Briefliche Interpellation

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[Eugen Richter: Im Alten Reichstag, Band 2, 1896, Seite 93-94.]

Der Antrag der 204 war der erste Schritt. Der zweite folgte gleich darauf. Der Antrag für sich allein wäre nur ein parlamentarischer Monolog geblieben. Eine Verhandlung darüber im Reichstag konnte aber wegen des Sessionsschlusses nicht mehr stattfinden, war auch wohl gar nicht beabsichtigt. Aber ein bestimmtes Echo des Reichskanzlers mußte dazu hervorgerufen werden, um die nun schutzzöllnerische Mehrheit vor der Öffentlichkeit in direkte Beziehung zum Reichskanzler zu setzen und die Übereinstimmung desselben kundzugeben.

Freiherr v. Varnbüler hatte seine Gefolgschaft als „freien volkswirtschaftlichen Verein“ zusammengefaßt und damit die Möglichkeit parlamentarischer Aktionen geschaffen, ohne daß vorher die einzelnen Fraktionen, zu welchen die Unterzeichner gehörten, darüber in Beratung zu treten brauchten. Die politische Einheit wurde damit auseinandergezogen zu Gunsten der Bildung von Interessengemeinschaften. Der Bund der Landwirte hat neuerlich im Reichstag Ähnliches versucht. Ihm fehlt aber, so lange die Zentrumspartei nicht mitthut, die Mehrheit unter den Abgeordneten.

Unter Berufung auf seine große Gefolgschaft der volkswirtschaftlichen Vereinigung richtete nun Freiherr v. Varnbüler an den Reichskanzler am 19. Oktober 1878 brieflich die Frage: ob es die Absicht sei, dem Reichstag demnächst den Entwurf eines revidierten Zolltarifs vorzulegen, ob die Regierung vorher einen neuen Handelsvertrag mit Conventionaltarif nicht abschließen werde. Fürst Bismarck beantwortete am 25. Oktober von Friedrichsruh diese Frage, indem er unter Vorbehalt der Zustimmung der verbündeten Regierungen seine persönlichen Ansichten dahin kundgab, daß es allerdings in seiner Absicht liege, eine umfassende Revision des Zolltarifs herbeizuführen und bevor die Frage dieser Revision nicht ihre Erledigung gefunden habe, keine neuen Handelsverträge mit Conventionaltarif abzuschließen. Freiherr v. Varnbüler wurde zugleich ermächtigt, diese Kundgebung zu veröffentlicheim Auch diese Form der Inscenierung war natürlich zwischen dem Fürsten Bismarck und dem Freiherrn v. Varnbüler abgekartet.

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