Tagebuch eines Dichters

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von Alexander Moszkowski, 1912

Ich habe vor, ein Versstück zu verfassen, das die ganze Weltgeschichte vom Argonautenzuge bis zur Konferenz von Algeciras umspannen soll. Wenn ich mich da nur nicht im Metrum vergreife!

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Tragisches Geschick: Fünfundfünfzig Jahr alt geworden und noch nicht ein einziges Mal von der Zensur verboten gewesen!

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Mein Drama „Brutus Tod“ ist mir von den Bühnen zurückgewiesen worden; es sei gar zu traurig. Vielleicht mache ich eine Operette daraus.

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Nichts ist so wichtig als die Kontinuität. Ein einziger Erfolg kann den Ruhm von fünf Durchfällen vernichten.

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Sehr schwer ist es, ein vieraktiges Lustspiel zu schreiben, wenn man bloß drei Gedankensplitter besitzt.

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Jetzt habe ich endlich einen Verleger für meine lyrischen Gedichte gefunden. Der Mann sagte mir, daß die Herausgabe des Buches lebensgefährlich sei, aber er hoffe, deswegen den Carnegieschen Heldenpreis zu erhalten.

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Neulich schrieb ein Kritiker, mein Schauspiel „Aspasia“ wäre zu lang und hätte einen unbefriedigenden Schluß. Und dabei ist der Kerl schon im zweiten Akt fortgelaufen!

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Dreißig Jahre nach meinem Tode werden meine sämtlichen Werke tantiemefrei. Großer Gott! tantiemefreier, als sie jetzt schon sind, können sie ja überhaupt nicht mehr werden!

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