Die Abschaffung des geschäftlichen Risico durch Herrn Lassalle

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Wir haben hier bereits die „Jugenderinnerungen“ von Eugen Richter aus dem Jahre 1892 wiederveröffentlicht. Als nächstes kommt nun ein kleines Werk von Hermann Schulze-Delitzsch aus dem Jahre 1866 (geschrieben Ende 1865) an die Reihe: „Die Abschaffung des geschäftlichen Risico durch Herrn Lassalle“. Es bildet den Abschluß eines längeren Abtauschs zwischen Schulze-Delitzsch und Ferdinand Lassalle.

Hermann Schulze-Delitzsch (1808-1883) war ein alter Demokrat, Teilnehmer an der Revolution von 1848 und Mitglied der Preußischen Nationalversammlung. Wegen seiner Unterstützung eines Aufrufs zur Steuerverweigerung wurde er in der Reaktionszeit vor Gericht gebracht, aber von einem Geschworenengericht freigesprochen. Später gehörte er zu den Begründern der Deutschen Fortschrittspartei, die er auch als Abgeordneter im Reichstag vertrat.

Sein größtes Verdienst ist wohl der Aufbau des deutschen Genossenschaftswesens. 1849 wirkte er bei der Gründung einer Schuhmachergenossenschaft in  seinem Heimatort Delitzsch mit (sein Namenszusatz „Delitzsch“ stammt aus der parlamentarischen Tätigkeit und diente zunächst nur zur Unterscheidung von anderen Schulzes). Besonders erfolgreich waren neben Konsumvereinen dann vor allem die „Vorschuß- und Kreditvereine“, aus denen sich die „Volksbanken“ entwickelten. Hermann Schulze-Delitzsch vertrat dabei immer das Prinzip der Selbsthilfe. Die Genossenschaften sollten aus ihrer eigenen Kraft existieren, nicht wie bei den später von Raiffeisen gegründeten Genossenschaften mit Unterstützung von Wohltätern oder, wie von Ferdinand Lassalle gefordert, mit „Staatshülfe“. (Siehe hierzu auch: Stichwort “Genossenschaften” aus dem Politischen ABC-Buch von Eugen Richter, 9. Auflage, 1898.)

1863 trat nun Ferdinand Lassalle an, um sich der Arbeiterbewegung zu bemächtigen, die bislang demokratisch gewesen war und der Deutschen Fortschrittspartei nahestand. Der Held der Arbeiterklasse war dabei ein unwahrscheinlicher Proletarier. So erinnert sich etwa Ludwig Bamberger in seinem Buch „Deutschland und der Socialismus“ von 1878:

Wir haben sie ja gekannt, den Apostel Lassalle und seinen Sänger Herwegh, einer wie der andere die blasirte Eleganz bis in die Fingerspitzen hinein. Es war unmöglich, mit ihnen in Berührung zu kommen, ohne sofort an den Hohn zu denken, der darin lag, daß von diesen Dandies zum grimmen Faustkampf für den frugalen Proletarierstaat aufgeboten wurde. Und doch ist auch wieder eine psychologische Erklärung in der so gearteten Persönlichkeit dieser Stifter gegeben. Ihre Entrüstung über das Los der arbeitenden Klassen kommt unmittelbar aus der weichgepolsterten Studirstube. Die Verbindung von materieller Ueppigkeit und geistiger Vornehmheit, in welchen ihr Wesen aufgeht, gibt den Schlüssel zu dem Schaudern, welches sie bei der Vorstellung eines Proletarierlebens überläuft, und wenn etwas ehrlich ist in ihnen, so ist es die Mißempfindung über diesen Gegensatz zu ihrem eigenen Selbst.

Den Auftakt bildete Lassalles „Offenes Antwortschreiben an das Zentral-Komitee zur Berufung eines allgemeinen deutschen Arbeiter-Kongresses in Leipzig“ im Jahre 1863. Wie Eugen Richter später schreibt („Die Sozialdemokraten, was sie wollen und wie sie wirken, 1878):

Lassalle, der bis dahin abwechselnd als abstrakter Philosoph und aristokratisch genußsüchtiger Lebemann seine Zeit zugebracht hatte, gelüstete es, in den hochgehenden politischen Wogen eine seiner Eitelkeit entsprechende eigenartige Rolle zu spielen. Er spekulirte auf die schlechten Leidenschaften im Menschen, den Neid, die Eifersucht, den Hang zum bequemen Erwerb und zur Genußsucht. Einer darauf berechneten Demagogie wurde ein historisch-philosophisches Mäntelchen umzuhängen versucht; […]

Die Truppe des bombastisch titulierten „Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins“ stellte allerdings nur ein kleines Häuflein dar, um das man sich nicht weiter hätte scheren müssen. Den Fortschrittlern war allerdings suspekt, wieso Lassalle gerade zu diesem Zeitpunkt ihnen in den Rücken fiel. Es war schließlich die Zeit des Preußischen Verfassungskonfliktes. Wie Eugen Richter in seinen „Jugenderinnerungen“ berichtet:

Gerade in der letzten Zeit seines öffentlichen Auftretens kokettirte Lassalle in jeder Weise mit der Protektion seiner Bestrebungen durch den Ministerpräsidenten v. Bismarck und den König von Preußen. Heute wissen wir, daß Lassalle in seinen Berufungen auf Bismarck gar nicht so Unrecht hatte. Bismarck suchte eben Lassalle auszunutzen, um der Fortschrittspartei, mit der gerade damals die Verfassungskämpfe geführt wurden, durch eine Arbeiterbewegung in den Rücken und in die Flanken zu fallen.

Anders als sein Nachfolger Johann Baptist von Schweitzer war Lassalle dabei aber wohl kein bezahlter Agent der preußischen Polizei. Die Kampfweise des „Arbeiterführers“ faßte der Meister selbst offenherzig in einem Brief an Rodbertus mit den Worten zusammen: „Man muß dem Mob etwas bieten.“

Die Angriffe von Lassalle wurden nun auf breiter Front zurückgewiesen. Eugen Richter veröffentlichte eine seiner ersten Broschüren: “Die wirtschaftlichen Bestrebungen von Schulze-Delitzsch im Gegensatz zu den sozialdemokratischen Irrlehren von Lassalle”. Auf dem Vereinstag der Arbeiterbildungsvereine, der am 7. und 8. Juni 1863 in Frankfurt a. M. stattfand, bekämpfte er gemeinsam mit dem zu jener Zeit noch nicht sozialistischen, sondern demokratischen August Bebel die Umtriebe Lasssalles (siehe dazu das Kapitel „Gegen Ferdinand Lassalle“ in Eugen Richters „Jugenderinnerungen“).

Hermann Schulze-Delitzsch, der Repräsentant der Arbeiterbewegung, hielt seinerseits vor dem Berliner Arbeiterverein sechs Reden, die in dem Buch „Capitel zu einem deutschen Arbeiterkatechismus“ 1863 veröffentlicht wurden. Giftig revanchierte sich Ferdinand Lassalle daraufhin mit der Schrift „Herr Bastiat-Schulze von Delitzsch, der ökonomische Julian: oder Capital und Arbeit“ aus dem Jahr 1864. Die letzte Runde des Abtausches war dann die Ende 1865 geschriebene und 1866 publizierte Schrift von Hermann Schulze-Delitzsch: „Die Abschaffung des geschäftlichen Risico durch Herrn Lassalle“.

Ferdinand Lassalle war bereits im August 1864 einem Duell zum Opfer gefallen, sodaß es zu keiner weiteren Runde mehr kam. Auch seine Nachfolger waren dazu nicht in der Lage. Der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein hatte sich mittlerweile in interne Streitereien begeben, die Eugen Richter 1865 genüßlich in seiner Schrift „Die Geschichte der Social-demokratischen Partei in Deutschland seit dem Tode Ferdinand Lassalle’s: (Zusammengestellt und actenmäßig belegt aus den beiden  Organen der Partei, dem „Social-Demokrat“ in Berlin und dem „Nordstern“ in Hamburg.) dokumentierte.

Wenn es darum geht, sich als älteste Partei Deutschlands zu gerieren, so bezieht sich die heutige SPD gerne auf den belanglosen Haufen des ADAVs, der 1863 gegründet wurde und durch Fusion 1875 in der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (später in SPD umbenannt) aufging. Die Deutsche Fortschrittspartei wurde übrigens 1861 begründet.

Folgende Teile des Buches „Die Abschaffung des geschäftlichen Risico durch Herrn Lassalle“ sind bereits wiederveröffentlicht:

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