Die geheime Agitation

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Berliner Wespen, 13. Dezember 1878

(Zur Benutzung für die Provinzial-Correspondenz.)

Nachdem der Minister des Innern Graf zu Eulenburg bereits die Motive der Verhängung des kleinen Belagerungszustandes für Berlin im Umrisse angegeben hat, liegt für uns kein Grund mehr vor, die grausigen Thatsachen zu verheimlichen, welche der Regierung das Bestehen einer weitverzweigten Verschwörung enthüllten und so zur Verhängung jener Maßregel geführt haben.

Vor etwa drei Wochen war es unserer stets wachsamen Polizei gelungen, einen Restaurations-Keller in der Reezengasse ausfindig zu machen, der dem Anschein nach einen der Hauptheerde der Umstürzler bildete. Man hatte sich nicht getäuscht: Als die Polizei den Keller betrat, war er vollständig leer. Auf den Tischen standen einige leere Seidel, am Buffet roch es nach Braten und Käse, neben dem Ofen lag eine gefleckte Katze, — Alles in Allem ein Bild der tiefsten Verschwörung. Nicht unwichtig erscheint es auch, eines Bildes Erwähnung zu thun, das dem Eingang vis-à-vis hing. Es stellte den Abraham dar, auf Isaac ein Attentat beabsichtigend. Noch ist zu constatiren, daß sich in der Lampe, die von der Decke herabhing, kein Petroleum befand, wahrscheinlich war es bereits fortgeschafft worden, um bei der muthmaßlich geplanten Einäscherung des Schlosses eine Rolle zu spielen. Das Complot lag am Tage, der Fund war gelungen.

Beim Heraustreten aus dem Keller bemerkte die Polizei einen Menschen, welcher langsam, als sei nichts vorgefallen, seines Weges ging und einen Regenschirm trug. Das war ungemein verdächtig, und in der That, als die Polizei an ihn herantrat, hatte jener die Frechheit, sich weder scheu an die Wand zu drücken, noch Reißaus zu nehmen. Der sofort untersuchte Regenschirm enthielt keinen Degen, der Mann war mithin so schlau gewesen, sich extra einen Schirm ohne Stoßwaffe verfertigen zu lassen. Da der Ergriffene sich außerdem noch auf’s Leugnen legte und versicherte, niemals mit der Socialdemokratie in Verbindung gestanden zu haben, so wurde dadurch der letzte Zweifel beseitigt, daß man es mit einem der Haupträdelsführer der geheimen Verschwörung zu thun habe.

Derlei Entdeckungen mußten selbstverständlich zu weiteren Nachforschungen in derselben Richtung anspornen. Wie sehr dieselben von Erfolg gekrönt waren, beweise der nachstehende Vorfall. In einer nicht näher zu bezeichnenden Nachtconditorei wurde ein Tintenfaß mit noch nicht ganz eingetrockneter Tinte, ein Federhalter mit wohlerhaltener Stahlfeder, daneben ein Stückchen hochrothes Löschpapier und eine defecte Scheere vorgefunden, — das ganze Rüstzeug eines geheimen socialistischen Zeitungsunternehmens. Wenn es auch nicht sofort gelang, die übrigen Bestandtheile desselben, als da sind: Redactionspersonal, Schriften, Schriftkasten, Druckmaschinen etc. zu entdecken, so kann doch nur der kurzsichtige Verstand an deren Existenz, die sich uns so deutlich manifestirt hat, zweifeln.

Angesichts solcher Gefahren mußte selbstverständlich erfolgen, was das Gesetz vorschreibt.

Hintergrund

Über Berlin ist unter dem Sozialistengesetz der „kleine Belagerungszustand“ verhängt worden. Die „Berliner Wespen“ helfen der offiziösen, heute würde man sagen: öffentlich-rechtlichen „Provinzial-Correspondenz“ bei der fadenscheinigen Begründung.

Zum Hintergrund ist bei Libera Media auch ein Buch mit den Reichstagsreden von Eugen Richter 1878 gegen das Sozialistengesetz erschienen. Neben einer ausführlichen Einleitung zum Hintergrund gibt es zahlreiche Erläuterungen zum Text und weiterführende Materialien. Da Buch ist erhältlich über Amazon (einfach auf das Bild klicken):

Richter SozGes klein 4

Siehe auch:

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