Eine Decembernacht Muckenich’s

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Berliner Wespen, 6. Dezember 1878

In der jüngsten Nacht. Die letzten Flammen der Illumination verlöschen. Die Straßen werden stiller.

Muckenich kommt aus einem Keller in der Königgrätzer Straße und schwankt auf den Potsdamer Platz. Hier bleibt er stehen und erzählt, obschon ihm Niemand zuhört: Wie ick Ihnen schon sagte, un ick bitte Ihnen, es nich in zwee Bänden rauszujeben, denn wat ick Ihnen mitzutheilen habe, muß janz unter sich bleiben. Mein alter Freund Schlemmer sagt zu mir: Höre mal, Grusel, um 12 Uhr kommt der Kaiser, wir wollen bis dahin einen Einzugspunsch trinken. Ich sage: Klobig, ick bin jar nich Grusel, aber der Punsch is trotzdem nich übel, ick jehe mit Dir. Schön, sagt er, ick heeße zwar nich Klobig, aber der Name thut ja nischt zur Sache. Man flink run in den Keller, der Punsch wird sonst heiß, un denn schmeckt er nich. Un wie wir nu da unten sitzen, werden wir immer unbekannter mit einander, und es stellt sich raus, daß wir uns seit viele Jahre nich kennen. Wir waren uns denn ooch bald jänzlich fremd un tranken uf unsere alte Unbekanntschaft ein Jlas nach dem andern Liter. Endlich sage ick: Kleber, wir wollen nu druf anstoßen, daß mit dem Einzug des Kaisers ooch Ruhe un Eintracht wieder einzieht. Da sagt er: Ick heeße jar nich Kleber, un springt uf un schreit: Du willst mir hier wohl in ein politisches Jespräch verwickeln, obschon Berlin kleen belagert is, warte, ick hole den Schutzmann! Un weg is er, un ick warte. Aber er kommt nich wieder un keen Schutzmann läßt sich sehen. Da schlafe ick in, bis mir der Wirth weckt, wo ick denn die janze Zeche bezahlen muß, denn mein Freund Schmergel, der übrigens anders heeßt, war in seinem patrijotischen Eifer mit der Bezahlung ausjerückt (Er schreit.) Da hört die Weltgeschichte uf!

Schutzmann. Machen Sie hier keinen Lärm, sondern gehen Sie weiter.

Muckenich. Da sind Sie ja! Mein Freund sucht Ihnen wie ’ne Stecknadel. Nämlich Paseberg, aber er heeßt anders. Sie sollten kommen un das Jesetz vom 28. November an mir ausüben. Wenn ick mir jejen den Belagerungszustand verjangen habe, denn will ick, daß Sie mir nach Parajraph 2 in der Stadt Berlin und in den Stadtkreisen Charlottenburg un Potsdam alle meine Stoß-, Hieb- un Schußwaffen abnehmen und verhindern, daß ick Sprengjeschosse besitze, trage, einführe oder verkoofe.

Schutzmann. Sie sind verrückt. Machen Sie, daß Sie nach Hause kommen!

Muckenich (geht weiter.) Et is aber ooch um verrückt zu werden. Nu haben wir den Belagerungszustand junior, un man will mir nich in Berlin, Charlottenburg un Potsdam meine Sprengjeschosse abnehmen un zwar an einem Tag wie jestern, wo der Einzug stattfinden wird. Un wenn ick Sprengjeschosse besitze, trage, einführe, oder verkoofe, denn verlange ick, daß mir nach Paragraph 1 der Aufenthalt in Berlin, Charlottendam un Potsburg, un in den Kreisen Teltow, Nieder-Barnim un Ost-Havelland versagt wird! (Zu einem Herrn.) Hat der Einzug schon anjefangen?

Der Herr (geht, ohne zu antworten, vorüber.)

Muckenich (ihm lange nachsehend.) Heller Kopp; der sagt jarnischt Der denkt, wenn man unterm Belagerungszustand, und wenn er so kleen is wie Lasker, ein Wort redet, denn kann es für ein Sprengjeschoß jehalten werden. In dieser Zeit der alljemeinen Entwaffnung sollte Jeder ’n Bisken Moltke sind. (Zu einem Herrn, der eine Dame führt.) Herr Passanante, Sie haben da ein Sprengjeschoß unterm Arm, wo is Ihr Waffenschein? (Er wird auf die Seite geschoben und fällt hin.) Endlich! Ick dachte es mir eijentlich so voll uf der Straße, daß keen Sitzplatz zu haben sein wird. (Sieht sich um.) Un wie schön still is et! Et jeht doch nischt über den kleenen Belagerungszustand, da is et beinahe ebenso sicher un beinahe ebenso ruhig, als wenn wir jar keenen Belagerungszustand hätten. (Ein Nachtwächter kommt.) Ah, da is ja ooch das electrische Licht!

Nachtwächter. Machen Sie keene schlechte Witze, sonst bringe ick Ihnen in Arrest. (Er hilft ihm aus die Beine.) So, jetzt gehen Sie nach Ihrer Wohnung, wenn Sie derjleichen besitzen.

Muckenich. Es is mein Jlück, Herr Schröder-Lippstadt, daß „Pflaumenkopf“ eine Beleidigung is, sonst hätte ick dieselbe bejangen. Denn wie Sie jlooben können, det ick unter der Herrschaft des allerkleensten Belagerungszustandes eenen Beamten beleidigen werde, det jränzt ja schon an Stettin, wo sojar die Fourchambault wejen anständigen Benehmens ausjewiesen worden sind. (Er sieht den Nachtwächter genau an.) Mensch, unjlücklicher Hinternationaler, Sie haben ja eine Stoß- und Hiebwaffe am Leibe, Sie jehen ja bei helllichter Nacht mit’n Sprengsäbel spazieren! Sie sind mein Jefangener!

Nachtwächter. Seien Sie vernünftig un machen Sie, daß sie weiterkommen.

Muckenich. Aha, das is die bekannte Wanderrede, womit die kommunistischen Alligatoren den armen Arbeiter bethören: Vernunft, Weiterkommen! Det kenne ick. Sie sind verdächtig. Ohne Widerrede mit!

Nachtwächter. Wenn Sie noch lange Redensarten machen, denn muß ick Ihnen wirklich von die Straße bringen.

Muckenich. Sehr richtig, un wenn Sie Miene machen, durchzubrennen, denn mache ick von Ihre Waffe Jebrauch. (Er faßt den Nacbtwächter an.)

Nachtwächter. Vorwärts! (Er führt ihn fort.)

Muckenich. Es thut mir leid, daß ick jrade heute, wo jestern der Einzug stattfinden wird, den Belagerungszustand an Ihnen vollstrecken muß, so daß Sie nu nischt von die schönen Ehrenpforten un Illuminationen un Pyramiden zu sehen kriejen. Aber sehen Sie, (er dreht sich nach einer Dame um, die am Arm eines Herrn vorübergeht) selbst Frau Hahn oder Frau Stägemann wird da ausjewiesen, denn selbst Frauen können in einer Zeit nich verschont werden, wo nich mal in dem reichen Hamburg zwee Kisten mit Orsinibomben gefunden wurden, so jroß is das Elend, daß Sie herbeijeführt haben!

Nachtwächter. Reden Sie nich so’n Blech.

Muckenich. Natürlich. Nu soll Allens Unsinn sind, wo die Rejierung die Jeduld verliert, un nu sind Sie es nich gewesen. Es is man ein Jlück, daß wir nicht den jroßen Belagerungszustand haben, sonst könnte ick Ihnen nicht arretiren, weil denn nich zwee Personen zusammenjehen dürften, indem es eine Zusammenrottung is. Wahrscheinlich werden Sie ausjewiesen un müssen morjen abreisen. (Nach einer Pause.) Sie haben keinen Bejriff davon, wie ick Ihnen darum beneide. Berlin is ein theures Asphaltpflaster, die Steuern sind nich ufzubringem un wenn ick nich Behörde wäre, denn möchte ick wohl von derselben eine Ausrede kriegen, mir aus Berlin zu entfernen. (Er wird in das Polizeibureau geführt.) Na, wir sind anjekommen, immer rin in die jute Stube! Juten Abend, da bringe ick eenen mit Waffentragen ohne Schein. (Es wird ihm gesagt, sich niederzusetzen und sich ruhig zu verhalten.) Na natürlich, wer denkt denn ooch an Ruhestörung? (Nach einer Pause sich umsehend.) Ick wollte, ick wäre . . . die Büste . . . Jacobys!

Erläuterungen

  • Den Hintergrund zu der Szene bildet das Sozialistengesetz. Dieses hatte Bismarck nach dem Attentat von Karl Eduard Nobiling auf den deutschen Kaiser am 2. Juni 1878 und den Neuwahlen durchgedrückt. Am 5. Dezember 1878 kehrt Wilhelm I., der schwer verletzt worden war, nach Berlin zurück, was mit einem großen Umzug und Illuminationen gefeiert wird.
  • „… un ick bitte Ihnen, es nich in zwee Bänden rauszujeben …“ ist eine Anspielung auf Moritz Buschs Buch „Bismarck und seine Leute während des Krieges mit Frankreich. Nach Tagebuchblättern“, das soeben erschienen ist.
  • „… obschon Berlin kleen belagert is …“ — unter dem Sozialistengesetz ist über Berlin der „kleine Belagerungszustand“ verhängt worden.
  • „… alle meine Stoß-, Hieb- un Schußwaffen abnehmen und verhindern, daß ick Sprengjeschosse besitze, trage, einführe oder verkoofe.“ — unter dem seit Ende November 1878 geltenden kleinen Belagerungszustand ist insbesonders das Handel mit Waffen sowie das Waffentragen beschränkt.
  • „so kleen is wie Lasker“ bezieht sich auf Eduard Lasker, den Führer der Nationalliberalen, der eher widerwillig seiner Partei bei der Annahme des Sozialistengesetzes gefolgt ist.
  • „Jeder ’n Bisken Moltke“ — Helmuth Karl Bernhard von Moltke gilt als fast schon sprichwörtlich wortkarg.
  • „Frau Hahn oder Frau Stägemann“ — zwei bekannnte sozialdemokratische Agitatorinnen in Berlin.
  • „Ick wollte, ick wäre . . . die Büste . . . Jacobys!“ — eine Büste für den 1877 verstorbenen Johann Jacoby, einen Demokraten, zunächst Fortschrittler, dann Sozialdemokraten, ist im November in Königsberg behördlich entfernt worden.

Dem Andenken Johann-Jacoby’s.

Dem Andenken

Nach den jüngsten Königsberger Vorfällen darf versichert werden, daß Johann Jacoby nicht nur von der Bürgerschaft, sondern auch von den Beamten auf Händen getragen wird.

[Aus: Berliner Wespen, 22. November 1878]

Zum Hintergrund ist bei Libera Media auch ein Buch mit den Reichstagsreden von Eugen Richter 1878 gegen das Sozialistengesetz erschienen. Neben einer ausführlichen Einleitung zum Hintergrund gibt es zahlreiche Erläuterungen zum Text und weiterführende Materialien. Da Buch ist erhältlich über Amazon (einfach auf das Bild klicken):

Richter SozGes klein 4

Siehe auch:

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