Stichwort „Wilhelm II.“

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Eugen Richter: Politisches ABC-Buch, 9. Auflage, 1898, Seite 386-394

Wilhelm II.,  Kaiser von Deutschland, König von Preußen, geboren den 27. Januar 1859, gelangte zur Regierung beim Tode seines Vaters, des Kaisers Friedrich, am 15. Juni 1888. — Nachfolgende politische Aeußerungen des Monarchen haben eine besonders weite Verbreitung erlangt. 1888. 27. Juni. Empfang der Deputation der Berliner städtischen Behörden. („Sorgen Sie dafür, daß in Berlin Kirchen gebaut werden.“) 16. August: Enthüllung des Denkmals für den Prinzen Friedrich Karl in Frankfurt a. O. Trinkspruch beim Festmahl: „Ich glaube, daß wir sowohl im 3. Armeekorps wie in der gesamten Armee wissen, daß darüber nur eine Stimme sein kann, daß wir lieber unsere gesamten 42 Millionen Einwohner auf der Wahlstatt (nach den ersten offiziösen Berichten: „auf der Strecke“) liegen lassen, als daß wir einen einzigen Stein von dem, was mein Vater und der Prinz Friedrich errungen haben, abtreten.“ 23. August: Teilnahme an einem Kapitel des Johanniterordens in Sonnenburg. Rede beim Festmahl: „Zur Hebung und moralischen sowie religiösen Kräftigung und Entwicklung des Volkes brauche ich die Unterstützung der Edelsten desselben, Meines Adels, und die sehe Ich im Orden Sankt Johannis in stattlicher Zahl vereint.“

1889. 12. März: Teilnahme an einer Sitzung des Brandenburgischen Provinziallandtags. „Mein erster und vornehmster Name in Meinem großen Königlichen Titel ist der eines Markgrafen von Brandenburg.“

1890. Januar: Veröffentlichung eines Erlasses an den Kriegsminister gegen Soldatenmißhandlungen. „In meiner Armee soll jedem Soldaten eine gesetzliche, gerechte und würdige Behandlung zu teil werden, weil eine solche die wesentliche Grundlage bildet, um in demselben Dienstfreudigkeit und Hingebung an den Beruf, Liebe und Treue zu den Vorgesetzten zu wecken und zu fördern.“ — 22. März: Telegramm des Kaisers an eine Persönlichkeit in Weimar über die Entlassung Bismarcks: „Mir ist so weh ums Herz, als hätte Ich Meinen Großvater noch einmal verloren! Es ist Mir aber von Gott einmal bestimmt; also habe Ich es zu tragen, wenn Ich auch darüber zu Grunde gehen sollte. Das Amt des wachthabenden Offiziers auf dem Staatsschiff ist Mir zugefallen. Der Kurs bleibt der alte, und nun „Volldampf voraus!“ — Mai: Besuch in Königsberg. Trinkspruch beim Festmahl des Provinziallandtages; Aeußerung, daß das Königtum von Gottes Gnaden ausdrücke, „daß Wir Hohenzollern unsere Krone nur vom Himmel nehmen und die darauf ruhenden Pflichten dem Himmel gegenüber zu vertreten haben.“ — Bei der Hochzeitsfeier des Oberst von Bissing und der Gräfin Königsmarck auf Schloß Plaue sagte in einem Trinkspruch der Kaiser u. a. folgendes: „Meine Vorfahren haben zuerst keine günstige Aufnahme in der Mark gefunden, aber sie haben sich den Gehorsam erzwungen, ohne den kein öffentliches Gemeinwesen bestehen kann. Dieser Gehorsam aber verwandelte sich bald in Hingebung und Treue und stellte ein schönes Band her zwischen den Trägern der Krone und den Edelsten der Nation. Aus diesen gingen die Offiziere der Armee hervor; die Söhne des Adels wurden die Träger der guten und edlen Gesinnungen im Heere.“ — Dezember 1890: Konferenz über höheres Schulwesen unter Teilnahme des Kaisers: „Die Schulen haben eine allzu starke Ueberproduktion der Gebildeten, ein Abiturientenproletariat zu Wege gebracht. Die sämtlichen sogenannten Hungerkandidaten, namentlich die Herren Journalisten, das sind vielfach verkommene Gymnasiasten. Ich werde daher kein Gymnasium mehr genehmigen, das nicht absolut seine Notwendigkeit nachweisen kann.“

1891. Am 7. Januar übersendet der Kaiser dem Staatssekretär von Stephan zu seinem 60. Geburtstag seine Photographie mit der Unterschrift: „Die Welt am Ende des 19. Jahrhunderts steht unter dem Zeichen des Verkehrs. Er durchbricht die Schranken, welche die Völker trennen, und knüpft zwischen den Nationen neue Beziehungen an.“ — Rede des Kaisers beim Festmahl des Brandenburgischen Provinziallandtages am 21. Februar 1891. „Ich weiß sehr wohl, daß in der Jetztzeit es versucht wird, die Gemüter zu ängstigen, es schleicht der Geist des Ungehorsams ins Land, gehüllt in schillernd verführerisches Gewand, versucht er die Gemüter Meines Volks und die Mir ergebenen Männer zu verwirren; eines Ozeans von Druckerschwärze und Papier bedient er sich, um diese Wege zu verschleiern, die klar zu Tage liegen und liegen müssen für jedermann, der Mich und Meine Prinzipien kennt. Ich lasse mich dadurch nicht beirren; wir müssen vorwärts streben; wir müssen aber arbeiten und im Innern kämpfen; aber wenn das Ganze gedeihen soll, so seien Sie sich dessen klar, müssen hier und da im einzelnen Interesse Opfer gebracht werden. Unsere jetzigen Parteien sind gegründet auf Interessen und verfolgen dieselben oft zu sehr, ein jeder für sich. Es ist ein hohes Verdienst Meiner Vorfahren, daß sie sich nie zu den Parteien gestellt, sondern daß sie stets darüber gestanden haben und daß es ihnen gelungen ist, die einzelnen Parteien zum Wohle des Ganzen zu vereinigen.“ Die Rede schloß mit dem Appell an die Brandenburger, ihrem Markgrafen durch Dick und Dünn zu folgen auf allen den Wegen, die er sie führen wird, zum Heile und zur Größe des Vaterlandes. — 18. März: Rede bei der Fahnenweihe. Nach dem Berl. Fremdenblatt: „Der Soldat und die Armee, nicht Parlamentsmajoritäten und Beschlüsse haben das deutsche Reich zusammengeschmiedet.“ — Anfang Mai: Rheinreise des Kaisers. Rede auf dem Festessen des rheinischen Provinziallandtages. „Ich habe nach wie vor die Ueberzeugung, daß das Heil nur Zusammenhalten liegt. Einer nur ist Herr im Reich; keinen andern dulde Ich.“ — Teilnahme an einem Kommers des Korps Borussia in Bonn. In der Studententracht der Borussia führte der Kaiser das Präsidium beim Kommers und kommandirte einen Salamander. In einer Rede sprach der Kaiser seine Ueberzeugung aus, daß ein Studentenkorps die beste Erziehung ist, die ein junger Mann für sein späteres Leben bekommt. „Wie im Mittelalter durch die Tourniere der Mut und die Kraft gestählt wurde, so wird auch durch den Geist und das Leben im Korps der Grad von Festigkeit erworben, der später im großen Leben nötig ist und der bestehen wird, solange es deutsche Universitäten giebt.“ — 24. August: Aueßerung des Kaisers in Merseburg gegenüber dem konservativen Abgeordneten v. Rauchhaupt: suprema lex regis voluntas. — 7. September: Besuch von München. Beim Besuch des Rathauses zeichnete der Kaiser sich in das „goldene Buch“ ein und fügte seiner Unterschrift die Worte hinzu: suprema lex regis voluntas. — 23. November: Ansprache bei der Vereidigung der Rekruten in Potsdam über die Pflicht des unbedingten Gehorsams der Soldaten, selbst wenn die militärischen Befehle sich gegen die eigenen Verwandten richteten. — 24. November: Ansprache des Kaisers bei der Vereidigung der Berliner Rekruten. Der Kaiser kam auf die Gefahren der Hauptstadt zu sprechen. Es erfordere Mannesmut, diese zu überstehen; der vornehmste Umgang für Soldaten sei der Soldat, nicht der Civil. — 18. Dezember: Verleihung des Grafentitels an den Reichskanzler v. Caprivi aus Anlaß der Annahme der Handelsverträge im Reichstage. Ehrenvolle Erwähnung desselben bei dem Festmahl zur Einweihung des neuen Ständehauses des Teltower Kreises in Berlin. Die Handelsverträge seien geradezu eine rettende That. „Der Reichstag wird sich einen Mark- und Denkstein in der Geschichte des Deutschen Reiches mit der Annahme gemacht haben. Trotz Verdächtigungen und Schwierigkeiten, die dem Reichskanzler und seinen Räten von den verschiedenen Seiten gemacht worden sind, ist es uns gelungen, das Vaterland in diese neuen Bahnen einzulenken.“

1892. Am 24. Februar hielt der Kaiser bei dem Festmahl des brandenburgischen Provinziallandtages in Berlin eine längere Rede: „Es ist ja leider jetzt Sitte geworden, an allem, was seitens der Regierung geschieht, herumzunörgeln und herumzumäkeln. Unter den nichtigsten Gründen wird den Leuten ihre Ruhe gestört und ihre Freude am Dasein und am Leben und Gedeihen unseres gesamten deutschen Vaterlandes vergällt. Aus diesem Nörgeln und dieser Verhetzung entsteht schließlich der Gedanke bei manchen Leuten, als sei unser Land das unglücklichste und schlechtest regierte in der Welt, und sei es eine Qual, in demselben zu leben. Daß dem nicht so ist, wissen wir alle selbstverständlich besser. Doch wäre es dann nicht besser, daß die mißvergnügten Nörgler lieber den deutschen Staub von ihren Pantoffeln schüttelten und sich unseren elenden und jammervollen Zuständen auf das Schleunigste entzögen? Ihnen wäre ja dann geholfen, und uns thäten sie einen großen Gefallen damit. Wir leben in einem Uebergangszustande! Deutschland wächst allmählich aus den Kinderschuhen heraus, um in das Jünglingsalter einzutreten; da wäre es wohl an der Zeit, daß wir uns von unseren Kinderkrankheiten freimachen. Wir gehen durch bewegte und anregende Tage hindurch, in denen das Urteil der großen Menge der Menschen der Objektivität leider zu sehr entbehrt. Ihnen werden ruhigere Tage folgen, insofern unser Volk sich ernstlich zusammennimmt, in sich geht und unbeirrt von fremden Stimmen auf Gott baut und die ehrliche und fürsorgliche Arbeit seines angestammten Herrschers. Ich möchte dieses Uebergangsstadium mit einer kleinen Geschichte vergleichend beleuchten, welche Ich einmal gehört habe. Der berühmte englische Admiral Sir Francis Drake war in Central-Amerika gelandet nach schwerer, stürmisch bewegter Reise; er suchte und forschte nach dem anderen großen Ozean, von dem er überzeugt war, daß er vorhanden sei, den die meisten seiner Begleiter jedoch als nicht existirend annahmen. Der Häuptling eines Stammes, dem das eindringliche Fragen und Forschen des Admirals aufgefallen, von der Macht seines Wesens eingenommen, sagte ihm: „Du suchst das große Wasser; folge mir, ich werde es Dir zeigen,“ und nun stiegen die beiden trotz warnenden Zurufs der übrigen Begleiter einen gewaltigen Berg hinan. Nach furchtbaren Beschwerden an der Spitze angelangt, wies der Häuptling auf die Wasserfläche hinter ihnen und Drake sah die wildbewegten Wogen des zuletzt von ihm durchschifften Meeres vor sich. Darauf drehte sich der Häuptling um, führte den Admiral um einen kleinen Felsvorsprung herum und plötzlich that sich vor seinem entzückten Blicke der vom Gold der aufgehenden Sonne bestrahlte Wasserspiegel des in majestätischer Ruhe sich ausbreitenden stillen Ozeans auf. — So sei es auch mit uns! Das feste Bewußtsein Ihrer, Meiner Arbeit treu begleitenden Sympathie flößt mir stets neue Kraft ein, bei der Arbeit zu beharren und auf dem Wege vorwärts zu schreiten, der Mir vom Himmel gewiesen ist. — Dazu kommt das Gefühl der Verantwortung unserm obersten Herrn — dort oben gegenüber und Meine felsenfeste Ueberzeugung, daß unser alter Alliirter von Roßbach und Dennewitz Mich dabei nicht im Stiche lassen wird. Er hat sich solche undenkliche Mühe mit unserer alten Mark und Unserem Hause gegeben, daß wir nicht annehmen können, daß er dies für nichts gethan hat. Nein, im Gegenteil, Brandenburger, zu Großem sind wir noch bestimmt und herrlichen Tagen führe Ich Euch noch entgegen. Lassen Sie sich nur durch keine Nörgeleien und durch mißvergnügliches Parteigerede Ihren Blick in die Zukunft verdunkeln oder Ihre Freude an der Mitarbeit verkürzen. Mit Schlagwörtern allein ist es nicht gethan, und den ewigen mißvergnüglichen Anspielungen über den neuen Kurs und seine Männer erwidere Ich ruhig und bestimmt: Mein Kurs ist der richtige und er wird weiter gesteuert! Daß Meine brave märkische Mannschaft mir dabei helfe, das hoffe ich bestimmt. Daher trinke ich auf das Wohl Brandenburgs und seiner Männer Mein Glas.“

1893. 25. April: In Rom Empfang einer Deputation des Künstlervereins. Der Kaiser beklagte das Uebergewicht der Architektur über die Kunst in Berlin. Das neue Reichstagsgebäude sei für ihn der Gipfe[l] der Geschmacklosigkeit. Die Berliner Architekten würden gut thun, sich mehr an den römischen Bauten zu inspiriren. Das Denkmal an der Porta Westfalica sehe ganz wie ein Bienenkorb aus. — 17. Juli: Nach Annahme der Militärvorlage besonderes Danktelegramm des Kaisers an den Führer der polnischen Reichstagsfraktion Abg. v. Koszielski: „Ich danke Ihnen und Ihren Landsleuten für Ihre Treue zu Mir und Meinem Hause; sie sei ein Vorbild für alle!“ Verleihung des Kronordens zweiter Klasse für die hingebende Arbeit. — 13. August: Glückwunsch an den Berliner Regattaverein Wannsee über den Ausfall der Regatta: Navigare necesse est, vivere non est necesse. — 16. November: Ansprache an die Rekruten bei der Vereidigung: „Ich brauche christliche Soldaten, die ihr Vaterunser beten. Der Soldat soll nicht seinen Willen haben, sondern Ihr sollt alle einen Willen haben, und das ist Mein Wille, es giebt nur ein Gesetz, und das ist Mein Gesetz!

1894. 5. Februar: Parlamentarisches Diner beim Reichskanzler. Der russische Handelsvertrag kommt zur Sprache. Der Reichstagspräsident v. Levetzow verteidigt die Auffassung der Konservativen gegenüber dem russischen Handelsvertrag. Der Kaiser äußerte dabei u. a.: „Ich bin weit davon entfernt, auf die Ueberzeugung eines Einzelnen einwirken zu wollen; aber Sie müssen doch klar darüber werden, wie der Kaiser von Rußland diese Dinge auffaßt. Er würde es gar nicht verstehen können, wie Leute, welche bei Hofe ein- und ausgehen, welche Meine Uniform tragen, in dieser Sache gegen mich stimmen, welche von so weittragender Bedeutung ist.“ Nach dem „Hamburgischen Korrespondenten“ hat der Kaiser geäußert: In Rußland gebe es Kreise, die es nicht verstehen würden, wenn der Reichstag den Vertrag ablehne, die meinten, was solle ihr Zar dazu sagen, wenn auch die Junker, die im Berliner Schlosse beim Kaiser verkehrten, den Vertrag ablehnten. — 24. Februar: Trinkspruch des Kaisers auf dem Festessen des Brandenburgischen Provinziallandtages (der Kaiser hatte das Bild des Panzerschiffes „Brandenburg“ als Geschenk überreicht): „Daß meine Vorfahren, und besonders derjenige, auf den wir am liebsten zurückblicken als auf den größten Brandenburger, der Große Kurfürst, im Stande waren, so Großes für ihr Vaterland zu leisten, beruht auf diesem gegenseitigen Vertrauen von Fürst und Volk, es beruht auf der Erkenntnis vor allem, daß das Hohenzollern’sche Herrscherhaus mit einem Pflichtgefühl ausgerüstet ist, welches es aus dem Bewußtsein schöpft, daß es von Gott an diese Stelle gesetzt ist und ihm allein und dem eigenen Gewissen Rechenschaft zu geben hat für das, was es thut, zum Wohle des Landes.“ — 6. September: Galatafel in Königsberg. Aus der Liste der zu dem Diner eingeladenen Personen wurden Graf Mirbach, Graf Kanitz, Graf Klinckowström, Graf Dohna-Wundlack und v. Klitzing gestrichen. In dem Trinkspruch auf die Provinz Ostpreußen äußerte der Kaiser sein Bedauern darüber, daß unter dem Einfluß der Sorgen der Landwirte Zweifel aufgestiegen seien an der Innehaltung seiner Versprechungen. „Ja ich habe sogar tief bekümmerten Herzens bemerken müssen, daß aus den Mir nahestehenden Kreisen des Adels Meine besten Absichten mißverstanden, zum Teil bekämpft worden sind, ja, sogar das Wort Opposition hat man Mich vernehmen lassen. Meine Herren! eine Opposition preußischer Adeliger gegen ihren König ist ein Unding, sie hat nur dann eine Berechtigung, wenn sie den König an ihrer Spitze weiß, das lehrt schon die Geschichte Unseres Hauses. Wie oft haben Meine Vorfahren Irregeleiteten eines einzelnen Standes zum Wohle des Ganzen gegenübertreten müssen! Der Nachfolger dessen, der aus eigenem Recht souveräner Herzog in Preußen wurde, wird dieselben Bahnen wandeln, wie sein großer Ahne; und wie einst der erste König „ex me mea nata corona“ sagte und sein großer Sohn seine Autorität als einen rocher de bronze stabilisirte, so vertrete auch Ich gleich Meinem kaiserlichen Großvater das Königtum von Gottes Gnaden.“ Die Feier der Einweihung des Standbildes Kaiser Wilhelm I. mahnte zum Kampfe wider die Bestrebungen, welche sich gegen die Grundlagen des staatlichen und gesellschaftlichen Lebens richten. „Nun, meine Herren, an Sie ergeht jetzt Mein Ruf: Auf zum Kampfe für Religion, für Sitte und Ordnung, gegen die Parteien des Umsturzes. Wie der Epheu sich um den knorrigen Eichstamm legt, ihn schmückt mit seinem Lauf und ihn schützt, wenn Stürme seine Krone durchbrausen, so schließt sich der preußische Adel um Mein Haus. Möge er und mit ihm der gesamte Adel deutscher Nation ein leuchtendes Vorbild für die noch zögernden Teile des Volkes werden. Wohlan denn, lassen Sie uns zusammen in diesen Kampf hineingehen! Vorwärts mit Gott, und ehrlos, wer seinen König im Stiche läßt! In der Hoffnung, daß Ostpreußen als erste Provinz in der Linie dieses Gefechts gegen wird, erhebe ich Mein Glas“ etc.

1895. Am 23. Februar erwähnte der Kaiser bei dem Festessen des Brandenburgischen Provinziallandtags der landwirtschaftlichen Fragen und warnte dringend davor, überspannte Hoffnungen zu hegen oder gar die Verwirklichung von Utopien zu verlangen. „Kein Stand kann beanspruchen, auf Kosten der anderen besonders bevorzugt zu werden; des Landesherrn Aufgabe ist es, die Interessen aller Stände gegen einander abzuwägen und mit einander zu vermitteln, damit das allgemeine Interesse des großen Vaterlandes gewahrt bleibe.“ Nach dem konservativen „Volk“ äußerte der Kaiser bei Gelegenheit dieses Diners in Betreff des Antrags Kanitz zu dem Frhrn. V. Manteuffel: „Sie können Mir nicht zumuten, daß ich Kornwucher treibe.“ — Am 23. März lehnte die Mehrheit des Reichstags die Beglückwünschung des Fürsten Bismarck zu seinem 80. Geburtstage ab. Darauf sandte der Kaiser an den Fürsten Bismarck nachstehendes, durch das Wolffsche Telegraphenbureau sogleich veröffentlichte Telegramm: „Euer Durchlaucht spreche ich den Ausdruck tiefster Entrüstung über den eben gefaßten Beschluß des Reichstags aus. Derselbe steht im vollsten Gegensatz zu den Gefühlen aller deutschen Fürsten und ihrer Völker.“ — Bei dem Paradediner am Sedantage 1895 äußerte der Kaiser aus Anlaß der Verunglimpfung des Sedanfestes durch die sozialdemokratische Presse u. a.: „Doch in die hohe, große Festesfreude schlägt ein Ton hinein, der wahrlich nicht dazu gehört; eine Rotte von Menschen, nicht wert, den Namen Deutscher zu tragen, wagt es, das deutsche Volk zu schmähen, wagt es, die uns geheiligte Person des allverehrten verewigten Kaisers in den Staub zu ziehen. Möge das gesamte Volk in sich die Kraft finden, diese unerhörten Angriffe zurückzuweisen! Geschieht es nicht, nun, dann rufe Ich Sie, um der hochverräterischen Schar zu wehren, um einen Kampf zu führen, der uns befreit von solchen Elementen.“ In gleicher Weise spricht ein Dankschreiben an den Reichskanzler betreffend die Feier des Sedanfestes vom 8. September die Zuversicht aus, daß das Volk „sich auch jener vaterlandslosen Feinde der göttlichen Weltordnung zu erwehren wissen wird, die selbst in diesen Tagen nationaler Begeisterung dreist ihr Haupt erheben“ etc.

1896. Rede beim Bankett im Weißen Saal zur 25jährigen Feier der Errichtung des deutschen Reiches am 18. Januar: „Aus dem Deutschen Reiche ist ein Weltreich geworden. Ueberall in fernen Teilen der Erde wohnen tausende unserer Landsleute. Deutsche Güter, deutsches Wissen, deutsche Betriebsamkeit gehen über den Ozean. Nach Tausenden von Millionen beziffern sich die Werte, die Deutschland auf der See fahren hat. An Sie, meine Herren, tritt die ernste Pflicht heran, mir zu helfen, dieses Deutsche Reich auch fest an unser heimisches zu gliedern. Das Gelöbnis, was ich heute vor Ihnen ablegte, es kann nur Wahrheit werden, wenn Ihre, von einheimischem patriotischem Geiste beseelte, vollste Unterstützung mir zu Teil wird. Mit diesem Wunsche, daß Sie in vollster Einigkeit mir helfen werden, meine Pflicht nicht nur meinen engeren Landsleuten, sondern auch den vielen Tausenden von Landsleuten im Auslande gegenüber zu erfüllen, das heißt, daß ich sie schützen kann, wenn ich es muß“ usw.

Am Vormittag desselben Tages hatte der Kaiser im Weißen Saal vor den Mitgliedern des Reichstags eine Thronrede verlesen. Nach der Verlesung ergriff der Kaiser die Fahne des 1. Garderegiments, senkte dieselbe vor der Versammlung und sprach: „Angesichts dieses ehrwürdigen Feldzeichens, welches eine fast 200jährige ruhmbedeckte Geschichte bezeugt, erneuere ich das Gelübde: Für des Volkes und des Landes Ehre einzustehen, sowohl nach Innen, als nach Außen: Ein Reich, Ein Volk, Ein Gott!“

Telegramm des Kaisers an Geheimrat Hintzpeter am 28. Februar: „Stöcker hat geendigt, wie ich es vor Jahren vorausgesagt habe. Politische Pastoren sind ein Unding. Wer Christ ist, ist auch „sozial“, christlich-sozial ist Unsinn und führt zu Selbstüberhebung und Unduldsamkeit, beides dem Christentum schnurstracks zuwiderlaufend. Die Herren Pastoren sollen sich um die Seelen ihrer Gemeinden kümmern, die Nächstenliebe pflegen, aber die Politik aus dem Spiele lassen, dieweil sie das gar nichts angeht.“ — 12. November: Rede des Kaisers bei der Rekrutenvereidigung in Berlin: Die Rekruten trügen jetzt den Rock des Königs und müßten denselben mit Stolz tragen; wer diesen Rock angreift, der greift den König an.

1897. 26. Februar: Rede beim Mittagsmahl des brandenburgischen Provinziallandtags: Wenn Kaiser Wilhelm I. im Mittelalter gelebt hätte, er wäre heilig gesprochen, und Pilgerzüge aus allen Ländern wären hingezogen, um an seinen Gebeinen Gebete zu verrichten …. Daß Gott sich einen Märker ausgesucht hat, das muß etwas Besonderes bedeuten … Wir wollen uns um das Andenken Kaiser Wilhelms des Großen scharen wie die Spanier einst um den alten Eid …. Der Kampf gegen den Umsturz müsse mit allen zu Gebote stehenden Mitteln geführt werden …. In der Nähe des Kaisers Wilhelm I. sei durch Gottes Fügung so mancher brave, tüchtige Ratgeber gewesen, der die Ehre hatte, seine Gedanken ausführen zu dürfen, die aber alle Werkzeuge seines erhabenen Wollens waren, erfüllt von dem Geiste dieses erhabenen Kaisers. — Nach anderen Lesarten sprach der Kaiser von der Sozialdemokratie als einer Pest, die ausgerottet werden müsse, bis auf den letzten Stumpf. — Ich werde mich freuen, sagte der Kaiser, jedes Mannes Hand in der meinen zu wissen, er sei edel oder unfrei. Nach der offiziellen Lesart: sei er Arbeiter, Fürst oder Herr. Auch soll der Kaiser nicht gesprochen haben von braven, tüchtigen Ratgebern des alten Kaisers als den Werkzeugen, sondern als den Handlangern seines erhabenen Wollens“.

In einer Rede in Karlsruhe am 24. April 1897 führte der Kaiser aus: Die Erhaltung des Friedens sei nur möglich auf der Grundlage einer starken Armee und einer starken Marine — darin wären er und seine Kollegen, die deutschen Bundesfürsten, vollständig einig. — In einer Rede zu Bielefeld am 18. Juni 1897 forderte der Kaiser auf zum Kampfe gegen jegliche Umsturzbestrebungen. — In einer Rede auf dem Gürzenich zu Köln am 18. Juni 1897 erwähnte der Kaiser an dem neuen Denkmal für Kaiser Wilhelm einer Figur des Meergottes mit dem Dreizack (thatsächlich stellte die Figur den Vater Rhein dar). Der Kaiser äußerte: „Der Meergott mit dem Dreizack in der Hand ist ein Zeichen dafür, daß, seitdem unser großer Kaiser unser Reich von Neuem zusammengeschmiedet, wir auch andere Aufgaben auf der Welt haben. Deutsche aller Orten, für die wir zu sorgen, deutsche Ehre, die wir auch im Ausland aufrecht zu erhalten haben. Der Dreizack gehört in unsere Faust.“

In einem Trinkspruch bei der Paradetafel zu Koblenz am 30. August 1897 äußerte der Kaiser u. a.: „Es liegt an uns, das Werk des großen Kaisers die Armee in allen ihren Teilen zu erhalten, gegen jeden Einfluß und, Einspruch von außen zu verteidigen.“ — In einem weiteren Trinkspruch, ausgebracht bei der Tafel am 31. August 1897 zu Koblenz, äußerte sich der Kaiser über Kaiser Wilhelm I., wie folgt: „Er trat aus Koblenz, wie er auf den Thron stieg, hervor als ein ausgewähltes Rüstzeug des Herrn, als welches er sich betrachtete. Uns allen, und vor allen Dingen uns Fürsten, hat er ein Kleinod wieder emporgehoben und zu hellem Strahlen verholfen, welches wir hoch und heilig halten mögen; das ist das Königtum von Gottes Gnaden, das Königtum mit seinen schweren Pflichten, seinen niemals endenden, stets andauernden Mühen und Arbeiten, mit seiner furchtbaren Verantwortung vor dem Schöpfer allein, von der kein Mensch, kein Minister, kein Abgeordnetenhaus, kein Volk den Fürsten entbinden kann.“

Am 21. September 1897 äußerte nach dem „Neuen Wiener Tagblatt“ der Kaiser bei der Anwesenheit in Pest auf der Hofsoiree des Grafen Theodor Andrassy: „Ich kenne die parlamentarischen Verhältnisse Ungarns. Dieselben sind günstiger als diejenigen Deutschlands. Die Ungarn besitzen ungemein viel politischen Instinkt, was freilich bei einem Volke, das seit tausend Jahren politisch denkt, kein Wunder ist. In großen Momenten sind die Ungarn immer einig. Sie finden und vereinigen sich, und Doktrinäre haben hier keinen Einfluß.“

Am 20. November 1897 wurde im Weißen Saal der Reichstag eröffnet durch den Kaiser. Nach Verlesung der Thronrede sprach der Kaiser Folgendes: „Vor fast zwei Jahren habe Ich an dieser Stelle auf das ruhmreiche Feldzeichen Meines Ersten Garderegiments zu Fuß den Eid geleistet: das, was der in Gott ruhende Kaiser Wilhelm der Große geschaffen, zu erhalten und das Ansehen und die Ehre des Reiches überall zu schirmen. Sie haben bewegten Herzens und feuchten Auges diesen Eid entgegengenommen und sind dadurch Meine Eideshelfer geworden. Im Angesichte Gottes des Allmächtigen und im Andenken an den großen Kaiser bitte Ich Sie, Mich durch Ihre Mithilfe auch fernerhin in den Stand zu setzen, diesen Meinen Eid zu halten und Mir beizustehen, des Reiches Ehre nach außen, für deren Erhaltung Ich nicht gezögert habe Meinen einzigen Bruder einzusetzen, kräftig zu wahren.

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