Die Prinzessin im Theater

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von Alexander Moszkowski, 1912

(Im Vorzimmer der Hofloge.)

Der Theaterdirektor: Hohe Ehre — demütig erfreut — in Ehrfurcht ersterbend —

Der Hofmarschall: Schon gut! Alles selbstverständlich; — es kommt doch nichts Unanständiges in dem Stück vor?

Direktor: Bewahre, Exzellenz, wir geben ja heut’ den Wilhelm Tell, von Schiller.

Hofmarschall: Immerhin, die Prinzessin, vor der Sie zu spielen die hohe Gnade haben, ist jung verlobt, wir müssen da die äußerste Rücksicht walten lassen.  Sagen Sie, Herr Direktor, Wilhelm Teil, ganz recht, kommt da nicht eine Szene vor, wo auf offener Bühne gebadet wird?

Direktor: Ganz ausgeschlossen, Exzellenz, in meinem Theater wird überhaupt nie gebadet. Sie meinen vielleicht den Austritt, in dem Baumgarten von seinem Weibe erzählt, der Burgvogt habe ihr anbefohlen, ihm ein Bad zu rüsten . . .

Hofmarschallt Tja, tja, auf mein Gedächtnis kann ich mich verlassen, es wird also doch gebadet! Das muß geändert werden.

Direktor: Um Gottes willen, Exzellenz, in zehn Minuten soll der Vorhang hochgehen!

Hofmarschall: Läßt sich alles machen. Ich hab’ schon einmal in fünf Minuten eine ganze Tafelordnung geändert, das ist doch wohl komplizierter. Und Sie haben ja mehrere Dramaturgen im Haus. Also das Bad fällt fort, und der Burgvogt läßt sich von der Frau ein Kaffeefrühstück oder ein Hühnerfrikassee rüsten. Das sind wir der Prinzessin schuldig. Und, hören Sie, da ist wohl noch so eine böse Stelle, wo der Dingsda, wie heißt er doch schon, der Melchtal, behauptet, er würde einen hoch droben von der Jungfrau herunterholen, — Sie begreifen, das ist höchst unpassend, das darf er nicht sagen, setzen Sie doch statt der Jungfrau den Chimborasso . . .

Direktor: Das ist doch unmöglich, die Geschichte spielt doch in der Schweiz!

Hofmarschall: Na ja, Schweiz, das ist überhaupt so eine Sache! Diese Schweizer führen Redensarten, da können einem erwachsenen Manne die Haare zu Berge stehen, geschweige denn einer jungen Prinzessin. Ich besinne mich ganz genau, daß da einer in dem Stück sagt: Schwört nicht zu Österreich, wenn ihr’s könnt vermeiden; und die Prinzessin fährt morgen nach Wien! Streichen Sie das also ganz heraus, das ist das einfachste. Und die Geschichte mit dem Hut muß auch geändert werden.

Direktor: Aber weshalb denn, Exzellenz?

Hofmarschall: Ganz unter uns, Herr Direktor: Die Hofdame der Prinzessin ist ein bißchen sehr groß und schlank, und gerade heut hat sie einen etwas merkwürdigen Hut auf. Wenn die nun auf der Bühne den Hut auf der Stange anöden, Sie begreifen, da könnten sich indiskrete Blicke nach der Hofloge verirren, also bitte, lassen Sie die Szene fort, sicher ist sicher; und die bekannten unflätigen Worte, wo der Mann das Fenster zuschmeißt . . .

Direktor: Aber das kommt ja im Götz von Berlichingen vor, nicht im Wilhelm Tell!

Hofmarschall: Ich meine ja auch nur die Gesinnung, die ist identisch, da kann ich mich auf mein Gedächtnis verlassen. Also kein Widerstand gegen die Reichsordnung, das ist nichts für die Ohren einer jungen Prinzessin.

Direktor: Ja, was soll denn da aus der Rütli-Szene werden?

Hofmarschall: Das ist überhaupt eine fatale Angelegenheit, daß die Leute da nächtlich auf den Bergen herumbummeln und sich nicht um ihr Hauswesen kümmern. Wissen Sie, Herr Direktor, die Rütliszene könnten Sie am besten in die gute Stube bei Tell verlegen, und die biedern Schweizer könnten da über den Wintersport sprechen, dafür schwärmt die Prinzessin überhaupt so sehr, und was ich hauptsächlich bemerken wollte, geschossen darf in dem Stück auch nicht werden, die Prinzessin ist so nervös . . .

Direktor: Aber Exzellenz, mit der Armbrust! das knallt doch nicht!

Hofmarschall: Knallen oder nicht, das ist ganz egal, es ist aufregend, besonders wenn ein Vorgesetzter als Zielscheibe dient. Die Prinzessin ist Chef eines Regiments und in dieser Hinsicht besonders empfindlich.

Direktor: Bedenken doch Exzellenz, ein Tell ohne Armbrust ist undenkbar!

Hofmarschall: Gut, ich will Ihnen die Konzession machen, lassen Sie ihm die Armbrust, aber ersetzen Sie den Geßler durch einen Gemsbock. Sie sparen da außerdem viel Zeit, und das ist notwendig, da die Prinzessin gern bis zum Schluß des Schauspiels bleibt und um neun Uhr zum Tee im Schloß erwartet wird.  Also beeilen Sie sich ein bißchen mit den paar Regieänderungen und lassen Sie gleich anfangen, sonst könnte die Prinzessin geruhen, unruhig zu werden.

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