Fünf Minuten vor Abgang

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von Alexander Moszkowski, 1912

Reisender (stürzt atemlos zum Schalter): Freiburg, dritter!

Schalterbeamter: Also Sie wollen nach Freiburg fahren; wie schreibt sich das?

Reisender: Herrgott, geben Sie mir doch ’ne Fahrkarte nach Freiburg! es sind ja bloß noch knapp fünf Minuten! ich versäume ja den Zug.

Beamter: Nur keine Aufregung, mein Herr. Daß Sie eine Fahrkarte haben müssen, erkenne ich ohne weiteres an. Ich werde also sofort den Fahrkartem drucker in Tätigkeit setzen. Das ist nämlich jetzt das Allerneueste. Hochpraktisch, Sie werden staunen. Vor allem erspart die neue Maschine enorm Zeit. Das lästige und umständliche Suchen in den Tausenden von Fächern fällt nunmehr Vollkommen fort. Sie wollen nach Freiburg fahren, und ich drucke Ihnen vor Ihren Augen ein Billett nach Freiburg. Was sagen Sie dazu?

Reisender: Ich sage, daß wir schon wieder eine Minute unnütz verplempert haben.

Beamter: Keineswegs, mein Herr; ich habe inzwischen die Metalltypen bereits sachkundig angeordnet.

Reisender: Was nützen mir denn Ihre Metalltypenl Eine Fahrkarte will ich.

Beamter: Menschenskind, so gucken Sie doch bloß mal einen Augenblick hierher! Die Typen müssen doch festgeschraubt werden, sonst kullern sie ja alle durcheinander . . . . So, jetzt ist die Sache fertig.

Reisender: Na, dann drucken Sie doch los, zum Donnerwetter!

Beamter: Ich muß doch die Typen zweimal setzen, wegen des Kontrollstreifens, der sich nachher in einer verschlossenen Kapsel aufrollt und für den Revisionsbeamten als Kassenbeleg aufbewahrt wird. Das geht übrigens kolossal schnell. Sie denken, Sie müssen noch wer weiß wie lange warten und inzwischen bin ich längst mit dem Doppeldruck fertig.

Reisender: Na, dann geben Sie doch schon her, das ist ja um auf die Wände zu klettern!

Beamter: Sie haben wohl überhaupt keine Ahnung von der Methode des Druckens. Sonst würden Sie wissen, daß man vom ersten Abdruck immer erst eine Korrektur zu lesen hat. Also hier ist die Probekarte Lesen Sie gefälligst mit: Freiburg in Schlesien . . .

Reisender: Herrjeh nein! Freiburg im Breisgau!

Beamter: Nun sehen Sie, wie nötig es war, diesen Kartendruck einer Korrektur zu unterziehen. Ich wechsle sogleich die Typen zweckentsprechend aus, — das macht man in diesem zeitsparenden Fahrkartem drucker binnen wenigen Sekunden, — . . .

Reisender: Und inzwischen ist mein Zug natürlich fort!

Beamter: In einer Stunde fährt ja ein anderer, bis dahin sind wir bestimmt fertig.

Reisender: Der geht ja gar nicht nach Baden!

Beamter: Das ist dem Fahrkartendrucker ganz egal. Ein paar Buchstaben geändert, und — sehen Sie her — Geschwindigkeit ist keine Hexerei — hier ist das Billett nach Freiberg in Sachsen. Da fährt auch der nächste Zug hin.

Reisender: Ich will doch aber nicht nach Freiberg, sondern nach Freiburg!

Beamter: Ja, wenn Sie immer anderswo hin wollen, als wie ich drucke! da werden Ihnen noch viele Züge wegfahren . . . Denken Sie denn, ich werd’ hier mein Lebelang für Sie allein drucken? da hinten warten doch noch dreißig andere. . . ist da vielleicht jemand, der nach Freiberg in Sachsen will? ich habe hier gerade ein schönes Billett fertig.

Ein anderer Reisender: Ja, ich!

Beamter (zum ersten): Na sehen Sie, Sie Nörgel- fritze, daß es an Ihnen liegt, wenn Sie nicht mitkommen? Der andere Herr wird gleich fahren können.

Der andere Reisende: Dieses Billett kann ich aber nicht brauchen, ich will zweiter Klasse.

Beamter: Himmelherrgottsapperment! Da kann ich wieder von frischem zu drucken anfangen! Was nützt einem da der schönste Fahrkartendrucker, wenn man mit so einem Publikum zu tun hat! (er sieht nach der Uhr) jetzt ist überhaupt geschlossen hier, haben Sie verstanden! (Er schiebt wütend die Klappe zu.)

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