Der Kaiser zahlt Steuern

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von Alexander Moszkowski, 1912

Der Kaiser: Also in Frieden lassen sollen mich die Leute! Wenn da etwas zu bezahlen ist, so mögen die es von der Schatulle abholen, meinetwegen. Bringen Sie das in Ordnung. Aber das sage ich Ihnen, ich persönlich will nicht damit inkommodiert werden. Ich habe andere Dinge im Kopf und danke für Scherereien.

Der Kronsyndikus: Verzeihung, Majestät, — andere Menschen haben auch andere Dinge im Kopf, aber niemand entgeht diesen Scherereien. Die Aufhebung des Privilegs mögen wir beklagen, aber sie ist nun einmal vorhanden, von der Finanzkommission beschlossen, und sie bedeutet nichts anderes, als daß auch Majestät sich an diese Scherereien gewöhnen müssen. Wollen Majestät geruhen, die Selbsteinschätzung gleich jetzt vorzunehmen? Ich habe das Formular mitgebracht.

Der Kaiser: Geben Sie her. Das soll ich ausfüllen? Na, das ist ja eine nette Beschäftigung für einen Gekröntenl

Kronsyndikus: Die Pflicht der Steuererklärung beginnt bei einem Jahreseinkommen von mehr als dreitausend Mark. Da diese Voraussetzung bei Eurer Majestät zutreffen dürfte, so ist eine Ausnahme nicht mehr zulässig.

Der Kaiser: Ja, wieviel habe ich denn eigentlich?

Kronsyndikus: Majestät beziehen ein festes Gehalt von zwölfeinhalb Millionen. Dieses dürfte indes meines Erachtens nicht hier oben einzutragen sein, sondern weiter unten in der Rubrik „Gewinnbringende Beschäftigungen“.

Der Kaiser: Na, erlauben Sie mal! Kaiser von Deutschland sein, ist das eine gewinnbringende Beschäftigung?

Kronsyndikus: Ich sehe hier keine andere Möglichkeit, dem Formular Rechnung zu tragen. In der ersten Rubrik haben nur die Zinsen des Kapitalvermögens Platz, einschließlich des Mietwertes der Wohnung im eigenen Hause.

Der Kaiser: Soll ich da etwa den Mietwert im Berliner Schloß ausrechnen?

Kronsyndikus: Allerdings. Und zwar lieber zu hoch als zu niedrig. Dies ist einer von den wenigen Fällen, in denen eine Überschätzung gern gesehen wird. Das Berliner Schloß enthält, wie man weiß, siebenhundert Prunksäle, Wohnzimmer und sonstige nutzbare Räume. Rechnen Majestät jeden Raum mit durchschnittlich zweitausend Mark Miete — die bevorzugte Lage des Schlosses rechtfertigt das — und fügen Majestät für den Weißen Saal noch zwanzigtausend Mark jährlich hinzu, so dürften Majestät voraussichtlich vor weiteren Beanstandungen der Veranlagungsbehörde geschützt sein.

Der Kaiser: Hören Sie mal, ich glaube, hier soll ich über Gebühr geschröpft werden. Da steht ja ausdrücklich: nach Abzug der Unkosten!

Kronsyndikus: Nur bei den „Gewinnbringenden Beschäftigungen“.

Der Kaiser: Na also! Wollen Sie etwa behaupten, daß ich als Kaiser keine Unkosten habe? Nehmen wir z. B. den „Sardanapal“ oder ein Galadiner für den König von England.

Kronsyndikus: Die Steuerbehörde unterscheidet da ganz genau: ein Galadiener ist nötig, darf also vom Gehalt in Abzug gebracht werden, — selbstredend minus des Nahrungswertes für Ew. Majestät und deren nächste Angehörigen; der „Sardanapal“ war nicht nötig und ist daher als überflüssige Ausgabe auch nicht abzugsberechtigt.

Der Kaiser: Und die vielen Geschenke, die ich machen muß und wirklich mache?

Kronsydikus: Werden durch die Geschenke kompensiert, die Majestät erhalten. Das Gesetz bestimmt besonders, daß „Gratifikationen“ steuerpflichtig sind.

Der Kaiser: Halt, halt! Da schauen Sie her! Paragraph neunzehn: Bei der Veranlagung ist es gestattet, besondere, die Leistungsfähigkeit des Steuerpflichtigen wesentlich beeinträchtigende wirtschaftliche Verhältnisse in der Art zu berücksichtigen, daß eine Ermäßigung der Steuersätze in drei Stufen gewährt wird. Solche wirtschaftlichen Verhältnisse liegen bei mir vor. Denken Sie bloß an Korfu! Das beeinträchtigt meine finanzielle Leistungsfähigkeit wesentlich. Kostet ’ne Menge und bringt nichts. Ich verlange Gerechtigkeit! Ich will um drei Stufen herunter! Ich werde alle Instanzen erschöpfen, um das durchzusetzen!

Kronsyndikus: Majestät werden vergeblich petitionieren. Sobald Ew. Majestät nachgewiesen wird, daß dero Einkommen auch nach Abzug von Korfu neuntausendfünfhundert Mark übersteigt, haben Majestät keine Ermäßigung zu erhoffen.

Der Kaiser: Da soll sich einer zurechtfinden! Übrigens habe ich nun genug davon. Da, nehmen Sie den Zettel zurück!

Kronsyndikus: Fehlt noch die Unterschrift. Majestät müssen durch eigenhändige Unterzeichnung versichern, daß die Angaben „nach bestem Wissen und Gewissen“ gemacht sind.

Der Kaiser: Kreuzmillionendonnerwetter, das versteht sich doch wohl von selbst!

Kronsyndikus: Das versteht sich bei jedem Ehrenmann von selbst, und dennoch regnet es förmlich mit Beanstandungen.

Der Kaiser: Na, bei mir sollten sie sich unterstehen!

Kronsyndikus: Ich kann nur versichern, daß die Steuerbehörde in dieser Hinsicht keine Schüchternheit kennt.

Der Kaiser: Ich aber auch nicht. Sind wir fertig? Dann kuvertieren Sie das Dings und schmeißen Sie’s in den Briefkasten. Bin froh, daß ich’s los bin.

Kronsyndikus: Majestät müssen es zuvor frankieren. Die Portofreiheit ist aufgehoben. Übrigens geschieht es „zweckmäßig mittels Einschreibebriefes“, es sei denn, daß Majestät es vorziehen, sich persönlich zum Vorsitzenden „Hinter dem Gießhaus“ zu bemühen.

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