Unsere Afrikaner

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von Alexander Moszkowski, 1912

I.

Suaheli.

„Ich suche für mich persönlich einen Sprachlehrer für afrikanische Grammatik und Konversation.

Graf von Lobsheim-Nuttingen,
Kurfürstendamm 301.“

Dieses Inserat erschien in gemessenen Abständen von je fünf Tagen, ohne daß sich ein Philologe bei Kuno meldete. Die Spezialisten des Innerafrikanischen sind eben in Berlin, trotz aller Kolonialbegeisterung, noch recht selten, und auf zehn Gelehrte, die sich mit den Marsmenschen verständigen können, kommt noch nicht einer, der die Neger-Idiome beherrscht. Endlich aber erschien doch beim Grafen Kuno ein Bewerber, der so gebrochen Deutsch sprach, daß man ihm das Afrikanische ohne weiteres zutraute. Er war ein interessanter Jüngling mit schwarzem, hängendem Schnurrbart und stechenden Augen, der, wie er erzählte, den Kongo und Senegal zu sprachwissenschaftlichen Studien bereist hatte und sich bereit erklärte, den Grafen binnen drei Monaten, bei täglich einer Stunde à zehn Mark vollkommen zu afrikanisieren. Schon am nächsten Tage begannen die Lektionen, denen der Sekretär des Grafen als Mitlernender assistierte. Und ehe ein Quartal ins Land gegangen war, fühlten sich beide Schüler dank ihrer natürlichen Beanlagung und der regen Unterweisung des Sprachmeisters so weit gefördert, daß sie sich privatim manchmal stundenlang auf gut Suaheli unterhalten konnten.

Natürlich war der Graf für den Kolonialdienst vorgemerkt. Als er vollends sein Curriculum durch die Angabe vervollständigte, daß er perfekt Suaheli könne, gewann er den Vorsprung vor Dutzenden anderer Anwärter, und auf die Empfehlung der Dezernenten hin erblühte ihm bald das Patent als Gouverneur eines weit im Hinterland gelegenen Postens bei dem berüchtigten Stamme der Nakwa-Quakwa.

Dieser Stamm befand sich noch auf jener Vorstufe der Kultur, auf die der wahrhaft Zivilisierte nur mit Schaudern herabblickt. Ihre Rezepte zur Zubereitung des Menschenfleisches entsprachen nicht den einfachsten kulinarischen Anforderungen. In all’ ihren Gepflogenheiten herrschte ein moralischer Tiefstand, der nur durch die feste Hand eines gebildeten und sittenstrengen Märkers gehoben werden konnte.

Im Besitz einer glänzenden Tropenausrüstung langte der sprachkundige Graf mit seinem Sekretär bei der Station an, wo er von einem Detachement der Schutztruppe gebührend begrüßt wurde. Kaum waren die Vorstellungen vorüber, als der neue Herr daran ging, eine Reihe von Verordnungen zu erlassen, weil das Heil eines kolonialen Terrains, wie er sich sehr richtig sagte, von der Anzahl der Edikte, Reglements und sonstigen Paragraphen abhängt, die der Chef am Stationsgebäude anschlagen läßt. Der Graf diktierte auf Suaheli und der Sekretär schrieb auf Suaheli Verordnungen über das Verbot des Waffentragens, über das Verbot der Jagd, über das Verbot auf Bäume zu klettern, über das Verbot, bei Nacht zu singen und über das Ver- bot, Verbote zu kritisieren.

Die dunkeln Eingeborenen glotzten die Plakate am Stationsgebäude an, hatten keine Ahnung von ihrem Inhalte, übertraten sie, wurden mit der Rhinozerospeitsche oft und nachdrücklich aber ebenso vergeblich gestreichelt, und schließlich sagte der Graf: „Sie sehen daraus, lieber Sekretär, wie recht unser Sprachmeister in Berlin hatte, daß das reine, klassische Suaheli im Aussterben begriffen sei. Diese Eingeborenen hier haben sich offenbar schon in einen so verderbten Suaheli-Jargon hineingequatscht, daß sie ihre unverfälschte Muttersprache gar nicht mehr kapieren. Was nutzen mir da alle Verordnungen! Also organisieren Sie von morgen ab einen Kursus unter den Häuptlingen und trichtern Sie ihnen so lange das echte Suaheli ein, bis sie sich auf ihre Sprachvergangenheit besinnen und unsere Anschläge am Stationsgebäude tadellos verstehen!“

Damit hatte der Gouverneur, wie stets, das Richtige getroffen. Mit einer Lernbegier ohnegleichen stürzten sich die Häuptlinge auf den dargereichten Unterrichtsstoff, denn instinktiv begriffen sie, je schneller sie lernten, desto klarer wurden ihnen die zahllosen Verordnungen, und desto seltener tanzte die Rhinozerospeitsche auf ihren allerwertesten Genossen. Und von den Häuptlingen sickerte das echte Quellwasser des Ur-Suaheli auf die übrigen Mitglieder des Stammes, so daß der hohe Chef und sein Sekretär sich nach wenigen Monaten mündlich-friedlich mit allen Nakwa-Qakwa-Leuten zu verständigen in der Lage war.

Als dieses schöne Resultat erreicht war, erschien dort plötzlich und unangemeldet ein Kommissar im Auftrage des Kolonialamtes, um die Zustände dieses kolonialen Landzipfels zu prüfen. Das bringt die Neugier der Berliner Behörden so mit sich. Der Kommissarius war ein äußerst schweigsamer Herr, der seine Eindrücke stark verinnerlichte und ihnen nach außen hin nur inso- weit Ausdruck lieh, daß er vielfach den Kopf schüttelte und „hm, hm!“ machte.

Und abermals nach einiger Zeit traf bei dem gräflichen Gouverneur ein auf verdächtigem Blaupapier abgefaßtes, amtliches Schreiben mit nachstehendem Duktus ein:

„Auf den Bericht unseres Kommissars sehen wir uns veranlaßt, Sie einstweilen von den Funktionen eines Stationsleiters zu entbinden und zur Vernehmung nach Berlin zu laden. Diese Vernehmung soll sich über folgende Punkte erstrecken:

Nach dem oben erwähnten Referat sprechen sämtliche Einwohner des Ihrer Obhut anvertrauten Distrikts ausschließlich Polnisch.

Welchen Einflüssen ist es zuzuschreiben, daß das Polnische, dessen Bekämpfung unserer Regierung schon in den heimischen Ostmarken soviel Schwierigkeit und Sorge bereitet, innerhalb eines afrikanischen Suahelistammes so große Verbreitung gewinnen konnte?

Warum haben Sie Ihre Autorität nicht dazu benutzt, um einer Propaganda mit aller Macht entgegenzutreten, die ersichtlich darauf ausgeht, mitten in Afrika ein antigermanisches Großpolen zu errichten?“

Einen Monat später saß wieder ein neuer Gouverneur in der Station, der sich natürlich wieder sofort mit neuen Verordnungen einführte. Aber diese ließ er den Leuten durch einen geprüften Dolmetscher in wirklichem Suaheli mitteilen. Die wichtigste lautete: Jeder Eingeborene erhält fünfundzwanzig auf den bloßen . . . . Versuch hin, ein Wort Polnisch in den Mund zu nehmen.

II.

Tartarin.

„Also schon in der nächsten Woche wollen Sie uns verlassen ?“

„Jawohl, schönste Freundin. Was sollte mich hier halten? Der Flirt mit Ihnen? Führt ja zu nichts, das habe ich längst eingesehen. Bin Ihnen eben nicht berühmt genug. Und da habe ich mir gedacht: holst dir erst mal ein paar Lorbeern da draußen in den Kolonien, vielleicht jeht’s dann besser.“

„Und an welche Station kommen Sie denn da, Baron?“

„Weiß noch selbst nicht genau, zu was für Botokuden sie mich schicken werden. Ich glaube, die Bande heißt Wakombos oder Matumbos oder so ähnlich, da irgendwo am Kilimandscharo, hinter den Nilquellen, wo der Pfeffer wächst!“

„Unter welchem Breitengrad wäre denn das?“

„Breitengrad, teure Freundin? Das gibt’s da noch gar nicht. Dazu ist die Gegend noch viel zu unzivilisiert. Aber Wilde wird’s da geben, die schwere Menge. Habe mir vorgenommen, mal da ordentlich zu jagen. Und die schönste Trophäe, die ich erlege, die kriegen Sie! Wahrhaftig ja, die schicke ich Ihnen, auf Ehrenwort.“

„Ach, Baron, lassen Sie doch die armen kleinen Antilopen in Frieden!“

„Was, Antilopen? Nee, für so’n Kleingemüse wär’ mir mein Pulver zu schade. Wenn ich schon in Afrika bin, dann gehe ich aufs vornehme Wild. Einen Tiger schicke ich Ihnen, das Biest soll für Sie sterben, damit Sie sein Fell unter Ihre rosigen Füßchen bekommen.
Was sagen Sie un? Bin ich ein Kavalier?“

„Aber Baron, Sie scheinen nicht zu wissen . . .“

„Ich kenne alle Einwände. Die große Lebensgefahr, natürlich; macht mir eben Spaß. Schlimmstenfalls stirbt man im Beruf. Dann stiften Sie mir ein Tränenkrüglein auf mein Grab, wird mir ein höchst schmunzelbares Gefühl sein. Also auf Wiedersehen, Gnädige, und schreiben Sie mir ein zärtliches Wort, wenn der Tiger bei Ihnen Aufwartung macht!“

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„Ja, hören Sie mal, ich bin da in einer scheußlichen Verlegenheit Ich habe mir nämlich fest vorgenommen, einen Tiger zu schießen, und nun sagen mir die eingeborenen Bofkes, daß es hier in der Gegend gar keine Tiger gibt. Sie als Faktoreibesitzer müssen doch damit Bescheid wissen. Wie ist das eigentlich?“

„Herr Baron, seit Afrika steht, ist noch nie ein Tiger im Lande gewesen. Und wenn Sie unsern Kontinent von Algier bis zum Tafelberg durchqueren, werden Sie keinen Tiger entdecken.“

„Dann soll der Deibel die ganzen Kolonien holen. Wie gesagt, ich muß einen Tiger haben, tot oder lebendig. Was es kost’, ganz egal. Sie haben ja doch auch ein Speditionsgeschäft. Könnten Sie mir nicht so’ne Bestie verschaffen?“

„Vielleicht, Herr Baron. Das heißt, auf einen lebendigen Tiger lasse ich mich nicht ein; das ist mir zu umständlich und zu gefährlich. Aber ein schönes Tigerfell wird sich wohl beschaffen lassen. Ich stehe ja mit Kalkutta in Verbindung und anderen Orten, wo es so was gibt. Und wenn ich nun so ein Fell be- komme, was soll damit geschehen?“

„Dann packen Sie’s in eine Kiste und schicken es an die Adresse, die ich Ihnen hier aufschreibe. Es ist eine Dame in Berlin. Aber hören Sie mal: die Kiste darf nicht etwa von Kalkutta oder so abgehen, sondern die Dame muß erkennen, daß die Sendung aus Afrika kommt.“

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Der Faktoreibesitzer an den Baron, Station Mutibi, Westafrika.

„Bezugnehmend auf unser Gespräch vor einigen Monaten, beehre mich, Ihnen anzuzeigen, daß das bewußte Exemplar sich endlich in meinen Händen befindet. In Anbetracht der Schwierigkeit der Beschaffung werden Sie beiliegende Nota für Wert, Emballage und Transport nicht übertrieben finden. Das Fell, drei Meter lang und von außerordentlicher Schönheit, geht mit dem nächste Woche fälligen Dampfer ab Swakopmund an seinen Bestimmungsort.“

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Gnädige Frau!

Möge der Tiger, der gleichzeitig mit diesem Brief die Reise ab Swakopmund zu Ihnen antritt, der Dolmetscher meiner Gefühle sein. Als ich so im Dschungel hingekauert das Gewehr anlegte und losdrückte, brüllte ich lauter als das getroffene Untier: Stirb für sie, die grausamer ist als du, Bestiel Ich hatte insofern Glück, als ich tatsächlich einen der letzten Tiger vor den Lauf bekam, die noch in Afrika vorhanden, vielleicht den allerletzten. Gönnen Sie den beneidenswerten Posten als Bettvorleger diesem edlen Repräsentanten einer nunmehr erloschenen Tierdynastie in unsern Tropen. Nun ich mit der Sorte aufgeräumt habe, frage ich mich ernstlich, was ich eigentlich noch hier soll in der afrikanischen Einöde, die in Wahrheit viel langweiliger ist, als Sie sich bei Ihren Spaziergängen in der Kolonialausstellung vorstellen können. Ich erwarte hier nur noch einen Lichtblick, nämlich eine Zeile von Ihnen, die mir Kunde bringen soll davon, daß meine unendliche Sehnsucht in Ihrem Boudoir ein zartes Echo findet.

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Lieber Baron!

So haben Sie doch Wort gehalten, Sie Tapferer! Welche Empfindungen ergriffen mich, als ich den herrlichen Tiger auspackte, dieses tote und doch so beredte Symbol Ihrer Treue, Ihres Wagemutes! Seien Sie versichert, daß Ihnen für jede Sekunde der Lebensgefahr, die Sie im Kampfe mit dieser furchtbaren Kreatur erlebt haben, eine Zärtlichkeit danken wird. Sind Sie nun mit dem Echo zufrieden? Einstweilen sende ich Ihnen als einen schwachen Beweis meiner Erkenntlichkeit beifolgend eine kleine Gegengabe. Sie schrieben mir, daß Sie sich in Afrika so unsäglich langweilen, empfangen Sie daher zu Ihrer Zerstreuung einige zeitvertreibende Bücher, den Tartarin von Tarascon und die illustrierte Gesamtausgabe der Werke von Münchhausen. Alles zusammen im Verhältnis zu Ihrer königlichen Spende nur eine Bagatelle; ihr einziger Reiz besteht allenfalls darin, daß sie dem nämlichen Berliner Warenhaus entstammt, in dem Sie Ihren Tiger zur Strecke brachten. Das Geschäftsetikett an der Innenseite soll mich stets daran erinnern, was Sie in Afrika für mich erlegt haben!

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