Deutscher Freisinn dreimal hoch!

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Prolog

zum

Stiftungs-Feste

des

Deutsch-Freisinnigen Vereins

zu Dresden

am 26. Januar 1893

von

G. W. C. Schmidt.

Gesprochen vom Verfasser.

Seid gegrüßt uns, seid willkommen,
Ihr, Mitglieder, Freunde, Gäste,
Die des Freisinns Ruf vernommen,
Seid gegrüßt zum Stiftungsfeste!
Unsern Gruß den schönen Damen,
Unsern Künstlern allzumal,
Allen, die von auswärts kamen:
Seid willkommen tausendmal!

Zwar, man schilt uns böse Geister,
— Mancher ist nicht hold uns heute; —
Haben gar zu strenge Meister,
Sind zu starre, böse Leute.
Doch, sind wir auch viel gehasset,
Viel gefürchtet sind wir auch,
Das Prinzip, in Erz gefasset!
Das Kartell? — nicht unser Brauch!

„Freiheit, Einheit. Wahrheit!“ klinget
Unser Wahlspruch durch die Lande;
Von der Alpen Gletscher dringet
Stolz er bis zum Ostseestrande.
Wohl! des Reiches Kaiser geben
Gern wir, was des Kaisers ist,
Doch dem Volke voll daneben,
Unbeschränkt, was Volksrecht ist.

Unser Vaterland zu schirmen,
Opfern gern wir Gut und Leben,
Haben, ehr’nen Wall zu türmen,
Milliarden hingegeben.
Jetzt gilt Halt! bei solchem Stande.
Patriot ist, wer erwägt,
Daß auch Opfer wird zur Schande,
Wenn’s die Volkskraft nicht erträgt.

Gern dem Staate zahl’n wir Steuern,
Die Gerechtigkeit gesetzet,
Doch des Armen Brot verteuern,
Gilt uns — Gleiches Recht! — verletzet.
Uns gilt jeder Glaube heilig,
Jeder Bürger ist uns wert
Jed’ Verketzern, unverzeihlich,
Hat nie freien Mann geehrt.

Feind sind wir den feilen Schmeichlern,
Feind den feigen Leisetretern,
Feind jedweden frommen Heuchlern,
Feind auch den Erfolganbetern
Freund sind wir den ganzen Männern,
Freund dem off’nen, graden Wort,
Freund den Toleranzbekennern,
Jedem Schwachen gern ein Hort.

Zwar sind heut’ die Zeiten trübe:
Ahlwardt scheint ein Gott geworden;
Münzen prägt man dem zu Liebe,
Der dreist log an allen Orten.
Lessings Mahnen scheint vergessen,
Nathans Gleichnis gilt nicht mehr.
Priester, Lehrer zieh’n vermessen
Im Verfolgungswahn umher.

Doch, ob wachsen die Gefahren,
— Mag man täglich dreist uns schmähen, —
Ob viel Tausend ihre Scharen:
Wahrheit kann doch nie vergehen!
Ob wir „ewig nur verneinen“,
Ob „reichsfeindlich“ man uns schilt,
Ob wir fürstenfeindlich scheinen:
Volkstreu sind wir, wo’s nur gilt.

Unsre Führer laßt uns ehren,
Bestgeschmäht in manchem Falle,
Trefflich in des Geistes Wehren,
Ganze Männer sind sie alle!
Preist mir hoch die freien Dichter!
— Sonst preist laut man manchen Zwerg —
Wir, wir feiern Eugen Richter,
Rickert, Träger, Stauffenberg!

Drum, nur hoch das Banner halten!
— Jedes Kind lag in der Wiege —
Mag Gewalt ob Recht selbst walten,
Einmal kommen wir zum Siege.
Auf des Winters kalte Tage
Folgt stets Frühlingssommerschein.
Schien auch Freiheit fast nur Sage,
Recht muß stets doch Recht uns sein.

So begrüßt, seid uns willkommen
Ihr, Mitglieder, Freunde, Gäste,
Die des Freisinns Ruf vernommen,
Heute uns zum Stiftungsfeste.
Fliehen schnell die frohen Stunden
Bleibt uns die Erinn’rung doch.
Bleibt dem Freisinn eng verbunden!
Deutscher Freisinn dreimal hoch!

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