Der Ritualmord

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von Julius Stettenheim, 1900

Herr Heftig bekümmerte sich wenig um seine Familie. Fast gar nicht. Es that ihm manchmal leid, daß er sein Hauswesen so mangelhaft regierte, aber er tröstete sich in solchen Fällen damit, daß ein innerer Drang ihn antrieb, in dieser zerfahrenen Zeit für das Gemeinwohl wirken zu müssen. „Und eins kann man nur,“ sagte er dann zu sich selbst. „Entweder ich bin Gatte und Vater, oder Patriot und Agitator. Wenn sich aber jedermann seiner Bürgerpslicht entzieht, dann haben wir zwar ausschließlich mehr oder weniger gutgeleitete Familien, aber der Staat geht zu Grunde, und dann nützt den Familien die gute Leitung herzlich wenig.“ Seine Freunde lachten ihn aus, wenn er diese seine Ansicht auch einmal ihnen gegenüber laut werden ließ, und bekräftigten ihr Lachen durch ein beiläufig hingeworfenes „Verrückt!“, aber diese herbe Kritik schien Herrn Heftig nur in der Überzeugung zu bestärken, daß der Mensch in seiner Eigenschaft als Staatsbürger vor Allem verpflichtet sei, ein Parteimann zu sein und als solcher für das Gesamtwohl nach Kräften in’s Zeug zu gehen. Er war Mitglied mehrerer politischer Vereine, hielt in öffentlichen Volksversammlungen die überflüssigsten Reden und wurde von ungebildeten Anhängern ein großes Tier genannt, wenn er ihnen eine seiner rauchbaren Cigarren gab. Die Cigarre pflegt da, wo das Rauchen nicht verboten ist, Wunder zu thun. Wenn Herr Heftig ein großes Tier genannt wurde, so daß er es hörte, dann fühlte er sich geschmeichelt und war überzeugt, daß er den richtigen Lebensweg eingeschlagen hatte.

Herr Heftig war Witwer. Seine Verstorbene war nicht nur dem landläufigen Titel nach seine bessere Hälfte gewesen, sondern in aller Wirklichkeit. Sie hatte die Siebensachen der Wirthschaft zusammengehalten und namentlich die Kinder scharf beaufsichtigt, froh, wenn der Vater sie nicht darin störte, sondern in Vereinen und Versammlungen das öffentliche Wohl förderte, wobei leider viel getrunken wurde. Wenn dann Herr Heftig nach Haus kam und durch schwankende Haltung und Rede verriet, daß er sich wieder eifrig mit den brennenden Fragen des Tages beschäftigt hatte, war es kein Leichtes für die Frau, ihn den Augen der Kinder zu entziehen und sie glauben zu machen, der arme Vater sei erkrankt und müsse das Bett hüten. Als die Söhne dann glücklich untergebracht waren und von den beiden Töchtern eine einen Mann gefunden hatte, starb die Frau, die zweite Tochter unter dem mangelhaften Schutz des Vaters zurücklassend. Sie hieß Karoline. Fräulein Karoline Heftig kam eines Tages um die Mittagszeit nicht nach Hause. Das fiel selbst ihrem Vater auf, der den ganzen Vormittag in einem antisemitischen Vereinskomitee für das Wohl Deutschlands gearbeitet hatte. Bei Tisch pflegte Karoline nicht zu fehlen, und er wurde allmählich unruhig. Das störte ihn zwar nicht im Essen, aber er fragte doch jedes Mal das Dienstmädchen, wenn es im Zimmer erschien, wo Karoline wohl stecken möge. Das Dienstmädchen antwortete dann regelmäßig: „Wie kann ick denn det wissen? Sagt sie mir denn, wohin sie jeht?“ Als aber Herr Heftig am Schluß der Mahlzeit sehr laut wurde, setzte sie, und zwar, wie es ihre Gewohnheit war, in Form einer Frage hinzu: „Wo wird denn det Fräulein wieder sind? Wird sie nich sind, wo sie jewöhnlich is, wenn sie abends ausjeht? Meenen Sie nich ooch, Herr Heftig? Warum bleiben Sie nich mal zu Hause? Müssen Sie denn immer ausjehen? Oder denken Sie, sie sagt es ihnen nich, wohin sie jeht, wenn Sie ihr fragen?“

Fräulein Karoline kam nicht nach Hause. Herr Heftig war ganz ratlos. Am Ende regte sich doch der Vater in ihm. „Wollen Sie denn nich mal uf die Polizei jehen un unser Fräulein anmelden?“ fragte ihn das Dienstmädchen. „Vielleicht ist dies das Richtige“, antwortete er. Bevor er aber zur Polizei ging, sprach er noch eindringlich mit dem Dienstmädchen. „War denn dieser Tag nicht jemand hier, Jette, der meine Tochter besucht hat?“ fragte er sie. Jette dachte nach. Weh, wenn Jette nachdachte! Endlich rief sie aus: „Habe ick Ihnen denn nich längst jesagt, det ein Mensch da war, der wieder kam, wie Sie natürlich beide Male nich da waren?“

„Nicht möglich“ rief Herr Hestig

„Warum soll denn det nich möglich sind?“ lautete Jettens Antwort. „Jiebt es denn in dieser Welt was Unmögliches?“

Es stellte sich nun heraus, daß ein Jude im besten Mannesalter wiederholt dagewesen war, der den Herrn sprechen wollte und der seinen Namen nicht nannte. Er war kein Bewohner des Städtchens, Jette kannte ja Jeden, und sie hatte ihm auch gesagt, daß Herr Heftig sehr böse über seinen Besuch sein würde, denn er sei kein Freund der Juden und wollte sie alle vertreiben. Der Fremde hatte aber gesagt, das sei bloß so ’ne Redensart, und er käme wieder, denn er bezahle für alte Kleider die höchsten Preise.

In Herrn Heftig stieg ein furchtbarer Verdacht auf. Er stürzte fort und teilte ihn der Polizei mit, dann in der Volksversammlung, die am Abend stattfand, dann in den Wirtshäusern und Jedem, den er auf der Straße traf. Die höchsten Preise für alte Kleider waren nur ein Vorwand, der Hausierer eine Maske. Ostern war vor der Thür, der Jude brauchte keine alte Kleider, sondern Blut. Ein neuer Ritualmord!

Das Städtchen befand sich in der schrecklichsten Erregung. Die Umgegend wurde abgesucht, und es wurde keine Spur des Verbrechens entdeckt. Die Erregung wuchs. Allabendliclh wurden Scheiben eingeworfen, hinter denen man Juden vermutete. In einer schnell zusammenberufenen Versammlung wurden Maßregeln gegen den Talmud beschlossen, der um so unheimlicher sei, je weniger man ihn kenne. Vor allem wurde vom Staat verlangt, er solle das greuliche Buch übersetzen lassen, damit man es kennen lerne. Von Berlin und Wien trafen Berichterstatter ein, welche schrieben und telegraphierten, daß sie kaum Zeit hatten, die Wirtshäuser zu besuchen, in denen haarsträubende Details über den Mord und den oder die Mörder aus den besten Quellen zusammenflossen. Dann und wann wurde auch in diesen Wirtshäusern irgend einer, der nicht an den Mord glaubte, hinausgeworfen, einmal sogar jemand, der sich draußen bedankte, weil er kein Geld hatte, seine Zeche zu bezahlen. Das Städtchen wurde ganz unterhaltend, das bis dahin wie alle Städtchen unerträglich langweilig gewesen war. Es bildete sich sogar so was wie ein kleiner Fremdenstrom. Herr Heftig hatte die Gründung eines antisemitischen Journals unterstützt, das die Juden mit alleiniger Ausnahme der inserierenden bekämpfte. Er versäumte nun trotz seines Kummers keine Versammlung und wurde fast täglich auf der Polizei Individuen gegenübergestellt, die denunziert worden waren, am Tage des Verschwindens seiner Tochter sich verdächtig gemacht zu haben, und die dann als harmlos entlassen wurden. Nur dann und wann sagte er sich, es sei doch merkwürdig, daß nicht die kleinste Spur eines Verbrechens zu entdecken war.

Aber eines Tages fand sich eine solche ganz unvermutet und zwar in einem Brief aus London.

Herr Heftig las diesen Brief, als er sich eben tief schwarz gekleidet hatte, um eine Volksversammlung zu besuchen. Ein lieber Neffe bat ihn in aufrichtig reuigen Worten um Verzeihung, daß er hinter seinem Rücken ein Verhältnis mit seiner Karoline unterhalten habe, dessen Folgen eines Tages nicht mehr zu verbergen waren. Da habe er sich denn keinen anderen Rat gewußt, als mit ihr davon zu gehen und zwar nach seiner zweiten Heimat London, wo er seine angebetete Karoline sofort geheiratet habe und von wo er ihm mitteile, daß er Vater eines reizenden Kindes, eines Knäbleins, geworden sei, das dem Großpapa wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich sehe. Karoline werde ihm bald schreiben, aber es wäre nett, wenn er ihr umgehend seine Verzeihung melde. Es sei doch nun einmal nichts zu ändern, und es ginge ihnen gut, und er solle nur recht bald kommen und bei ihnen wohnen, und sei dies auch nur, um dem Bummelleben zu entfliehen, das ihn gesundheitlich und pekuniär ruiniere.

Herrn Heftig fiel ein Stein vom Herzen. Seine Tochter lebte; an seinen leichtsinnigen Neffen, der zuweilen sein Logierbesuch gewesen war, hatte er gar nicht mehr gedacht, seit er nach England ausgewandert war und nichts mehr hatte von sich hören lassen.

Als der inhaltreiche Brief gelesen war, kam Jette in das Zimmer. „Wissen Sie, Herr Heftig, wer draußen is?“ fragte sie atemlos. „Sie können sich’s nich denken? Wat sagen Sie, wenn ick Ihnen den Hausierer melden soll, der wieder uf der Reise nach alte Jarderobe is?“

„Nun,“ sagte Herr Heftig, „er kann den Traueranzug kaufen, den ich nun lang genug getragen habe. Ich muß mir einen neuen Anzug bestellen, da ich verreise.

„Wohin denn?“ fragte Jette.

„Nach London.“

Es dauerte lange, bis man in dem Städtchen die Wahrheit zu munkeln anfing, während Herr Heftig in London im Hause seines Neffen und seiner Tochter längst ein neues Leben begonnen hatte.

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