit zu offenbaren, sind Forckenbeck, Schulze-Delitzsch, v. Saucken-Tarputschen verstorben. Andere wie Stauffenberg, Schrader, Bamberger haben bisher keinerlei Mitteilungen veröffentlicht, obwohl die Gegenseite nicht zurückgehalten hat mit Erzählungen, die wie Gustav Freytags biographische Skizzen geeignet sind, den Kronprinzen in einem falschen Lichte erscheinen zu lassen.

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