Aus dem Tagebuche eines Riesen

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Julius Stettenheim, 1896

Riesen sind gewöhnlich schreibfaul. Der große Weg, den die Hand mit der Feder vom Papier bis zum Dintefaß und vom Dintefaß wieder bis zum Papier zurückzulegen hat, ermüdet den Arm. Daher findet der Autographensammler höchst selten Briefe und andere Schriftstücke von Riesen. Es existiren viele Riesenbriefe aber nur sehr wenige Briefe von Riesen. Das ist sehr bedauerlich. Wir zählen so viele große Männer, aber die Riesen lassen sich an den Fingern herzählen, und doch wäre es ungemein interessant, so hervorragende Persönlichkeiten etwas näher kennen zu lernen, als uns dies in einem Panoptikum ermöglicht wird.

Mit dem allgemein beliebten Vergnügen ergriff ich daher die Gelegenheit, die Bekanntschaft des Arabers Hassan Ali zu machen, des größten Menschen der Welt, der vor Kurzem — dieses Wort gefällt mir besonders wegen des Gegensatzes zu dem Genannten — in Castan’s Panoptikum eingetroffen war. Ich kann leider von dem Gespräch, das ich mit Herrn Ali führte, nur sehr wenig mittheilen. Der Genannte ist wirklich der größte Lebende, man könnte ihn einen Eiffelmenschen nennen, und so sprach er selbstverständlich so weit von mir entfernt, daß nur bei ganz günstiger Windrichtung dann und wann ein Wort an mein Ohr herunter gelangte. Mir war, als theilte mir Jemand aus der dritten Etage auf die Straße etwas mit, trotzdem Herr Ali, wie mich einige Männer mit Militärmaß versicherten, sehr laut zu sprechen pflegt. Etwas aber hatte ich mit gespitztem Ohr sehr deutlich vernommen: der größte Mensch führte ein Tagebuch, welches einen Folianten bildete, den er immer in der Westentasche trug. Man denke sich meine Freude, als er mir gestattete, einen Blick in seine Notizen zu werfen. Ich hätte fast sein Knie an mein Herz gedrückt.

Noch eines Witzes, den der Riese von oben herab machte, muß ich Erwähnung thun, um wenigstens noch etwas aus unserer Unterhaltung anzuführen. Einmal donnerte es. Dann stellte ich fest, daß es ein Gelächter Hassan Ali’s war. Ich blickte zu seinem wolkenlosen Gesicht hinauf und hörte, wie er sagte: „Ich in einem Wachsfigurenkabinet, ich, der ich längst aus dem Wachsthum heraus bin!“

Ich lachte freundschaftlich mit. Und nun zu den Tagebuchnotizen:

18. August. Am Bahnhof mußte ich in eine geschlossene Droschke steigen, weil es regnete. Das thue ich nie wieder. Zu beschreiben, wie ich gesessen habe, das ist absolut unmöglich. Von der Taille an lief mein Oberkörper an der Decke der Droschke hin, und meinen Kopf ließ ich dann herunterhängen.

Unter meinem Handgepäck befand sich ein Köfferchen von höchstens 100 Kilo 5chwere, aber der Kutscher meinte, das sei kein Handgepäcls und er nahm das winzige Ding zu sich auf den Bock. Als ich dann zum Glück bald am Ziel der Fahrt angelangt war, berechnete mich der Kutscher zu drei Personen, indem er sagte, ich solle ihm doch nicht einreden, daß ich „man blos eene lumpige Person“ sei. Und nun half es nichts, ich mußte als drei Fahrgäste bezahlen. Der Droschkenkutscher kann von Glück sagen, daß ich ihn nicht knickte.

Abends. Gleich nach meinem Eintreffen im Panoptikum kam ein Gelehrter, der sich Virchow nannte. Als er meinen Schädel messen wollte, nahm ich den Herrn auf den Arm. Aber ihm wurde bald so schwindelig, daß ich ihn wieder ins Thal hinuntersetzen mußte. Als er mir dann sagte, ich stellte Drasal in den Schatten, antwortete ich: Aber in meinen eigenen, denn einen anderen Schatten von solcher Größe kenne ich nicht.

19. August; Heute wird in dem Saal, in welchem ich mich aufzuhalten pflege, ein Gerüst aufgeschlagen. Als ich Herrn Castan fragte, ob ich gestrichen werden solle, sagte er: Nein, aber gemalt.

Dann nieste ich zwei Mal hintereinander und war nicht wenig erstaunt, als keiner der Anwesenden, wie hier üblich, „Zur Genesung“ oder „Zerspring’!“ sagte. Ich fragte dann nach dem Grund dieser Unhöflichkeit, doch bat Herr Castan um Entschuldigung, Niemand habe etwas gehört. Wenn ich wieder mal niesen wollte, so solle ich mich dazu niedersetzen.

Wie umständlich!

Nach dem Frühstück. Es gab nicht viel. Ich bekam sechs Wiener Rostbraten, zwei Mal Eisbein mit Sauerkohl und Hammelbraten. Ich sollte mir wohl den Appetit zum Mittagessen nicht verderben. Das ist denn auch nicht geschehen, ich habe einen Riesenhunger. Die Leute scheinen zu glauben, unsereiner könne von der Luft in den Mund leben.

Heute waren die ersten Zuschauer gekommen. Lauter Zwerge, die die Augen aufrissen und Genickschmerzen vom Hinaufsehen bekamen. Einer wünschte sich zu Weihnachten meine Weste, weil er sich daraus einen Hohenzollernmantel machen lassen wollte. Ein Anderer sagte: „Ich habe Sie schon früher einmal gesehen. Sind Sie nicht so ein kleiner, dicker Herr?“ Ein Dritter behauptete: „Den haben gewiß zwei Störche gebracht.“ Ein Vierter, wahrscheinlich ein passionirter Bergsteiger, fragte mich, ob ich gleichfalls mit ewigem Schnee bedeckt sei. „Wenn man dem was ins Ohr sagen will,“ meinte ein Fünfter, „dann muß man sich anseilen lassen,“ während ein Sechster erklärte: „Wenn ick Ali’n durch’n Operngucker ansehe, denn jraule ick mir.“

So platzten die Geister aufeinander.

Um meisten Spaß machten mir die Soldaten, denn ich hatte nicht gewußt, daß Deutschland eine Armee von Lilliputern hat. Und diese Knirpse haben das französische Heer« besiegt! Jetzt war es mir auch erklärlich, weshalb Soldaten und Kinder nur das halbe Entree bezahlen.

20. August. Das Schlimmste ist, daß ich nicht ausgehen darf. Ich habe Panoptikum-Arrest, sitze gewissermaßen im Castan. „Wenn Sie ausgehen, Herr Ali,“ sagte Herr Castan, „dann werden Sie umsonst gesehen, jeder Mensch an dem Sie dann auf der Straße vorübergehen, ist ein sogenannter Zaungast, und Freiberger machen den Kohl nicht fett.“ Das thut mir heute besonders leid, denn ich bin zu einem Rendezvous nach dem Potsdamer Platz bestellt worden. Ich erhielt ein Billet, welches lautet: „Ali’chen, wenn Sie auch Hassan heißen, so sind Sie doch gewiß kein Weiberhasser, und darum bitte ich Sie, heute Abend um zehn Uhr nach dem Potsdamer Platz vor Bellevue zu kommen. Ich bin natürlich kleiner als Sie, aber mein Herz ist dem Ihrigen gewachsen, denn ich habe auch ein großes Herz. Also auf Wiedersehen! Damit ich Sie herauskenne, nehmen Sie eine Rose ins Knopfloch.“ Ich mußte die freundliche Dame im Stich lassen, aber zu meinem Trost meinte Herr Castan, daß sie einen Kürzeren, der ihr Abendbrod bezahlt, gezogen haben wird.

23. August. Heute spürte ich einmal wieder, daß ich ein großer Mann geworden bin: ich wurde interviewt. Es erschien bei mir ein fast unsichtbarer Herr mit den Worten: „Ich bin von meiner Redaktion aufgefordert worden, Sie zu erklimmen, und ich bitte Sie also, mich über Ihr Leben und Ihre Gewohnheiten zu unterrichten.
Vor Allem: Können Sie mir Ihr Porträt geben?“

Ich sagte ihm, daß ich, wenn ich sitze, zu groß für die Photographiemaschine sei, worauf er noch viele andere Fragen an mich stellte.

„Sind Sie immer so groß gewesen wie jetzt?“

„Nein, ich bin viel kleiner geboren.“

„Wollen Sie sich nicht verheirathen?“

„Wahrscheinlich nicht. Ich weiß, daß die kleinste Frau dem größten Riesen über den Kopf wächst.“

„Gefällt Ihnen Berlin?“

„Berlin gleicht mir, es kann sich sehen lassen.“

„Möchten Sie so klein sein wie alle andern Menschen?“

„Nein. Wenn alle Menschen so groß wären wie ich, dann möchte ich um einen Kopf größer sein, denn Riese ist ein gutes Geschäft.“

„Was thun Sie, wenn Sie in ein Hotel mit kurzen Betten kommen?“

„Ich schlafe schlecht.“

„Wann stehen Sie Morgens auf?“

»Um sieben Uhr. Sie dachten wohl, ich sei ein Langschläfer. Nein, ich sehe nur so aus .“

„Fühlen Sie sich hier in Berlin wohl? Sie sind als Araber an ein heißes Klima gewöhnt.“

„Wir Riesen halten uns mit unserem Kopf immer in einem kälteren Klima auf als mit unseren Füßen, und kalter Kopf und warme Füße sind ja der Gesundheit zuträglich.“

So frug er noch allerlei, bis die Vorstellung begann und ich ihm sagte, daß er jetzt ein Billet lösen müsse. Da ging er, nicht aber, um ein Billet zu lösen. Ich werde künftig keinen Interviewer empfangen, ich will dies doch nicht einreißen lassen, denn schließlich giebt sich jeder Zuschauer für einen Interviewer aus und sieht mich umsonst.
Die Menschen sind ja, bei Lichte besehen, so klein!

Mit diesen geringschätzigen Worten enden die Notizen des Riesen, denen man es anmerkt, daß auch ein Mann wie Hassan Ali nicht mehr und nicht weniger als ein Mensch ist. Es ist eben dafür gesorgt, daß die Riesen nicht in den Himmel wachsen.

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