Die Aufhebung der Selbstverantwortlichkeit auf wirthschaftlichem Gebiet (Hermann Schulze-Delitzsch: Die Abschaffung des geschäftlichen Risico durch Herrn Lassalle)

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I.

Die Aufhebung der Selbstverantwortlichkeit auf wirthschaftlichem Gebiet.

     Ich bin in meinen Berliner Vorträgen über die Arbeiterfrage, in denen ich den Weg der Selbsthülfe als den einzigen, welcher zur Hebung der arbeitenden Klassen zu führen vermöge, bezeichnete, von einigen dem schlichtesten Begriffsvermögen zugänglichen Sätzen ausgegangen *).

     Der Mensch — so setzte ich meinen Zuhörern auseinander — bringt von Natur Bedürfnisse mit auf die Welt, an deren Befriedigung seine Existenz geknüpft ist; aber zugleich hat ihn die Natur auch mit Kräften ausgestattet, deren richtiger Gebrauch ihn zur Befriedigung seiner Bedürfnisse führt.

     Die geregelte Thätigkeit des Menschen zu letzterem Zwecke ist die Arbeit.

     Aus dieser unserer natürlichen Beschaffenheit, vermöge deren das Bedürfniß mit der Möglichkeit seiner Befriedigung durch eignes Thun in den einzelnen Menschen zusammenfällt, beide in Wechselwirkung mit einander stehen, folgt die Pflicht der Selbstsorge eines Jeden für seine Existenz, welche die Menschen bei Beschaffung der Mittel zum Dasein auf die eigene Thätigkeit verweist. Darnach sind Alle für ihr Schicksal selbst verantwortlich, und keiner hat ein Anrecht deshalb an die Andern, weil, vermöge derselben Allen gemeinsamen Pflicht, jene Andern für ihr Theil ebensogut ein Jeder mit sich selbst zu schaffen, für sich selbst zu sorgen haben, um zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse zu gelangen. Aus diesen in Vernunft und Erfahrung begründeten, überall von der Wissenschaft anerkannten Sätzen, auf deren populäre Darstellung es ankam, ziehe ich wörtlich nachstehende Folgerungen *), an welche der Gegner seine Angriffe knüpft:

     „Darauf, daß jeder die Folgen seines Thuns und Lassens selbst trage, und sie nicht Andern aufbürde, auf der Selbstverantwortlichkeit und Zurechnungsfähigkeit beruht die Möglichkeit alles gesellschaftlichen Zusammenlebens der Menschen so wie des Staatsverbandes. Nur unter Wesen, welche wissen, was sie thun, und alle dafür aufkommen müssen, ist eine durch sittliche und politische Gesetze geregelte Gemeinschaft, eine Gegenseitigkeit der wirthschaftlichen und bürgerlichen Beziehungen zu Aller Förderung überhaupt denkbar. Diese Selbstverantwortlichkeit, die sociale Selbsthülfe, gerade bei Beschaffung der materiellen Nothdurft des Daseins antasten, wo ohnehin das Thierische in unserer Natur seine dunkele Grenzlinie hat, hieße auf dem Felde des Erwerbes den Krieg Aller einführen, auf einem Felde, wo mehr als in jedem anderen Frieden und Sicherheit die Bedingungen des Gedeihens sind.“

     „Indessen setzt diese Selbstverantwortlichkeit als nothwendige Ergänzung die Freiheit der Arbeit voraus, die Gestattung der ungehemmten Bewegung des Arbeiters im Gebrauch seiner Kräfte und Mittel zum Erwerbe seines Unterhalts etc. Eine Selbstverantwortlichkeit für seine Existenz Jemandem aufbürden wollen, dem man nicht die Freiheit gewährt, sein Geschick selbstthätig in die Hand zu nehmen, ist ein Unding. Verantwortlichkeit und Freiheit — dies die sich gegenseitig bedingenden Grundsäulen der sittlichen, politischen und wirthschaftlichen Welt.“

     Hingegen tritt L. in der gegen mich gerichteten Schrift *) mit der Behauptung auf:

     „daß die Selbstverantwortlichkeit des Einzelnen nirgends anders, als auf juristischem Gebiete gelte, auf dem ökonomischen nicht,

weil nur auf ersterem die Handlungen Produkt der Willensfreiheit des Einzelnen seien, auf letzterem dagegen erst durch die gesellschaftlichen Zusammenhänge, die Conjuncturen u. dergl. ihre Bestimmtheit empfingen.“

     „Das ökonomische Gebiet“ — so wörtlich — „unterscheide sich von dem juristischen dadurch, daß während auf diesem, auf dem Rechtsgebiet, Jeder verantwortlich sei, für das, was er gethan hat, auf dem ökonomischen Gebiet umgekehrt heutzutage Jeder verantwortlich sei für das, was er nicht gethan hat.

     So verlören z. B. bei reichlichen Rosinen- und Getreideernten in Corinth, Smyrna, im Mississippithal, den Donauländern u. a., die Corinthen- und Getreidehändler in Berlin und Cöln, welche große Vorräthe zu den frühern Preisen auf Lager haben, und umgekehrt; so kämen durch eine mißrathene Ernte oder stockende Zufuhr der amerikanischen Baumwolle Arbeiter dieses Faches in England, Frankreich und Deutschland massenhaft außer Brod u. s. w.“

     Aus diesen von Niemandem bestrittenen Vorgängen die Aufhebung der Verantwortlichkeit des Menschen auf dem Gebiete des Erwerbs abzuleiten, gehört in der That zu den groben Trugschlüssen, wie sie L. in seinen ökonomischen Offenbarungen schon öfters von mir nachgewiesen sind. Trotzdem daß er, nach seinem eignen Zeugniß, jede Zeile bewaffnet mit der ganzen Bildung des Jahrhunderts schreibt, wird er auch hier wieder von Vernunft weniger einfacher Sätze zu Schanden, welche das alltägliche Leben selbst Jedem mit gesunden Sinnen begabten zur Anschauung bringt. Wer in aller Welt wird in Abrede stellen, daß bei der Erwerbsthätigkeit des Manschen außer seinem eignen Thun und Lassen auch noch andere Factoren in Anschlag kommen, welche auf den Erfolg von Einfluß sind! Aber das ist doch ein grober Fehlschluß: daß um deshalb, weil das Wollen und Können des Menschen nicht ausschließlich und allein den Ausschlag giebt, weil noch andere Einflüsse daneben mit eingreifen können, es nun gar nicht in Anschlag komme, der Mensch der Folgen seines Thuns und Lassens dabei gänzlich entrückt sein soll, jeder Verantwortlichkeit dafür bei ihm wegfällt. Es käme wirklich Nichts darauf an — so fragen wir uns ganz erstaunt — wie ich selbst meine Arbeit, meine Berufsthätigkeit angreife, auf welche Weise ich mein Geschäft betreibe, wie ich wirthschafte und haushalte, das Alles soll ohne Einfluß auf mein Geschick, ich der Verantwortlichkeit dafür völlig enthoben sein? — Es sollte einerlei sein für die Gestaltung meines Looses, für den Erwerb meines Unterhalts, ob ich mein Fach verstehe, ob ich mir Einsicht und Kenntnisse verschafft habe, oder nicht; ob ich faul oder fleißig bin, ob ich technische Geschicklichkeit besitze oder ein Stümper bin; ob ich mich im Verkehr als zuverlässig und redlich zeige, oder als unzuverlässig und ein Schwindler, ob ich spare oder verschwende? — Ei, so gehe man doch hin unter die Menschen und sehe zu, wie sich diese Dinge machen, das Alles kommt ja täglich vor in unserer nächsten Umgebung! Da giebt es Leute, die vorwärts kommen und andere mit denen es rückwärts geht — hängt das nicht mit den oben erwähnten Eigenschaften, nicht mit der Handlungsweise zusammen, ist das Alles wirklich reiner Zufall, für den man die Leute gar nicht verantwortlich machen kann? — Solchen Unsinn wird L. Niemandem aufschwatzen!

     Mache man sich doch ein für allemal, trotz aller gelehrten Brocken L.’s, in schlichtem Deutsch klar, worauf es hierbei ankommt.

     So ist er Mensch beschaffen und so sind die Umstände, unter denen er in die Welt gesetzt ist, daß von zwei Seiten her sein Dasein bestimmt wird. Einmal durch ihn selbst, seine innern Eigenschaften, die eignen Fähigkeiten und Kräfte, deren Ausbildung und Gebrauch, kurz sein Wollen und Können. Sodann durch die Außenwelt, wie sie einerseits als Naturmacht, andererseits als die Summe der gesellschaftlichen Einrichtungen und Zustände, sowie des Civilisationsgrades der Zeiten und Kreise, in denen er sich bewegt, auf ihn einwirkt. Beide Factoren stehen im umgekehrten Verhältniß zu einander, gleich den Schaalen der Waage; je mehr die eine steigt, desto mehr sinkt die andere. Je weniger die innern Eigenschaften des Menschen entwickelt sind, je weniger er selbst weiß und leistet, desto abhängiger ist er von der Außenwelt. Im Gegentheil, je energischer, je umsichtiger sich sein Wollen und seine Kraft besthätigen, jemehr seine Kenntnisse, seine Erfahrung sich erweitern, desto mehr macht er sich aus dieser Abhängigkeit los, desto mehr wird er Herr der Umstände. Aus der Abhängigkeit zur Freiheit, dies ist der Weg, welchen dem Menschen die Natur selbst gewiesen hat, indem sie ihn die erstere oft so bitter empfinden läßt. Und wie wir den Einzelnen aus der hülfelosen Kindheit sich allmählich zur Selbständigkeit durchringen sehen, so die Menschheit im Ganzen und Großen, indem sie in der aufsteigenden Cultur sich einerseits mehr und mehr die Naturmächte unterthan macht, andrerseits ihrer wachsenden Einsicht, ihren gesteigerten Bedürfnissen gemäß, die gesellschaftlichen Einrichtungen stetig vervollkommnet. Sich der Gesetze seines Daseins, und der umgebenden Natur, sowie seiner Kräfte vollkommen bewußt, der letzteren in jeder Beziehung mächtig zu werden, dadurch sich zur Herrschaft über die Natur aufzuschwingen und das äußere Leben den innern leitenden Gedanken immer gemäßer zu gestalten — dies der Kern jedes tüchtigen Einzelstrebens, dies das Ziel der geschichtlichen Gesammtentwickelung unseres Geschlechts.

     Die völlige Verkehrtheit der Lassalle’schen Deduction liegt also einmal schon darin, daß er den einen Factor leugnet, und den andern als eine feste unabänderliche Größe auffaßt, während doch beide nur relative Größen sind, die einander bedingen, indem das Wachsen der einen, das Abnehmen der andern nothwendig zur Folge hat. Aber diese Verkehrtheit erscheint noch größer, weil dem von L. geleugneten Factor — dem eignen Wollen und Können des Menschen — auf der gegenwärtigen Stufe des Verkehrs gerade der Hauptantheil der Gesammtwirkung beigelegt werden muß. Abgesehn davon, daß, wie wir sahen, der Culturfortschritt selbst die Tendenz hat, die Waage zu Gunsten dieses Factors mehr und mehr sinken zu machen, bleibt unser eignes Verhalten unter allen Umständen die erste und unerläßliche Bedingung des wirthschaftlichen Gedeihens, des Aufkommens im Erwerb. Denn wenn auch die andere Seite der Sache, mancherlei äußere der Gewalt und Berechnung des Menschen sich bis zu einem gewissen Grad entziehende Umstände, mit eingreifen mögen: ohne das Vorhandensein und die Anwendung jener Eigenschaften und Kräfte, deren wir gedachten, würden die günstigen Conjuncturen von den Einzelnen gar nicht einmal benutzt, ebenso wenig die ungünstigen überstanden und der Schaden übertragen werden können. Man nehme nur: was nützen dem alle Einsicht, jedes Ueberblicks, der nöthigsten Arbeitsgeschicklichkeit Entbehrenden, dem faulen, dem verschwenderischen Geschäftsmanne und Arbeiter die beste Gelegenheit zum Verdienst, das Zutreffen der günstigsten Bedingungen für den Erfolg, selbst ausreichendes Vermögen? Er bringt es doch zu Nichts. Tappt es ihm einmal auf der einen Seite blind zu, so geht das im Augenblick Gewonnene im andern Augenblick wieder verloren, und das best begründete Geschäft, das genügendste Kapital bestehen nicht auf die Dauer bei verkehrter Verwaltung, untüchtiger Arbeitsverrichtung, bei Faulheit und Verschwendung. Der tüchtige und einsichtsvolle Arbeiter und Geschäftsmann dagegen, der sparsame und sorgsame Wirth und Hausvater, finden die Kraft in sich, jene äußern Conjuncturen bis auf einen gewissen Punkt zu beherrschen, oder doch sich aus unvermeidlichen Unfällen wieder herauszuarbeiten. Und im schlimmsten Falle, wenn ein Geschäft ganz untergeht, der völlige Ruin des bisherigen Erwerbsstandes unrettbar hereinbricht, ist doch gerade in der persönlichen Tüchtigkeit des Betroffenen am ersten die Möglichkeit gegeben, von Neuem sich einen Nahrungszweig zu eröffnen, noch einmal von vorn zu beginnen.

     Daß übrigens jene Conjuncturen nicht so unbedingt außer Berechnung kommende Elemente sind, als L. vorgiebt, und daß die vernünftige auf Sachkenntniß und sorgsamer Information gegründete Speculation dabei doch recht wesentliche Anhaltspunkte bietet, ergiebt die tägliche Erfahrung, und L.’s genial sein sollende Behauptung, daß:

     „je richtiger, schärfer und genauer den ihm bekannten Umständen angepaßt der Verstandescalcul des Speculanten sei, um desto mehr habe er im Allgemeinen die Wahrscheinlichkeit gegen sich“ *),

wird höchstens die Heiterkeit aller Fachmänner hervorrufen.

     Am besten schlagen ihn die von ihm selbst zum Erweis vorgebrachten Beispiele, namentlich die von reichlichen und schlechten Ernten, von Hemmungen der Zufuhr und des Absatzes durch politische oder sonstige Ereignisse in gewissen Artikeln oder im Allgemeinen. Sicher läßt sich durch gehörige Einziehung von Nachrichten darüber Manches erkunden und die neueste Zeit hat eben durch die gewaltigen Fortschritte in Benutzung der Naturkräfte Mittel der schnellen Communication den Geschäftsleuten zur Verfügung gestellt, an welche noch vor Jahrzehnten nicht zu denken war. So mag der elektrische Telegraph in der Erkundung der Umstände, die Eisenbahn und das Dampfschiff in augenblicklicher Beziehung oder Versendung es recht wohl ermöglichen, sich durch Verstärkung oder Beschränkung seiner Production und Einkäufe, mit Zurückhalten oder Losschlagen seiner Waaren darnach einzurichten. Aber auch abgesehen hiervon, bleibt doch immer die Hauptsache:

     „daß Jemand sich auf Conjucturen, die er nicht übersieht, nicht weiter einläßt, als sein Geschäftsbetrieb es nothwendig macht und seine Kräfte es ihm gestatten.“

     Wer sich z. B. in Producten, deren Preise, je nach dem Ausfall der Ernten, bedeutenden Schwankungen unterworfen sind, nur nach reichlichen Ernten bei gedrückten Preisen in größere Einkäufe einläßt, nach schlechten Ernten aber mit hohen Preisen sich nur für den unerläßlichen Bedarf seines Kunden-Kreises bis zur neuen Ernte versorgt und nicht auf ein noch weiteres Steigen der Preise durch eine Folge mehrerer schlechter Ernten speculirt, dem wird vielleicht ein Speculationsgewinn entgehn, wenn die letztere Chance wirklich eintritt, aber er wird mit seinem bescheidenen Geschäftsertrag durchkommen und größere Schäden vermeiden. Jeder solide Geschäftsmann hat das Risico von solchen Conjucturen in seinem Geschäfts-Etat mit in Anschlag zu bringen, muß darauf gefaßt sein, und darf seine Unternehmungen nicht über seine Kräfte ausdehnen. Wer dagegen seinen Operationen einen Zuschnitt giebt, daß er sich nur beim Zutreffen der günstigsten Möglichkeiten halten kann, wer selbst auf solche Weise sein Loos auf den Wurf einer Karte setzt, der mag sich dann, wenn die Dinge anders gehen und der unvermeidliche Ruin über ihn hereinbricht, nicht beklagen. Auf gute und schlimme Tage gefaßt sein, die guten richtig benutzen, um die schlimmen zu überdauern, und so nicht nur die Ausgleichung jener günstigen und ungünstigen Einflüsse herbeizuführen, sondern das Ueberwiegen der ersteren, das wird dem tüchtigen und soliden Manne meist gelingen. Der Bankerutt bildet doch erfahrungsmäßig nicht die Regel in unserem Geschäftsleben, sondern die Ausnahme, und der Verkehr ist seinen innern Bedingungen und Gesetzen nach kein Hazardspiel, er wird es nur für den, der ihn frivoler Weise dazu macht. Dann aber nehme, wer dies thut, auch die Wechselfälle hin, die ihn betreffen, als Früchte seiner Handlungsweise. Daß er sie nicht vorhergesehn, daß der Zufall dabei mitgewirkt, entschuldigt ihn nicht. Nicht das rechnet man dem Spieler zu, wenn man ihn für seinen Ruin verantwortlich macht, daß er verliert, daß die Chancen des Spiels, die er allerdings nicht voraussehen konnte, gegen ihn sind, sondern: daß er überhaupt spielt! Und damit ist L. ein für allemal abgefertigt, wenn er *) das ganze Wirthschaftsleben unserer Zeit als reines Glücksspiel charakterisirt. Wohl laufen Auswüchse und Mißbräuche dieser und anderer Art noch häufig genug mitunter, indessen gelten sie auch dafür und rächen sich durch ihre Folgen. Aber wenn man wie L. durch Wegleugnen der ökonomischen Verantwortlichkeit selbst den Zufall als Regulator auf dem Erwerbsgebiet hinstellt, dann hat man zu jener Rüge gar keine Berechtigung, denn dann würdigt man ja gerade den menschlichen Verkehr principiell seinem innern Wesen nach erst zum reinen Glücksspiel herab und es ist unerfindlich, wie man alsdann noch Erscheinungen anklagen will, die man durch eine solche Lehre geradezu herausfordert. — Nein wieviel auch hier bei uns noch zu wünschen und zu bessern bleibt, soviel ist gewiß: daß alle die vorhandenen Mängel nur im Erstreben des immer wachsenden Einklangs zwischen der wirthschaftlichen und sittlichen Welt ihre Ausgleichung finden, der nur bei voller Selbstverantwortlichkeit und Freiheit der Einzelnen möglich ist.

     Hiernach beantwortet sich die ganze Frage in folgenden Sätzen:

a)      der wirthschaftliche Erfolg, das Aufkommen und Gedeihen der Menschen in Nahrung und Erwerb hängt stets und mit Nothwendigkeit von dem Vorhandensein und der richtigen Anwendung derjenigen intellectuellen, sittlichen und körperlichen Eigenschaften und Fertigkeiten ab, welche in Beziehung zu dem gewählten Geschäftszweig stehen.

b)      Außerdem giebt es aber noch äußere, mehr oder weniger der Berechnung und der Macht der Menschen entrückte Umstände, welche möglicher Weise auch mit darauf Einfluß üben können.

c)      keiner dieser beiden Factoren bildet eine feste Größe, vielmehr bedingen sie sich gegenseitig und stehen im umgekehrten Verhältniß zu einander. Namentlich hat der Culturfortschritt des Menschengeschlechts im Ganzen, sowie die Zunahme der Bildung und geschäftlichen Tüchtigkeit bei den Einzelnen die stetige Tendenz, die Abhängigkeit von der Außenwelt immer mehr zu vermindern.

     Wir sehen hiernach: das erste in unserem eignen Thun und Wesen begründete Element übt in allen Fällen seinen Einfluß auf die Gestaltung unser wirthschaftlichen Existenz, das kann nicht anders sein. Das andere dagegen, in äußerlichen Einwirkungen wurzelnde kann ihn üben, und übt ihn wirklich in vielen Fällen, mehr oder weniger stark, in vielen aber auch nicht. Dasselbe verhält sich daher zum ersten wie die Möglichkeit zur Nothwendigkeit, und selbst da, wo es mit in Wirkung tritt, beherrscht es den Vorgang nicht, sondern modificirt ihn blos, vermag ihn wohl zu kreuzen, aber nicht zu regeln. Das erste, das entschieden überwiegende Element, ist es aber eben, aus welchem die ökonomische Verantwortlichkeit der Einzelnen abgeleitet wird, und damit fällt die ganze Ausführung L.’s in sich zusammen.

     Werfen wir noch einen Blick auf die Folgen, welche sich für das practische Leben aus der Lehre L.’s ergeben würden, so kann man sich dieselben kaum toll genug denken. Denn gingen die Dinge so, wozu denn ich aller Welt sich um Kenntnisse und Geschicklichkeit bemühen, wozu die unbequemen wirthschaftlichen Pflichten sich auflegen? Fleiß und Faulheit, Solidität und Liederlichkeit, Tüchtigkeit und Ungeschicklichkeit, Dummheit und Einsicht: das Alles sind ja dann ganz gleichgültige Dinge, auf die Nichts ankommt, die den Leuten ebensowenig nützen, wie schaden, wie es die Lassalle’schen Sendboten täglich predigen, indem sie über die Bildungsstrebungen, über das Sparen der Arbeiter spotten. Natürlich! Keiner hat die Verantwortlichkeit für seinen Nahrungsstand, Keiner also auch die Pflicht der Selbstsorge, dafür muß die Gesellschaft eintreten, d. h. alle Andern zusammen. Aber, mein Himmel, mit allen diesen Andern, welche die Gesellschaft ausmachen, steht es ja um kein Haar breit anders, die sind ja ebenfalls ihrerseits ein Jeder dieser Selbstsorge und Verantwortlichkeit enthoben, auf wem bleibt denn nun schließlich das Ganze sitzen, wer tritt denn nun eigentlich für den Andern ein? — Das ist doch eine verrückte Wirthschaft, und reizende Zustände, welche uns da in Aussicht ständen! Da rufen wir ja die unsinnigsten Ansprüche eines Jeden an einen Jeden hervor, und damit zugleich den Widerstand eines Jeden gegen einen Jeden. Es kann nicht fehlen: Mit Aufhebung der wirthschaftlichen Zurechnungsfähigkeit und Selbstsorge zerstören wir die Grundlagen der Gesellschaft und alles friedlichen Verkehrs, zerreißen alle Bande, welche die Menschen an einander knüpfen, und erklären den Krieg Aller gegen Alle, wörtlich, nicht figürlich genommen. L. hätte sich daher seine gelehrte Auseinandersetzung über den letzten bereits früher von mir gethanen Ausspruch ersparen können, da derselbe nur in dem Sinne, wie er sich seiner bedient, in der mißbräuchlichen Anwendung auf die freie Concurrenz, unter die Phrasen gehört.

     So bequem es daher auch den Anhängern L.’s erscheinen mag, die Selbstverantwortlichkeit auf das juristische, besonders das criminelle Gebiet zu beschränken, wir halten an ihr mit ihrer unzertrennbaren Wechselbeziehung zur menschlichen Freiheit und Würde, nicht blos in der ökonomischen, sondern auch in allen andern Lebensbeziehungen fest, wo Menschen handelnd Kraft und Willen bethätigen. Blicken wir z. B. in das Bereich der Sittlichkeit. Treffen nicht den Schaam- und Ehrlosen, auch wenn er der Justiz nicht verfällt, in der allgemeine Verachtung die Folgen seines Thuns und Lassens? Richtet die Gesellschaft nicht die Verletzung ihrer sittlichen Grundlagen ebenso wirksam, als es das Strafurtheil des Richters nur irgend vermöchte, durch Ausstoßung ihres Verächters, den wir gleich einem Verpesteten gemieden sehen? Und nicht anders ist es auf dem Felde der leiblichen und geistigen Gesundheit, wo es dem Menschen auch zumeist geht, wie er es treibt. Freilich können auch hier Zufälle eintreten, äußere Einflüsse sich geltend machen, bei denen von einer Schuld des Betroffenen nicht die Rede ist. Aber es würde dieselbe Verschrobenheit dazu gehören, wie zu dem Ausspruche L.’s in Bezug auf die wirthschaftliche Existenzfrage, deshalb im Allgemeinen die Verantwortlichkeit in solchen Dingen, den Einfluß des eignen Thuns und Lassens zu leugnen. Der Unmäßige in jeder Art des Genusses, wer sich groben Excessen wider die ersten Gesundheitsregeln hingiebt, die hauptsächlichen Lebensbedingungen verletzt, wer sich muthwillig in Gefahren begiebt, denen er nicht gewachsen ist — sie alle betrifft in Siechthum und frühem Tod die Folge ihrer Handlungsweise.

*) Vergleiche mein Werkchen: Kapitel zu einem deutschen Arbeiter-Katechismus. Sechs Vorträge vor dem Berliner Arbeiter-Verein. Leipzig, 1863 bei E. Keil. Seite 3 folgende.

*) Siehe Arbeiterkatechismus etc. Seite 6 folgende und Seite 77.

*) Herr Bastiat-Schulze S. 22 folgde. 25.

*) Bastiat-Schulze S. 28. Die Begründung dieses Ausspruchs durch den Satz: „daß die Summe der nicht wißbaren Umstände bei der Speculation jederzeit unendlich die der wißbaren übersteige“, giebt eine interessante Probe der Lassalle’schen Logik. Nach diesem Vordersatze, auf dessen Unrichtigkeit es dabei nicht ankommt, nimmt L. selbst das Vorhandensein wißbarer Umstände bei dem Calcul des Speculanten an, räumt ihnen also selbst einen, wenn auch im Verhältniß zu den wißbaren noch so kleinen Theil der Einwirkung ein. Der Schluß konnte daher nur auf die Geringfügigkeit der Mitwirkung dieses Factors hinauslaufen; statt dessen obige Behauptung, wonach die im Vordersatz anerkannte Mitwirkung nicht blos völlig annulirt, sondern in eine Gegenwirkung verwandelt wird! Durch das Hinzutreten der Beherrschung der wißbaren Umstände Seitens des Speculanten, die doch immerhin eine wenn auch noch so kleine Summe beim Anlaß des Exempels ausmachen, tritt kein Plus, sondern ein Minus ein!

*) Bastiat-Schulze S. 28. 29.

Dies ist ein Teil der Wiederveröffentlichung von Hermann Schulze-Delitzschs Buch “Die Abschaffung des geschäftlichen Risico durch Herrn Lassalle” aus dem Jahre 1866.

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