„Ich komme nach!“

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von Alexander Moszkowski, 1912

Was ich für Glück mit meinen Freunden habe, — gar nicht zu beschreiben! Lauter Sportfexe, und alle wissen sie so gründlich Bescheid; und alle interessieren sie sich dafür, mir die Paradiese zu erschließen, zu denen ich in meiner philiströsen Verstocktheit den Weg noch nicht gefunden habe. Kommt da neulich mein Freund Karl zu mir „und schmettert mir den Triumphruf entgegen: „Heut geht’s los! Nach St. Moritz! Sei kein Frosch und fahr’ mit!“

Ich: Jetzt? Mitten im Winter? Das ist ja eine Kateridee.

Sportfex Karl: Aber St. Moritz ist doch das Höchste!

Ich: Natürlich ist es das Höchste! Wie hoch soll’s denn noch sein? Davor fürchte ich mich ja eben. Mir ist’s schon in Berlin zu kalt.

Sportfex Karl: Mensch, hast du eine Ahnung von Physik! Dort ist’s ja brühwarm! Das ist ja eben das Naturwunder in den hohen Bergen. Zur Winterszeit operiert dort die Sonne toller als im Sommer. Man geht in Hemdsärmelm man schwitzt!

Ich: Tatsache?

Sportfex Karl: Mein fünffaches Reise-Ehrenwort darauf. Wie du da stehst, kannst du mitkommen, du brauchst nicht einmal einen Sommerüberzieher. Einen Sweater hast du doch?

Ich: Sweater?

Sportfex Karl: Ja, so ein helles gestricktes Zeugs; das wäre allenfalls das einzige. Es ist bloß zur Behaglichkeit.

Ich: So ein Dings besitze ich aber nicht.

Sportfex Karl: Na, dann schaff’ dir eins. Das können wir auf dem Weg zum Bahnhof machen.

Ich: Nein, so rasch geht das bei mir nicht; du weißt, ich bin ein bißchen umständlich. Fahre du nur voraus, ich komme morgen nach.

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Sportfex Alfred: Wirklich wahr? Du willst Wintersport treiben?

Ich: Allerdings. Ich habe sogar schon einen Sweater.   Sportfex Alfred: Famos! Also dann nicht länger gezögert. Wir fahren mit dem nächsten Zug nach Davos!

Ich: Eigentlich wollte ich nach St. Moritz.

Sportfex Alfred: Aber Davos ist doch noch besser; vor allem viel wärmer!

Ich: Wärmer meinst du?

Sportfex Alfred: Ich meine gar nicht, ich weiß; ich habe die Statistik im Kopfe: bis zwanzig Grad in der Sonne; genügt dir das? Also jetzt dalli! Pack deine Tranjacke ein.

Ich: Tranjacke? Wozu denn? Ich hab’ doch meinen Sweater?

Sportfex Alfred: Mensch, du kannst doch nicht im bloßen Sweater ‚rumlaufen! Du gehst doch in Berlin auch nicht nackt über die Straße.

Ich: Wenn’s aber doch so warm ist in Davos!

Sportfex Alfred: Na, manchmal kommt’s doch ein bißchen kühler von den Bergen, natürlich nur auf Minuten; da ist’s eben gut, man hat eine Tranjacke drunter.

Ich: Ja, die muß ich mir aber erst kaufen. Fahre nur Voraus nach Davos, — ich komme nach.

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Sportfex Konrad: Also, ich sage dir, dafür gibt’s nur ein Grindelwald. Das ist ja eben das Naturwunder: in Grindelwald liegt immer der allerdickste Schnee, ohne daß es jemals schneit; warum? Weil die Sonne den ganzen Tag vom Himmel ’runterknallt, was sie nur kann.

Ich: Das entscheidet. Ich reise mit dir. Einen Sweater hab’ ich schon, und zum Überfluß sogar eine Tranjacke.

Sportfex Konrad: Dann brauchst du bloß noch ein Wams von Seehundsfell, und du bist fix und fertig.

Ich: Wams? Seehundsfell? Bei der Winterhitze, die dort herrscht?

Sportfex Konrad: Geographie schwach. Du vermutest Grindelwald jedenfalls in den Tropen; du verwechselst es mit Timbuktu. Bedenke doch: Alpen im Winter! Da muß man sich doch vorseh’n. Tranjacke drunter, darüber das Wams, und ganz zu oben den Sweater, da bist du geschützt.

Ich: Wird angeschafft. Fahre nur voraus, ich komme nach.

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Sportfex Gustav: Wenn einer so die Wärme liebt wie du — ich teile übrigens deinen Geschmack —, dann ist Adelboden das einzig Gegebene. Vorigen Februar habe ich dort fünfundzwanzig Grad erlebt, es war geradezu hundstagsmäßig.

Ich: Three cheers for Adelboden! Das ist mein Fall. Ich bin gleich so weit. Einen Sweater hab’ ich schon, auch eine Tranjacke und ein Seehundswams, — aber die kann ich wohl zu Haus lassen?

Sportfex Gustav: Nimm sie lieber mit; zur Vorsicht. Besitzt du einen guten Wolfspelz?

Ich: Bei fünfundzwanzig Grad im Schatten?

Sportfex Gustav: In der Sonne, sagte ich! Im Schatten wird’s kühler. Da leistet ein Wolfspelz gute Dienste; so einer, mit den Haaren nach außen. Der Übergang ist doch manchmal etwas schroff.

Ich: Höre Gustav, du deutetest ganz richtig an, daß ich eine etwas frostige Natur bin. Vorsicht ist die Mutter der warmen Füße. Wenn ich schon ein sanftes Alpenklima aufsuche, dann will ich’s auch wirklich mollig haben. In meiner Ausrüstung fehlen noch drei Paar Nordenskiöld-Stiefel, geteertes Unterzeug, eine Eskimomütze, ein Renntier-Kamisol, eine Nansenjoppe, ein Nordpol-Burnus und ein heizbarer Eisfuchs-Mantel. Das einzukaufen ist aber nur eine Frage der Zeit. Fahre du voraus, ich komme nach — Ende Juni!

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