1001 Nacht im Verfassungsstaat

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von Alexander Moszkowski, 1912

In der nächsten Nacht begann Scheherasad folgende Erzählung:

Geschichte des Kalifen

und der schönen Fatime.

Eines Nachts war Harun Arraschid sehr mißmutig. Er ließ seinen Vezier Djafar, den Barmekiden, rufen und sagte ihm: „Ich kann nicht einschlafen vor Beklemmung und begehre Unterhaltung. Telephoniere doch an Masrur, den Intendanten meiner Hofschauspiels, er möge mir tausend Tänzerinnen hersenden, wohlgestaltet und zart gebaut wie die Gazellen, daß sie liebliche Reigen vor mir aufführen und mich auch sonst bis zu einem gewissen Grade erquicken.“ Da sagte Djafar: „Bei Gott und deiner Verwandtschaft mit dem höchsten Propheten, das ist unmöglich! Hast du vergessen, daß das Parlament dir den größten Teil deiner Zivilliste gestrichen hat? Hat sich die Kammer nicht geweigert, das Ballett auf das Extraordinarium der Reichsfinanzen zu übernehmen? O Herr, tausend Tänzerinnen haben wir nicht mehr, es sind nur noch einige alte Statisten vorhanden.“

Da sagte Harun Arraschid: „Wenn meine Privatschatulle so leer ist, wie du behauptest, so bleibt mir nichts übrig, als mit Mohammeds Hilfe einen Krieg mit den Nachbarstaaten zu beginnen. Ich werde ihnen eine ungeheure Kontribution auferlegen und mir davon so viel neue Tänzerinnen anschaffen, als mein Herz begehrt.“ Djafar antwortete: „Dies würde gegen Paragraph elf der von dir auf den Koran beschworenen Verfassung verstoßen. Zur Erklärung eines Krieges bedarfst du der Zustimmung des Kammerpräsidiums und der Fraktionsvorstände. Und ich könnte in keinem Falle die Verantwortung übernehmen, einen derartigen Antrag der Krone, bei den genannten Faktoren der Gesetzgebung vorzubringen.“

„Ich sagte dir doch aber, Djafar,“ brauste der Kalif auf, „daß ich mißmutig bin und der Zerstreuung begehre. Wenn ich keine verfassungsmäßigen Tänzerinnen haben kann, so soll Ibrahim, mein Scharfrichter, mir ein kleines Vergnügen bereiten. Er möge den Schreiber Jussuf aus der Tigrisstraße verhaften, hierherbringen und ihn vor meinen Augen enthaupten, dies wird meinen trüben Sinn aufheitern.“ — „O Herr,“ entgegnete Djafar, „solche Kabinettsjustiz ist parlamentarisch unzulässig. Denn erstens ist die Presse frei, und der Schreiber Jussuf darf schreiben, was ihm durch den Kopf geht, zweitens darf kein Gläubiger seinem ordentlichen Richter entzogen werden, und drittens ist Jussuf seit gestern Abgeordneter und als solcher nach Paragraph einunddreißig immun.“

Unter solchen Gesprächen war ein Teil der Nacht verstrichen, ohne daß der Kalif Ruhe finden konnte. Da sagte er: „Komm, Djafar, wir wollen nach alter Gewohnheit ein wenig auf den Plätzen Bagdads umhergehen. Wenn ich in meinem Palaste nicht enthaupten lassen darf, so möchte ich mir wenigstens zwischen meinen Untertanen die Beine vertreten-“ — „Dem steht nichts im Wege,“ sagte der Vezier, „nur sind es nicht Untertanen, sondern Staatsbürger. Das Recht des Spazierengehens ist dir übrigens nach Paragraph siebenundsechzig der Verfassung ausdrücklich gewährleistet.“ Alsbald begaben sich beide durch das Palastportal III auf die Straße, und kaum waren sie bis an das Minarett zum heiligen Vizepräsidenten gekommen, als sie eine vergoldete Sänfte bemerkten. Der Kalif hob den Vorhang und bemerkte das wunderbarste Frauenantlitz, das er jemals in seinem Leben gesehen zu haben vermeinte.

Da brach er in die Verse aus:

„Meinen Gruß der in Seide Gekleideten, den
Rosen, die in den Gärten ihrer Wangen blühen. Du
gleichst an Schönheit einer Antilope, und mein Herz
ist dein Weideplatz;

und abgesehen davon, wie heißt du ?“ Das Mädchen erklärte, sie hieße Fatime und wäre eine der unbescholtensten Töchter des Goldschmiedemeisters Ganem, Mameluckenstraße 12a. Da gab Harun sich zu erkennen, ernannte ihren Vater zum Hoflieferanten und begehrte Fatime zur Lieblingssklavin. Vielleicht wäre es ihm auch gelungen, sie zu überreden, denn in ihrem Antlitz schimmerte ein Strahl, der zu bedeuten schien, daß sie sich ihm gerne zur Linken ansiegeln lassen wolle, allein der Großvezier erhob abermals verfassungsrechtliche Bedenken. Nach Lage der Gesetzgebung wäre die Überführung einer freien Bürgerstochter in den Sklavenpark des Monarchen nicht zulässig. Indes erbot sich Djafar, in Anbetracht der Dringlichkeit des Falles die Angelegenheit im Parlament zur Sprache zu bringen, um, wenn möglich, die obwaltende Schwierigkeit auf dem Wege eines Spezialgesetzes zu beseitigen. Dies geschah, und am nächsten Tage wurde die schöne Fatime einer Kommission von 21 Mitgliedern überwiesen. Bei dieser Gelegenheit hielt der Vezier eine mit neunundneunzig geflügelten Zitaten aus den heiligen Schriften geschmückte Rede, die so bedeutend war, daß die Stenographen auf die Knie fielen, Allah priesen und um Schonung baten. Ein wegen seiner Toaste hochberühmtes Mitglied der Fortschrittspartei besang diese ministerielle Rede mit der Strophe:

„Deine Worte rauschen wie Adlerfittiche, sie
stürzen wie die Wasserbäche vom Berge Wak-Wak
und füllen in vollendeter Anmut das Ohr des Hörers
sowie zweiundzwanzig Spalten im Reichsanzeiger.“

Nun verging Woche auf Woche, Monat auf Monat, ohne daß Fatime aus der Kommission zur Beratung in Pleno gelangte. Harun Arraschid verzehrte sich in Sehnsucht, er wurde immer liebessiecher, und das Fleisch verdorrte auf seinen Rippen, allein Djafar wußte ihm auf alle Anfragen immer nur die eine Auskunft zu erteilen, daß die holde Geliebte in der Kommission höchst gründlich durchberaten würde. Der Kalif drohte mit Kammerauflösung und ließ sich hiervon nur durch die parlamentarische Gegendrohung der Haremsauflösung abbringen.

Allmählich alterte Fatime, sie welkte dahin, und eines Tages erfuhr der Herrscher, sie wäre mit vielen anderen Entwürfen in der Kommission begraben worden. Da dichtete Harun Arraschid die Verse:

„Meine Geliebte war schön wie der Duft des
anbrechenden Morgens, mein Augapfel ist wund
geworden von Tränen, und die Verfassung, die ich
mit Inbrunst beschworen habe, kann mir gestohlen
werden.“

Allah möge sich seiner erbarmen!

(Autorisierte Übersetzung aus dem Arabischen von Alex ben Moszkowski.)

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