Nieder mit den Antisemiten!

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Freisinnige Zeitung, 1. Juni 1892

Dem elenden Treiben Ahlwardt’s, einer Schmach für Deutschland, ist durch die amtlichen Erklärungen des Kriegsministers im Reichsanzeiger endlich der letzte Boden entzogen worden. Wären die Erklärungen, daß „die Loewe’schen Gewehre allen Anforderungen entsprechen, die an die Kriegsbrauchbarkeit derselben zu stellen sind,“ schon einige Wochen früher erfolgt, so würde Berlin und manchem anderen größeren Ort Deutschlands das widerwärtige Schauspiel, welches Ahlwardt mit seinen antisemitischen Spießgesellen aufgeführt hat, in der Hauptsache erspart worden sein.

Mit welcher Frechheit Ahlwardt noch am Sonnabend sein Verleumdungsgewerbe betrieben hat, zeigt ein ausführlicher Bericht über eine Versammlung an diesem Tage, den wir dem „Zwickauer Tageblatt“ entnehmen. Dieses brave Blatt erklärt, „als unparteiischer Chronist“ über die Rede, „streng wahrheitsgemäß berichten zu wollen, unter Weglassung einiger häßlicher Ausdrücke“. In Bezug auf letztere ist das „Zwickauer Tageblatt“ nicht allzu wählerisch verfahren. Denn es berichtet beispielsweise folgende Stelle aus Ahlwardts Rede:

„Gegen Loewe und Kühne sind Schinderhannes und Rinaldini wahre Waisenknaben. (Stürmische Heiterkeit und Beifall.)

Die Versammlung, welche auf Einladung des „Deutsch-sozialen Vereins“ abgehalten wurde, war überaus zahlreich besucht und der Beifall über den Vortrag  Ahlwardts „über wahren und falschen Patriotismus“ „ein ganz außerordentlicher, schier fabelhafter“. Ein Bankier Thost führte den Vorsitz. Der Bericht über die Rede, welche in dem „Zwickauer Tageblatt“ 6 Spalten füllt, zeigt, daß Ahlwardt sich in immer frechere Lügen und Verleumdungen hineingeredet hat, je länger er sein Gewerbe betreibt. So hatte er die Frechheit zu sagen „Gestern und vorgestern haben Kühne und Loewe das Thatsächliche in meinen Broschüren zugestanden (Große Bewegung). Nur wollen sie damit nicht zu Vaterlandsverrätern geworden sein, wie ich sie nenne. Ich werde aber eine Anklage anstrengen, daß die Beiden wider besseres Wissen die Beschlagnahme meiner Broschüre herbeigeführt haben. Als neueste Lüge fügte Ahlwardt hinzu: Von großer Wichtigkeit ist, daß gestern endlich in Berlin die Loeweschen Bücher mit Beschlag belegt worden sind. (Stürmisches Bravo.) In seiner Lügenphantasie versteigt sich jetzt Ahlwardt soweit, daß er berichtet, die „Alliance israelite“ habe den Untergang Kaiser Wilhelms I. beschlossen gehabt und unter Teilnahme des Abg. Ludwig Loewe in Berlin das Attentat von Nobiling angestiftet. Ahlwardt schilderte dann im Einzelnen, wie die Juden hätten den alten Kaiser Wilhelm umbringen wollen, und bramarbasirte dann: „Mir thut Keiner Etwas“. Während Ahlwardt wegen frecher Verleumdung des Berliner Magistrats verurteilt worden ist, erzählte er in Zwickau: Ich bewies meine Behauptungen, aber man sagte: die Form ist beleidigend (Große Heiterkeit) und verurteilte mich. Nun glaubte die Judenschaft mich tot gemacht zu haben und wollte mir mein Amt nehmen. Es ist ihr das aber nicht gelungen. (Bravo.) Ich werde mein Amt mir auch nicht nehmen lassen, sondern es behalten. Der Magistrat muß sehen, wie er mit mir fertig wird. (Bravo, sehr gut.)

Daß solcher Wahnwitz mehrere Wochen hindurch in einem so großen Umfang in Deutschland sich ausrasen konnte, hat wenigstens das eine Gute gehabt, daß nunmehr jeder Unbefangene klar sehen muß, zu welcher Verwilderung und Verrohung der Sitten das Treiben des Antisemitismus führen muß. Vergeblich werden die Antisemiten jetzt Herrn Ahlwardt von ihren Rockschößen zu schütteln suchen. Aber noch bis zum Erscheinen des Reichsanzeigers hat ein großer Teil der konservativen Presse Ahlwardt verteidigt und selbst aus den gerichtlichen Maßnahmen gegen Ahlwardt unter Verdrehung des Wortlautes der Verfügung neue Momente zur Verteidigung Ahlwardts zu schaffen versucht. So bringt die „Staatsbürger-Zeitung“, das elendeste Blatt Berlins, noch an diesem Dienstag Morgen einen Leitartikel, überschrieben „Die Wahrheit,“ mit den heftigsten Ausfällen gegen Eugen Richter und die „Freisinnige Zeitung,“ welche den braven Ahlwardt verleumdeten. Am Schluß dieses Artikels kommt dann, nachdem derselbe bereits geschrieben war, die amtliche Erklärung des Reichsanzeigers. Jetzt sucht sich Redakteur Bachler, den die Konservativen Berlins unlängst wieder zum Stadtverordneten erkoren hatten, herauszuziehen mit der naiven Frage, wie es möglich, daß viele Zeugen Tatsachen bekundeten und wiederholt bekundeten, die in der Tat ein ganz anderes Resultat erwarten ließen?  Was es mit diesen sogenannten Zeugen und ihren Aussagen für eine Bewandnis hatte, mußte Jeder, der kritisch die Bröschure las, von Anfang an durchschauen. Es ist elender Klatsch und Tratsch, zusammenfabulirt und zurecht gemacht zu einem Verleumdungssystem, wie es rafinirter niemals aufgebaut wurde.

Mittelst Gericht und Polizei war denselben nicht beizukommen, im Gegenteil suchten die Antisemiten jeden Vorbehalt und jede Einschränkung in einer gerichtlichen Verfügung als Stützpunkt zu neuen Verleumdungen auszunutzen. Dergleichen Unheil, das mittelst der Presse angestiftet wird, kann nur durch die Presse selbst verhindert werden. Die Presse in Deutschland, und vor allem die amtliche Presse, hätte von vornherein aufmerksamer und entschiedener dem ganzen Treiben entgegen treten müssen. Statt dessen brüstet sich noch an diesem Sonntag ein Blatt wie das „Zwickauer Tageblatt,“ indem es die Verleumdungsrede Ahlwardts wortgetreu wiedergiebt, damit, es sei über die Rede „seinen Lesern einen wahrheitsgemäßen Bericht schuldig“. Denn da sich auch die Staatsanwaltschaft und die von Ahlwardt angegriffenen dafür interessiren, so würden wir, so heißt es in dem „Zwickauer Tageblatt“, „die Frau Justitia, sowie diese Angegriffenen hintergehen, wollten wir ein falsches Bild von der Rede geben.“ Also man hilft öffentlich Verleumdungen verbreiten, um „die Justitia nicht zu hintergehen“.

Für sächsische Zustände bezeichnend ist es nicht minder, daß der Vorsitzende, nachdem Ahlwardt seine Hetzrede gehalten, erklärte, daß eine Debatte über das Gehörte von der Behörde leider nicht gestattet worden sei.

Das Zwickauer Blatt ist nur typisch für eine Anzahl von Blättern, die sich ein sonderbares System der Toleranz zurecht gemacht haben. Man glaubt unparteiisch zu verfahren, wenn man Behauptungen, denen die Verleumdung auf der Stirn geschrieben steht, verbreitet und den Verleumdeten anheim giebt, den wahnsinnigsten Anschuldigungen gegenüber umständlich vor Gericht zu beweisen, daß man ein ehrlicher Mann ist. Eine solche Begriffsverwirrung ist nur möglich infolge einer Duldsamkeit, welche gegenüber offenbaren Gemeinheiten in öffentlichen Dingen niemals am Platze sein kann, am wenigsten gegenüber den Antisemiten und allem, was mit denselben zusammenhängt.

Aus den letzten Zwickauer Lügen Ahlwardts vom Sonnabend heben wir noch hervor. „Gestern — also am vorigen Freitag — hat ein Kommandeur eines brandenburgischen Regiments dem Kriegsminister seine sämtlichen Gewehre als unbrauchbar zur Verfügung gestellt. (Minutenlanger, stürmischer Beifall.) Das hat endlich Fluß in die Sache gebracht.“ Von der ersten Erklärung im „Reichsanzeiger“ im nichtamtlichen Teile desselben äußerte Ahlwardt, diese Erklärung rühre, „von dem getauften Juden Pindter her, einem österreichischen Juden, der den politischen Aufstand mit anzettelte, aber verschwand, als daß Schießen begann.“ Von Pindter, der bekanntlich zum „Reichsanzeiger“ in keinerlei Beziehung steht, fügte dann Ahlwardt noch beschimpfend hinzu, Bismarck habe einmal, als es sich um den Namen für einen räudigen Hund gehandelt habe, gesagt: „wir wollen ihn Pindter nennen.“

Dem Humbug der Antisemitenpresse, daß Isidor Loewe und Oberstleutenant a. D. Kühne einen Teil der Ahlwardt’schen „Beschuldigungen“ zugegeben hätten, sind die Genannten in der Antisemitenpresse in einer Berichtigung, wie folgt, entgegengetreten: „Diese Behauptung ist unrichtig und findet in dem landgerichtlichen Beschlusse keine Stütze. Richtig ist, daß wir einen Teil der Ahlwardt’schen Behautptungen, und zwar diejenigen als richtig zugegeben haben, aus welchen zwar von Ahlwardt Beschuldigungen hergeleitet, die aber bei Kenntnis der von uns mit dem Königlichen Kriegsministerium geschlossenen Verträge und der von demselben erteilten Anweisungen nicht den leisesten Vorwurf gegen uns enthalten.“

Daß die Ahlwardt’sche Flugschrift den Thatbestand eines Landesverrats darstelle, wird von der „Norddeutschen Allgem. Ztg.“ mit dem Hinweis bestritten, daß ein Landesverrat nur vorliegen könne, wenn der Inhalt der Flugschrift auf Wahrheit beruhe. Ein Einschreiten wegen Landesverrats aber hat deshalb nicht stattgefunden, weil an maßgebender Stelle die aufgestellten Behauptungen über die Unbrauchbarkeit und Mangelhaftigkeit der von der Löwe’schen Fabrik gelieferten Gewehre entschieden als wahrheitswidrig erachtet sind.

 

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