Feuer

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von Alexander Moszkowski, 1912

Atemlos stürzt ein Mann über Treppen und Korridore, am Portier und Expedienten vorbei. Er reißt eine Tür auf, erblickt einen Herrn bei der Arbeit und ruft: „Ich hab’ eine wichtige Neuigkeit . . . !“

„Etwas Politisches?“ frägt der Herr, indem er von seinen Blättern aufblickt.

„Nein, Lokales!“

„Dann sind Sie hier falsch. In diesem Redaktionsraum wird nur Politik gearbeitet. Wenn Sie etwas Lokales haben, dann müssen Sie zum Kollegen Dr. Vogler. Die Treppe hinunter, im dritten Hofe, zweites Portal links, drei Stiegen, Nummer 28.“ — Ein Druck auf den Knopf des Haustelephons, der Zeitungsdiener erscheint: „Führen Sie diesen Mann zu Herrn Dr. Vogler!“

Die Atemlosigkeit des Mannes hat sich womöglich noch gesteigert, als er in dem ungeheuren Zeitungspalast endlich bei Dr. Vogler anlangt.

„Sie haben etwas Lokales?“

„Jawohl. Zuerst eine Frage: es ist doch richtig, daß Sie für jede Nachricht fünf Mark zahlen? Dann bitte ich um die fünf Mark. Es ist etwas sehr Wichtiges.“

„Erst muß ich wissen, um was es sich handelt.“

„Um einen Brand. Ich komme direkt von der Brandstätte.“

„Brände gehen mich gar nichts an. Hier ist die Lokal-Reduktion exklusive Brände. Für Feuer-Nachrichten müssen Sie zum Kollegen Helffrich, linken Seitenflügel, Portal D, zweite Etage, Flur 7, Bureau Nummer 41. Adieu.“ —

„Sind Sie Herr Redakteur Helffrich? Abteilung für Feuer-Nachrichten?“

„Der bin ich. Haben Sie eine Meldung?“

„Jawohl; ich komme soeben von der Brandstätte. Kann Ihnen ganz ausführlich erzählen. Gibt’s fünf Mark dafür?“

„Gewiß, wenn die Nachricht zuverlässig ist. Also, wo brennt es?“

„In der Ritterstraße.“

„Ritterstraße, — das ist doch Louisenstadt?“

„Jawohl.“

„Dann müssen Sie zum Kollegen Römpell. Brände in der Louisenstadt werden hier nicht bearbeitet.“

„Ich denke hier ist die Redaktion für Feuer-Nachrichten?“

„Exklusive Louisenstadt. Wir haben das geteilt, es ist zu umfangreich geworden.“

„Kreuzdonnerwetter, ist das eine ungeheure Zeitung! Also an wen habe ich mich da zu wenden?“

„Ich sagte Ihnen ja schon: fragen Sie nach dem Redakteur Römpell. Da müssen Sie zurück bis zum ersten Hof, dann links hinein bis zum dritten Quergebäude, Portal E 5, zweiter Stock, Seitengang 11, Querflur 7, Sprechstube 22. Gar nicht zu fehlen. Adieu“ —

„Redakteur Römpell?“

„Jawohl. Was gibt’s?“

„Ich habe einen Brand. Louisenstadt, Ritterstraße.“

„Setzen Sie sich. Erzählen Sie.“

„Gibt’s fünf Mark?“

„Wenn die Sache stimmt, schreibe ich Ihnen sofort die Anweisung auf die Kasse. Also wo brennt es?“

„Ritterstraße 251. Ich komme da gerade vorbei, als plötzlich aus dem Keller helle Flammen hervorschlagen.“

„Helle Flammen. Sehr gut. Großfeuer?“

„Ich glaube ja.“

„Menschen verunglückt?“

„Ich glaube nein. Gleich kam die Feuerwehr angerückt. Vier Wagen mit einer Dampfspritze . . .“

„Na — und?“

„Die hat das Feuer gleich gelöscht.“

„Es brennt also gar nicht mehr?“

„Nein, jetzt nicht mehr.“

„Ja, was wollen Sie denn da eigentlich?“

„Ich denke — 5 Mark — für die Meldung.“

„Sie sind wohl verrückt. Für gelöschte Brände zahlt die Zeitung nichts! Adieu.“

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