Wer ist arm?

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Globalisierung wird häufig mit einem Anstieg der Ungleichheit bei Einkommen in Verbindung gebracht. Legt man hier einen egalitären Maßstab an, dann ist das als schlecht zu beurteilen. Tut man dies nicht, so folgt nicht viel daraus.

Würde man nämlich in einem Land leben, in dem die Ärmsten bereits so viel verdienen wie die Bestverdienenden in einem anderen Land, dann sollte man diese Lage sicherlich bevorzugen. Wie die Einkommen verteilt sind, ändert daran nichts. Auch wenn die Bewohner des armen Landes alle gleich arm wären und die im eigenen sehr ungleich verdienen würden, wollte man wohl kaum tauschen. Insofern besagt Ungleichheit der Einkommen wenig. Interessant ist es aber trotzdem, sich die Verteilung der Einkommen anzuschauen, insbesondere auch, um beurteilen zu können, ob der behauptete Zusammenhang mit der Globalisierung denn überhaupt stimmt.

In einem sehr interessanten Artikel mit dem Titel „Global Income Inequality by the Numbers: In History and Now“ geht Branko Milanovic, Wirtschaftswissenschaftler bei der Weltbank, der Frage nach. Zunächst müssen dazu allerdings die Begriffe geklärt werden. Es gibt nämlich verschiedene Arten, wie man die Ungleichheit bei den Einkommen betrachten kann.

Die erste Möglichkeit ist es, sich die Verteilung der mittleren Einkommen über die Länder hinweg anzuschauen (was Milanovic „Concept 1“ nennt). Legt man diese Definition zugrunde und mißt die Ungleichheit mit dem sogenannten Gini-Koeffizienten, so stellt man fest, daß die weltweite Ungleichheit seit den 1950er Jahren immer weiter angestiegen ist und insbesondere auch in der Phase von 1980 bis 2000, die allgemein als die Periode der Globalisierung angesehen wird. Im Großen und Ganzen gab es somit wirklich eine Parallelität (aber nicht notwendigerweise Kausalität) von Globalisierung und einer derart definierten Ungleichheit, wenn man einmal davon absieht, daß die Ungleichheit seit 2000 wieder etwas gesunken ist.

Doch gibt es ein Problem mit einer solchen Betrachtung: die einzelnen Länder sind sehr unterschiedlich groß und jedes zählt gleich, ob es nun Luxemburg oder China ist. Würde man die europäischen Länder als nur ein Land, die EU, zusammenfassen, so würde sich schlagartig die Ungleichheit in der Welt verringern, ohne daß sich in Wirklichkeit irgendetwas getan hätte. Eine Aufspaltung Indiens in 100 kleine Länder würde die Ungleichheit umgekehrt auf dem Papier erhöhen. Das paßt nicht wirklich zur Intuition, die man hat, wenn man den Begriff hört. Der sollte von der Einteilung der Welt doch unabhängig sein.

Schon eher kommt man der Vorstellung nahe, wenn man die unterschiedlichen Länder mit der Größe ihrer Bevölkerung gewichtet („Concept 2“). Die relative Verbesserung der Lage in einem großen Land zählt dann mehr als die in einem kleinen Land. Das beseitigt zwar nicht, aber mildet doch den Effekt, der sich aus einer anderen Aufteilung der Welt in Länder ergeben würde. Bei dieser Definition wird wieder jedem Land sein mittleres Einkommen zugeordnet. Je nachdem wie man zusammenfaßt oder aufteilt, kann es deshalb zu Verschiebungen kommen, aber doch deutlich geringeren als bei der ersten Definition.

Nach der mit der Bevölkerung gewichteten Definition stellt sich die Entwicklung ganz anders dar: Während die Ungleichheit von 1960 bis 1980 im Wesentlichen stehenblieb, kam es ab 1980 zu einer sich beschleunigenden Verringerung. Mithin fiel die Globalisierung mit sinkender Ungleichheit zusammen. Der Unterschied resultiert zu einem guten Teil daraus, daß in diesem Zeitraum China zügig aufgeschlossen hat und etwas später und weniger schnell auch Indien. Und diese großen Länder haben nun ein entsprechend höheres Gewicht, und werden nicht mehr mit kleinen Ländern gleichgesetzt.

Beliebt sind diese beiden Definition von Ungleichheit vorhersehbar jeweils bei denen, die einen negativen oder einen positiven Zusammenhang zwischen Globalisierung und Ungleichheit sehen möchten. Es gibt auch den technischen Vorteil, daß sich die Werte relativ leicht berechnen lassen, denn es stehen Daten für die mittleren Einkommen in verschiedenen Ländern auch für längere Zeiträume zur Verfügung.

Allerdings faßt keiner der Begriffe das, was man sich eigentlich für eine Betrachtung über die globale Einkommensverteilung wünschen würde. Was man ja eigentlich gerne hätte, wäre eine Verteilung über die einzelnen Menschen („Concept 3“). Oder anders gesagt: Man sollte die ganze Welt wie ein einziges Land betrachten, womit es auch irrelevant ist, wie die Menschheit in Länder aufgeteilt ist. Jemanden mit dem Mittelwert in seinem Land zu zählen, beseitigt ja alle Ungleichheiten innerhalb der Länder per Definition, was nicht gemeint sein kann.

Die Schwierigkeit liegt nun allerdings darin, daß einschlägige Daten nicht mehr so einfach verfügbar sind. Man muß gewissermaßen die einzelnen Verteilungen für die Länder zu einer großen Verteilung für die Welt zusammenmischen. Doch gibt es Angaben zu Verteilungen von Einkommen für hinreichend viele Länder erst seit den 1980er Jahren.

Branko Milanovic hat sich nun die Mühe gemacht, die Ungleichheit nach dieser Definition wenigstens für diesen Zeitraum zu berechnen. Da nun nicht mehr die Ungleichheit in den Ländern unter den Tisch fällt, ergibt sich eine größere Ungleichheit als nach den ersten beiden Definitionen. Ob es für die wenigen Datenpunkte einen Trend gibt, ist schwer auszumachen, auch wenn Milanovic ein Absinken der Ungleichheit in diesem Jahrtausend zu sehen meint.

Ungleichheit

Quelle: Branko Milanovic: „Global Income Inequality by the Numbers: In History and Now“

Was bedeutet nun ein Wert von 0,7 für den Gini-Koeffizienten? Man kann es etwa so anschauen: Die weltweit reichsten 8% verdienen die Hälfte, die armen 92% die andere Hälfte des gesamten Einkommens. Das ist eine wesentlich ungleichere Verteilung, als man sie innerhalb von Ländern findet, in denen viel über Ungleichheit geklagt wird. In den USA verdienen die reicheren 22% die eine Hälfte, die ärmeren 78% die andere Hälfte. In Deutschland teilt sich dies als 29% zu 71% auf. Selbst in einem Land wie Brasilien, das gerne als Beispiel für eine sehr ungleiche Einkommensverteilung herhalten muß, liegt die Ungleichheit niedriger als für die gesamte Welt.

Ungleichheit 2

Quelle: Branko Milanovic: „Global Income Inequality by the Numbers: In History and Now“

Die Ungleichheit für die Welt rührt mithin weniger aus der Ungleichheit innerhalb der Länder her als aus der zwischen Ländern. Dies veranschaulichen die beiden nächsten Grafiken, die die Verteilungen für verschiedene Länder gegeneinanderstellen. Auf der horizontalen Achse sind „Ventile“ abgetragen, d. h. Zwanzigstel der Bevölkerung nach Einkommen, aufsteigend angeordnet. Ganz links stehen die ärmsten 5%, ganz rechts die reichsten 5%. Auf der vertikalen Achse sind die Einkommen zu sehen, normiert auf eine Skala von 0 bis 100.

Ungleichheit 3

Quelle: Branko Milanovic: „Global Income Inequality by the Numbers: In History and Now“

In Worten heißt das: Die ärmsten 5% in den USA haben im Mittel etwa ein Einkommen wie die reichsten 5% in Indien. 95% aller Inder haben ein niedrigeres Einkommen und 80% der Chinesen, 40% der Brasilianer sowie 20% der Russen.

Ganz ähnlich sieht es aus, wenn man den Vergleich für europäische Länder aufmacht. Milanovic nimmt hier Italien als Beispiel, hat aber auch die Auswertung für Deutschland.

Ungleichheit 4

Quelle: Branko Milanovic: „Global Income Inequality by the Numbers: In History and Now“

Die ärmsten 5% in Deutschland haben ein Einkommen, das in etwa dem der bestverdienenden 5% der Elfenbeinküste entspricht. 15% der Italiener sind ärmer als sie, 70% der Argentinier und 90% der Albaner.

Auch eine Betrachtung aus einem anderen Blickwinkel bestätigt das bisherige Ergebnis, daß die Ungleichheit bei den Einkommen weltweit hauptsächlich aus Unterschieden zwischen Ländern und nicht innerhalb der Länder herrührt. Um einen historischen Vergleich anstellen zu können, stützt sich Milanovic auf Daten, die zwar nicht die ganze Welt umfassen, aber wenigstens Schlüsselländer. Hiermit kann man bis in das 19. Jahrhundert zurückkommen.

Seit der industriellen Revolution hat die Ungleichheit in der Welt immer weiter zugenommen. Das sollte nicht verwundern. In einem kleinen Teil der Welt kam es zu einer rasanten Entwicklung, in anderen Teilen zu einer langsameren oder sogar zu einer Stagnation. Entsprechend konzentrierte sich das Welteinkommen in einem kleinen Teil. Erst in der jüngsten Zeit ist die Ungleichheit wieder gesunken, was wiederum die These stützen würde, daß die Globalisierung eher zu einer Verringerung geführt hat.

Interessant ist dann noch eine Auswertung mit dem Theil-Index, die den Anteil an der globalen Ungleichheit in zwei Anteile zerlegt: den Anteil aus der Ungleichheit innerhalb der Länder („Class“) und den Anteil aus der Ungleichheit zwischen ihnen („Location“).

Ungleichheit 5

Quelle: Branko Milanovic: „Global Income Inequality by the Numbers: In History and Now“

Während es zu Zeiten Marx und Engels grundsätzlich plausibel erscheinen konnte, daß eine weltweite Unterschicht sich aufgrund einer ähnlichen wirtschaftlichen Lage zum „Proletariat“ zusammenfinden könnte, sieht es heute nicht danach aus. Die Unterschiede innerhalb der Länder spielen eine viel geringere Rolle als zwischen ihnen. Wie oben schon gezeigt, hat der deutsche oder amerikanische „Proletarier“ ein Niveau, das ihn in anderen Teilen der Welt spielend zum „Ausbeuter“ machen würde. Arm ist eben nicht unbedingt gleich arm.

Soweit unsere Zusammenfassung der Resultate von Branko Milanovic. Weitere Information findet sich im natürlich viel ausführlicheren Artikel, der auch für Laien gut zugänglich sein sollte. Siehe hierzu:

Branko Milanovic: „Global Income Inequality by the Numbers: In History and Now“.

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