Der Krieg zwischen England und Afghanistan

Dieser Artikel wurde 3903 mal gelesen.

Berliner Wespen, 18. Oktober 1878

(Originalberichte.)

II.

Herrn Wippchen in Bernau.

Wir haben schon oft zu bemerken Gelegenheit gefunden, daß Sie, wenn Sie Berichte von entfernten Schauplätzen schreiben, ohne Weiteres annehmen, der Leser wisse wenig oder Nichts von denselben, und daß Sie dann, von dieser Ueberzeugung ausgehend, ohne irgend welche Bedenken Scenen schildern, Begebenheiten erzählen und das Leben der Bewohner darstellen, wie Ihnen dies gerade paßt. Das ist natürlich sehr unvorsichtig von Ihnen, denn wenn auch der größere Theil des Lesepublikums, ohne nachzudenken, liest und das gedruckte Wort für eine unumstößliche Wahrheit hält, so muß doch auch in Betracht gezogen werden, daß Zeitungen gelegentlich in die Hände von Lesern gelangen, welche sehr gut orientirt sind und die Fehler auf der Stelle durchschauen, rügen und mit Recht verspotten.

So beschreiben Sie in Ihrem jüngsten Bericht eine Scene, deren Zeuge in der Wüste Sie gewesen sein wollen. „Gestern Abend“ — so beginnen Sie — „wandelte ich nach der Lagune, um in dem hohen Schilf zu liegen, nachdem ich die Wüste nach allen Windrosen durchstreift hatte. Wo Gazellen und Giraffen trinken, kauerte ich im Rohre, um auszuruhen, es war ringsum still, nur ein Kaffer schweifte einsam durch die Karroo. Da plötzlich springt ein Löwe auf den Rücken einer nichtsahnenden Giraffe u. s. w. Kurz, man merkt schon in der zweiten Zeile, daß Sie Freiligrath’s Löwenritt schildern. Sie laufen neben der von dem Löwen gerittenen Giraffe her und zwar in Gesellschaft des Geiers, der Hyäne, „der Entweiherin der Leichenträger“ und des Panthers, die sich als Mitesser zur Begleitung aufgemacht haben. Dann erzählen Sie, wie die Giraffe an der Wüste Saume von dem Leu bis auf etliche Knochenreste verzehrt wird, und daß Sie sich erst entfernten, „als über Madagascar das Frühlicht fünf schlug“. Abgesehen von Allem: Sie sehen in Afghanistan die Sonne über Madagascar aufgehen, — diese einzige Zeile würde genügen, um Sie und uns dem Gespötte der ganzen Leserwelt preiszugeben!

Auf Ihren ferner uns übermittelten Vorschlag, für Sie einen eigenen Telegastrographendraht legen zu lassen, der Ihnen dreimal täglich frische Speisen zuführen soll, gehen wir nicht weiter ein. Der Telegastrograph existirt bekanntlich nur als Problem und füllt vorläufig— mehr das Feuilleton als den Gaumen.

In Erwartung wichtiger Ereignisse aus Ihrer bewährten Feder grüßen wir Sie

ergebenst

Die Redaktion

Bernau, den 17. October 1878.

WippchenMein armer Löwentritt! Ich bin nicht eitel wie der Prediger Salomo, ich redete mir also nicht etwa ein, daß ich einen aere perennius geschrieben hatte, wie ich denn auch nicht in irgend einen meiner Berichte verliebt bin, wie Abälard in seine Petrarca. Nichtsdestomehr verlange ich aber auch, daß meine Arbeiten nicht von oben herab in den Papierkorb geworfen werden. Gerade weil mein Löwenritt dem Freiligrathschen wie einem Ei ähnlich sah, durften Sie nicht mitleidig ihren Rothstift zucken, sondern mußten ihn abdrucken. Ich möchte nur wissen, weshalb Sie immer meine Hähne den Göttern opfern, immer nur mein Haar in Allem finden, immer nur Ihren werthen Quark in meiner Nase begraben. Das ist mir — verzeihen Sie das harte Wort! — unbequem. Wenn Sie nicht wollen, daß ich nach den besten Mustern der deutschen Literatur arbeite, so verrathen Sie dadurch, daß Sie dieselben nicht nach ihrem Werthe zu schätzen wissen. Die Giraffe wurde wahrlich nicht nur für Freiligrath von dem Löwen geritten; täglich geschieht es, dass se. Majestät der Wüstenkönig eine Giraffe zur Tafel zieht und verspeist Ob er dies nun bei Madagascar oder in Afghanistan thut, das kann der Giraffe doch wahrlich gleichgültig sein und Ihnen erst recht.

Doch das ändert ja leider Nichts, und ich muß Alles geschehen lassen. Aber schließlich wüthen Sie doch nur gegen Ihr eigenes Fleisch und Gemüse und beißen wie die Schlange in den sauren Schwanz. Es ist nicht meine Schuld. Dennoch hat mich Ihr Brief wieder einmal in einen gährenden Drachen verwandelt, obschon ich bei der Lectüre Ihrer Zeilen in einen lauten Auguren ausbrach. Ich bin ohnedies über die Saumseligkeit der afghanischen Ereignisse sehr verstimmt. Diese Festina ist mir denn doch zu lente. Zehnmal schon wollte ich Ihnen ein Haupttreffen liefern, aber dann unterließ ich es wieder, weil ich zwei Armeen, welche sich nichts an der Uniform flicken, absolut rathlos gegenüberstehe. Es befindet sich zwischen ihnen der Hahn derart in Ruh, daß man einen Apfel nicht weit vom Stamm fallen hören könnte. Trotzdem habe ich es versucht, einliegend den Mars zu beginnen. Sie wissen, daß sich die Engländer beruhigen würden , wenn der Emir Abbitte leistete, und dies gab mir den Stoff zu meinem Bericht, dessen Schluß eine gespannte Folter bildet und uns ganz freie Hand läßt.

Senden Sie mir mit wendendem Lloyd 3 Pfund Sterling. Der Cours ist 20,48. Ich bin, wenn auch kein Harpaxkragen, so doch sparsam und drehe jedes Glas dreimal um, bevor ich es austrinke, aber es ist doch ein theures Pflaster, dem ich obliege.

Peschawer, den 14. October 1878.

W. Die Ungewißheit der letzten Tage ist zu Ende. Wir hatten den an den hintersüßigen Emir geschickten Gesandten lange umsonst zurückerwartet, doch erst gestern kam er endlich an. Ich hatte als ziemlich fließender Engländer schon aus verschiedenen Reden der englischen Officiere auf eine Abbitte des Emirs geschlossen, und allerdings erklärte sich Shir Ali auch zu einer solchen bereit. Da war die äußerste Mutter der Weisheit geboten. Kaum also hatte der Gesandte den Doppelbuckel seines Wüstenschiffs verlassen und den Brief verlesen, in welchem der Emir sich zu einem John Bull peccavi bereit erklärte und versprach, den Zaun, von welchem er den Conflict gebrochen hatte, zurückzunehmen, als auch die englische Armee mobil gemacht wurde und sich auf den Marsch nach dem Khyber-Paß begab. Da standen wir die ganze Nacht. Aus der Ferne tönte schauerlich das Geschrei des Schakal, so daß an Morpheus nicht zu denken war. Und als Helios seinen Wagen über die Landschaft goß, da stand sie vor uns, die afghanische Armee, wohl an 25,000 Mann Fußvolk und 200 Schwadronen Kameelerie.

Alsbald erschien, eine Fahne (natürlich eine schwarze) schwenkend, ein höherer Offizier vor unserer Front, um Namens des Emir abzubitten. Das, was er laut werden ließ, verstanden aber die Englcinder nicht und konnte auch höchstens: „Entschuldigen Sie!“ oder: „Darum keine Feindschaft!“ oder gar nur: „L’emir c’est la paix“ bedeuten. Die Engländer ver- langten daher die Erklärung: „Der Emir nimmt Alles zurück, was er gesagt hat, und erklärt die Königin Victoria für eine Ehrenfrau!“ aber nun verstanden wieder die Afghanen die Engländer nicht.

Der Afghane ritt zurück.

Die Armeen standen bereit. Es herrschte ein stilles Mäuschen.

Plötzlich —

Erläuterung

Wippchen (= Julius Stettenheim) ist der “ownste” Kriegsberichterstatter der “Berliner Wespen”. Er saugt sich in Bernau bei Berlin seine Geschichten aus Pfeife und Bierseidel, gewissermaßen als Vorläufer heutiger „embeddeder“ (im Bett liegender) Reporter. Aktuell berichtet er über den Zweiten Anglo-Afghanischen Krieg.

Hinweis

Bei Libera Media gibt es kommentierte Neuauflagen der Werke von Julius Stettenheim, dem Macher hinter den „Berliner Wespen“ (erhältlich über Amazon, einfach auf das Bild klicken):

Wippchens%20Gedichte%20klein%202 Ein%20lustig%20Buch%20klein%202 Burlesken%20Klein%201

Siehe auch:

Dieser Beitrag wurde unter 1878, Afghanistan, Berliner Wespen, Geschichte, Großbritannien, Julius Stettenheim, Krieg, Medien, Satire veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar