Der Schmuggler

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von Alexander Moszkowski, 1884

Noch immer, oder vielleicht aufdringlicher als vorher, trillert heutzutage die Lerche: Tarif! Tarif! Tarif! Und nicht nur die Lerche trillert von der neuen wirthschaftlichen Ordnung, auch die Menschen wissen ein Lied von derselben zu singen. Die Klagen über die Vertheuerung der Lebensmittel mehren sich, und besonders sind es die Importeure, welche sich über die Erschwerung des Verkehrs und des Geschäfts bitter beklagen.

Diesen einige Erleichterung zu verschaffen, ist der Zweck dieses Artikels, und wenn keine Erleichterung, so doch ein Mittel, zu einer solchen zu gelangen. Unsere Ueberschrift soll nicht irreleiten. Wir, wollen das Heer der Schmuggler nicht vermehren und nicht etwa Unterricht in der gemeinen Wald- und Wiesenschmuggelei ertheilen. Über die Ausnutzung der Vortheile, welche ein Paragraph des Zoll-Tarifs bietet, dürfte doch nicht in das Gebiet des Schmuggelns gehören, sondern etwas durchaus Gesetz- liches sein.

Der Paragraph, um den es sich handelt, ist der der Aufrechterhaltung der Zollfreiheit für wissenschaftliche Instrumente.

Man nütze ihn gründlich, und die stellenweise so harte Belastung des Importeurs wird erleichtert werden.

Bringt man eine Ladung Eisenstangen über die Grenze, so halte man dem visitirenden Zollbeamten eine Vorlesung über den Einfluß der Wärme auf gradlinige Metallmassen und über die Benutzung dieses Einflusses zur Construction thermometrischer Apparate. Man belehre ihn, daß man jene Eisenstangen nur auf geeignete graduirte Maßstäbe zu legen brauche, um danach die Temperaturschwankungen verfolgen zu können, und mache ihm begreiflich, daß die Stangen zur massenhaften Verbreitung in Volksschulen behufs experimentaler Hülfe beim Studium der Calorik bestimmt seien. Der Beamte wird das ohne Zweifel wahrscheinlich finden und von einer Besteuerung des Eisens absehen.

Bei der Einfuhr von Glas, Harz, Kautschuk etc. stütze man sich auf die Elektricität. Man belehre den Zollbeamten über die wunderbaren Erscheinungen, die bei der Reibung derartiger Substanzen zu Tage treten, und suche ihm ein tiefes Bedauern darüber beizubringen, daß noch so viele Punkte der Reibungselektricität wissenschaftlich dunkel seien. Er wird sich dann jedenfalls dafür lebhaft interessiren, daß den deutschen Forschern ein möglichst umfangreiches wissenschaftliches Beobachtungsmaterial zugeführt werde, und in der Freigebung der betreffenden Artikel eine gewisse Genugthuung finden.

Speciell bei großen französischen Spiegeln stellt sich die Sache noch leichter. Man knüpfe an Archimedes an und erzähle dem Beamten von dessen Flottenzerstörung durch Spiegelverbindungen. Man erläutere die Zweckmäßigkeit der Wiederholung derartiger Versuche und deren Wichtigkeit für die Kriegswissenschaft, und der Beamte, der natürlich Soldat war, wird mit der unbehelligten Durchlassung der Spiegel eine patriotischeThat zu begehen glauben.

Führt man Eier ein, so benütze man die Biologie. Man schwöre dem Beamten, daß diese Eier nicht zum Essen oder zu photographischen Präparaten, sondern zur Beobachtung der embryonischen Entwicklung bestimmt seien, und bedeute ihm, daß nur von einer millionenfachen Versuchsreihe die Aufhellung des Lebensräthsels zu erhoffen sei. Der Beamte wird in den meisten Fällen in den Eiern nichts erblicken, als wissenschaftliche Apparate, und der Eingangszoll wird gespart.

Wir glauben, uns mit diesen Beispielen begnügen zu dürfen. Dem intelligenten Importeur werden sie erschöpfend klar gemacht haben, wie er die Last des neuen Schutzes der nationalen Arbeit zu erleichtern im Stande ist. Die Dichter des Tarifs haben ja so viel von dem Vortheil desselben gesprochen, — hier liegt einer und vielleicht der einzige des gesammten Tarifgesetzes.

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