Die erste Automobilfahrt

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von Alexander Moszkowski, 1912

Der Rentier Tobias Nulpe hat sich einen Automobilwagen angeschafft und beabsichtigt, das neue Gefährt durch eine solenne Spazierfahrt einzuweihen. Seine Frau Klara und seine Kinder sollen mit von der Partie sein. Um elf Uhr Vormittag steht alles fix und fertig gerüstet auf der Straße.

Klara: Nanu können wir wohl insteigen, Manne; die Kinder sind schon janz unjeduldig und freuen sich im voraus halbtot vor Verjnügen.

Herr Nulpe: Nur noch einen Augenblick. Ick muß doch erst nachsehn, ob alles nach den Bestimmungen in Ordnung ist und richtig funktioniert. Sieh mal, Klara, da heißt es erstens, die Behälter dürfen keine Stoffe entweichen lassen, die zu einer Explosion oder zu einem Brande Anlaß jeben können. Hier entweicht aber wat, man bloß ’ne Idee, un det muß ick natierlich zustoppen; paßt mal uf, det dauert nich lange.

(Zwölf Uhr.)

Klara: Is et nu fertig?

Herr Nulpe: Nur noch einen Augenblick. Die Hebel und Griffe des Mechanismus müssen so anjebracht sein, daß der Lenker sie handhaben kann, ohne deswejen die Augen von dem Wege abwenden zu müssen. Det is nich so einfach. Wenn ick uf’n Hebel kucke, kann ich nich uf’n Weg kucken, und kucke ick uf’n Weg, denn finde ick ’n Hebel nich. Det will jeübt sein. Laß mir man erst ’n bisken üben. Ick muß det ’rauskriejen, mit ’m linken Ooge uf die Griffe zu visiern und mit ’m rechten Ooge in die Ferne zu schweifen.

(Ein Uhr.)

Klara: Wie lange willste nu noch in die Schwerne feifen? Dieses Stehen vor der Haustür is doch am Ende jarnich amüsant.

Der kleine Willy: Ach, Papa, laß uns doch einsteigen!

Herr Nulpe: Nur noch einen Augenblick. Die Fahrzeuge müssen der Lenkvorrichtung vollkommen jehorchen, besonders bei kurzen Wendungem Weeßte, Klara, det will ick doch erst hier vor der Türe ’n bisken ausprobieren, solange ihr noch nich injestiegen seid. Also erst mal linksrum. Beinahe geht et, aber noch nich janz. Det Beest von Lenkvorrichtung will nich; wahrscheinlich is da wat nich jehörig jeschmiert. Na, det macht nischt, da muß eben bloß tüchtig jeölt werden. Wo hab’ ick denn die Ölkanne? richtig hier. Wenn det verdammte Öl bloß ordentlich rinwollte! na, man muß sich zu helfen wissen. Ick werde mal hier die fünf Schrauben abschrauben, denn kann ick besser ’ran mit’s Öl, det dauert ooch nich lange.

(Zwei Uhr.)

Klara: Is et nu so weit?

Herr Nulpe: Nur noch einen Augenblick. Et muß nämlich an dem Fahrzeuge alles vermieden werden, was die Pferde erschrecken könnte.

Klara: Na, wovor sollten se denn erschrecken?

Herr Nulpe: Vor dir, Kläre; seh’ mal, wenn du mit drufsitzt, jehörst du doch jewissermaßen ooch mit zu’s Fahrzeuch, und du hast dir ausjerechnet heute einen Kikeriki von knallroten Hut ufjesetzt, wo der zahmste Schimmel vor scheu werden muß. Also jeh’ mal schnell in die Wohnung und setze dir was anders uf.

Klara: Ach du lieber Gott, ick habe ja bloß noch meine Marchthallenkiepe, damit kann ick doch nich uf de Automobile spazieren fahren.

Herr Nulpe: Det hilft aber nischt, denn jarniere dir den feinen Hut schnell ’n bisken um; du wirst doch wohl wat Blaues zur Hand haben.

Klara: Det dauert aber wenigstens zwei Stunden.

(Vier Uhr.)

Klara: Biste nun zufrieden?

Herr Nulpe: Voll und janz.

Die Kinder: Hei, allens is fertig, nu jeht et los.

Herr Nulpe: Nur noch einen Augenblick. Jedermann, der eine Maschine auf der Straße lenken will, muß ein Zeugnis seiner Befähigung hierfür besitzen und dieses Zeugnis stets bei sich tragen.

Klara: Haste denn sowat?

Herr Nulpe. Jewiß habe ick et, det heeßt, det Polizeirevier hat mir versprochen, mir det Papier bis heute zuzustellen. Un nu is et immer noch nich da. Wir können ja aber ’n bisken warten.

(Sechs Uhr.)

Ein Beamter der Fahrpolizei: Hier, Herr Nulpe, bringe ich Ihnen das Papier; — ja, was ist denn das? Da fehlt ja an der Maschine die Beleuchtungsvorrichtung für die Manometer und Indikatoren?

Herr Nulpe: Et ist ja noch heller Tag.

Der Beamte: Ganz gleich, die Beleuchtung muß dran sein; schicken Sie sofort zum Mechaniker und lassen Sie das anbringen.

Herr Nulpe: Ja, aber inzwischen wird’s doch Nacht!

Der Beamte: Na, dann können Sie doch erst recht nicht so ausfahren.

Klara: Nee, so ’ne Wirtschaftl

Die Kinder: Papa, auf dich is aber ooch gar keen Verlaß!

Herr Nulpe: Nur noch einen Augenblick. Ick bringe bloß det Automobil hinter uf’n Hof, und dann fahren wir janz bestimmt jleich spazieren.

Die Kinder: Ja mit was denn?

Herr Nulpe: Mit ’ne Pferdedroschke! Da fährt jrade ’ne leere; lauf mal hin, Willy, un hol’ se!

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