Die Schnecke

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von Alexander Moszkowski, 1912

Enorme Eile hatte ich, und immer, wenn ich enorme Eile habe, muß ich vorher noch eine Tasse Kaffee trinken. Ich wollte nämlich in eine Generalprobe, wo sie ein Stück von mir zu verhunzen beabsichtigten. Also zunächst schwenkte ich in ein Café ab. Dort wollte ich außerdem den „Reichsanzeiger“ lesen; wegen des neuen Regierungsentwurfs, der überall so großes Aufsehen machte. Der „Reichsanzeiger“ war im Lokal nicht vorhanden, und übrigens enthielt er auch gar nicht den Regierungsentwurf. Aber der „Vorwärts“ war vorrätig, und der enthielt auch den Regierungsentwurf, ganz offiziell, wie immer. Ich verlangte also den „Vorwärts“. Bedaure, der wird gerade gelesen. — Wie fatal, ich bin in so großer Eile! wer hat ihn denn? — Der Herr da drüben am Fenster.
— Na, dann will ich fünf Minuten warten.

Der Kellner machte ein zweifelndes Gesicht: Der Herr drüben liest immer ein bißchen lange. — Na, dann also zehn Minuten, bis dahin wird er wohl fertig sein. — Er hat die Zeitung schon seit anderthalb Stunden! —

Der Dauerleser trug einen ergrauten Rauschebart und einen Zwicker. Ein eigentlicher Zeitungstiger war er nicht. Die Welt stellt sich den Zeitungstiger überhaupt ganz falsch vor. „Der fälschlich sogenannte Zeitungstiger ist eigentlich ein Zeitungshamster. Tigerhaft an ihm ist nur der Sprung nach dem Zeitungsständer, den er mit einem Griff entvölkert, so daß nur der „Steglitzer Anzeiger“ und „Die Meldestelle“ hängen bleiben. Aber er will nur hamstern und wird mit der einzelnen Zeitung sehr rasch fertig. Der Nebenmensch kommt auch dran. Er ist im allgemeinen ein ganz gemütliches Geschöpf.

Anders die Zeitungsschneck, die mit klebrigem Blick an einem einzigen Journal haftet und nicht vom Fleck kommt. Der da drüben war eine Zeitungsschnecke. Er brauchte längere Zeit dazu, das Blatt zu lesen, als sämtliche Redakteure und Setzer gebraucht hatten, sie herzustellen. Die Richtungslinien seiner Augen konnte ich genau verfolgen. Sie konvergierten scheinbar nach einem unverrückbaren Punkt. Will er mit seinem Blick ein Loch da hineinbohren? was hat er davon?

Ich merke schon, sechs Tassen Kaffee könnte ich trinken und komme doch nicht ans Blatt. Allein, anstatt mich zu erheben und zahlend und fluchend das Lokal zu verlassen, bleibe ich gebannt sitzen und erwarte wie Wotan das Ende. Ich will wissen, was daraus wird.

Jetzt — jetzt — läßt er das Blatt sinken; er tut drei bedächtige Züge aus der Zigarre, blickt den Wolken nach. Er verdaut die Lektüre. Der behagliche Zug eines mit Gott und der Welt ausgesöhnten Wiederkäuers malt sich auf seinem Antlitz. Er resümiert. Dann befeuchtet er seinen Zeigefinger — Schnecken sondern ab — ganz langsam, er wendet das Blatt, noch langsamer, und liest weiter. Lesen kann man es eigentlich nicht nennen; er buchstabiert; er bildet Aggregate von Silben, millimeterweise. Wo ist er denn eigentlich? bei den Annoncen. Die lernt er auswendig. Sämtlich. Eine nach der andern. Gewissenhaft. Die Gewissenhaften sind die größten Schädlinge. Überhaupt und allgemein. Ich habe einen Horror vor der Gewissenhaftigkeit. Der gewissenhafte Schullehrer ver- blödet die Jugend mit Syntax. Der gewissenhafte Arzt entläßt dich nie aus der Behandlung, und du bleibst zeitlebens Patient. Der gewissenhafte Leser ist ein Ekel. Der da besonders.

Plötzlich entsteht ein Moment der Rührung. Er rührt einen Kipfel in der Tasse. Der gegebene Augenblick, um auf ihn einzuspringen und ihn zu fragen, ob das Blatt wohl frei wäre. Aber diesen Moment verpasse ich. Jetzt ist es zu spät. Schon blättert er wieder, — hat man Worte? — er blättert rückwärts im „Vorwärts“, und beginnt zu lesen, ganz von vorn, auf Seite eins, den Leitartikel, noch weiter vorn, links oben, Quittung der Parteikasse. Es ist erwiesen, an dieser Nummer liest dieser Herr bis Weihnachten, bis zum Ende der Legislaturperiode, bis zum Jüngsten Gericht. —

Soll ich ihn totschlagen? Manchmal genügt ein ordentlicher Faustschlag mitten aufs Cerebrum. Kellner! noch eine Schale weiß und das Strafgesetzbuch! „Eine strafbare Handlung ist nicht vorhanden, wenn die Handlung durch Notwehr geboten war.“ Paragraph 53. Bin ich in Notwehr? Eine innere Stimme sagt mir: Du bist’s. Dieser Mensch da verübt ein Attentat auf dich. Er nagelt dich auf deinen Platz fest. Er liest dich zur Verzweiflung. Du hast ein Recht auf dieses Blatt so gut wie er, und da er im diesseitigen Leben mit der Lektüre nicht fertig wird, so spediere ihn ins jenseitigel

Aber eine zweite, sanftere Stimme opponiert: Tu ihm nichts! Dieser da ist ein Exemplar jener Spezies, für die du als Journalist eigentlich arbeitest. Er ist ein seltenes Musterexemplar. Wie liest die Mehrzahl? Sie überfliegt die Blätter, sie schielt schon gierig nach dem Nachbarblatt, während du sie zu fesseln trachtest, sie weiß in der zweiten Minute nichts mehr von der Lektüre der ersten. Dieser dort stellt die „Auslese“ dar, er liest aus. Seine Art der Zeitungsbetrachtung hat nicht nur Länge und Breite, sondern auch Tiefe! Hast du tausend solcher Leser deiner eigenen Schriften, so dringst du tiefer ins Bewußtsein der Zeitgenossen als mit einer Million jener eilfertigen Journalüberflieger, die mit den Augen Distanz- und Rekordfahrten auf den bedruckten Blättern unternehmen!

Auf dem Antlitz des Herrn am Fenster wechselten die Ausdrücke der Spannung und Überraschung. Er war offenbar an eine Druckzeile geraten, deren Sinn ihm erst jetzt, bei der fünften Lesung, aufging. Jawohl, der las gründlich. Der erschöpfte den Inhalt. Ein prächtiger Mensch, das!

Nein, den erschlage ich nicht! Kellner zahlen!

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