Mysterium

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von Alexander Moszkowski, 1912

Ich besitze, wie Sie wissen, ein sehr hübsch ausgestattetes Heim, und wären Frau und Kind mein eigen, so könnte ich allemal die vergnügteste Weihnacht feiern. Aber für den einen Tag kann man sich das doch nicht anschaffen; so erzählte mein Freund Paul, dem dabei ein elegisches Lächeln um die Mundwinkel zuckte.

Wieder dämmerte der heilige Abend freudlos für mich herauf. Es litt mich nicht im Hause, ich spazierte hinaus und kaufte einigen armen Kindern, die ich unterwegs auflas, ein paar billige Spielsachen. Da schlug eine silberhelle Stimme an mein Ohr: „Mein Herr, seien Sie gütig, ich habe Hunger!“

Ich wandte mich um. Was war das? Ein Feenkind in Menschengestalt! besser ausgedrückt: eine hübsche Blondine mit unergründlich blauen Augen, in jenem geheimnisvollen Alter von etwa neunzehn Jahren, da die Jungfräulichkeit anfängt, als ein leuchtendes, von den ultramodernen Dichtern nicht genügend geschätztes Diadem zu erstrahlen.

In ein Restaurant wollte sie absolut nicht mitkommen, obschon sie mir ihren Appetit bekannt hatte. Dagegen erklärte sie sich ohne weiteres bereit, ein einfaches Weihnachtsmahl in meiner Wohnung einzunehmen.
So rätselhaft ist eine hungernde Mädchenseele.

Die nötigen Vorräte waren bald eingekauft und durch eine kleine Weihnachtspyramide vervollständigt.  Eine Stunde später saßen wir in meinem Heim beim Kerzenscheine, und alle Wunder des heiligen Tages gingen mir auf, als es mir vergönnt war, diesen Engel an meinem Tisch zu bewirten.

Noch klingt mir in den Ohren dieses süße Organ, eine seraphische Flötenstimme, das phonetische Abbild des Keuschheitsbegriffes. Und Rätsel über Rätsel: Dieses Mädchen, das bei all ihrer Schönheit keinen Silberling in der Tasche besaß, Verfügte über einen Bildungsschatz, der mich geradezu verblüffte. Wie ererklärte sich ihre Armut? lgnorabimus.

Als wir gerade bei den Knackmandeln waren, versuchte ich ihre Hand zu ergreifen. Der Kuß, den ich ich dieser elfenbeinernen Oberfläche zugedacht hatte, ist niemals zustande gekommen. Die Holde wehrte ab, indem sie die Worte Brunhildes zitierte:

„Zwinge mich nicht
Mit dem brechenden Zwang,
Zertrümm’re die Traute dir nicht!“

Um Mitternacht fragte ich schüchtern, wie sie über die nächsten Stunden bis zum Tagesgrauen gütigst disponieren wollte. Sie war obdachlos! Das Herz krampfte sich mir zusammen. Ich erwog alle Möglichkeiten und verfiel schließlich auf die einzige, die einem Kavalier in solcher Lage offenstand. Ich räumte ihr mein Vorderzimmer ein, schichtete sorgsam einige Kissen und Decken auf die Chaiselongue und zog mich diskret zurück. Lachen Sie nicht, bitte, meine Herren! Ich tat es, dann ich stand unter dem rätselhaften Zwang eines mysteriösen Begebnisses. Auch die Mannesseele birgt ihre Abgründe, in die keine Fackel vulgärer Erkenntnis hinabzuleuchten vermag.

Am nächsten Morgen konstatierte ich, daß sie verschwunden war; ohne Abschied, ohne Dank. Wie seltsam, wie unerklärlich! Nur ein zartes, duftiges, unnennbares Parfüm war als Spur ihrer Anwesenheit zurückgeblieben. Ich konstatierte ferner, daß folgende Gegenstände:

Eine silberne Zigarettendose,
Eine Standuhr in Email,
Vier Bronzestatuetten,
Ein Portefeuille mit 480 Mark,
Zwei Büsten in Marmor,
Eine Plüschdecke,
Zwei Kelims,
Eine Zuckerdose,
Zwei Porzellanleuchter,
Eine Kristallampel,
Ein mit Türkisen besetztes Petschaft

in der Wohnung fehlten, sich sozusagen entmaterialisiert hatten. Wie vermochte eine einzelne Fee diese Last zu bewältigen? Niemals wird es zu ergründen sein. Grübelnd stellte ich mich vor meine Bibliothek.  Ich starrte in drei Lücken, in denen noch kurz zuvor drei meiner wertvollsten Bücher gestanden hatten; Unika.  Durch welche Eingebung hatte die zarte Tugend gerade diese kostbaren Drucke als Weihnachtspräsente herausgefunden? Mysterium! Mysterium!

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