Stettenheim-Abend

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Neue Freie Presse, Wien, 5. November 1891

[Stettenheim-Abend.] Julius Stettenheim’s sechzigstes Geburtsfest ist gestern, am 2. November, wie man uns aus Berlin schreibt, von einer überaus großen Zahl von Freunden der heiteren Muse lustig und sinnig, vor Allem in einer des Humoristen würdigen Weise gefeiert worden. Ganz besonders gilt dies von dem am Abend im sogenannten Englischen Hause der Kochdynastie Huster stattgehabten Bankett, welches ein großes Comité von Schriftstellern veranstaltet hatte. Da folgte eine witzige, launige Ansprache der andern, man weiß nicht, welcher man den Preis ertheilen soll. Die Festrede an das Geburtstagskind hielt ein anderer berühmter Humorist Julius Stinde, ein Hamburger wie Stettenheim. Er redete seinen Duzfreund bald hochdeutsch, bald im traulichen Hamburger Platt an, bald führte er auf Messingsch das heißt in dem gespreizten von Fehlern wimmelnden Hochdeutsch des Spießbürgera ein Gespräch mit Hamburger Bürgern, welche sich ernstlich darüber aufhalten, daß Berlin ihnen ihren Landsmann streitig mache. Aber Stinde nimmt Stettenheim für alle Menschen in Anspruch, denen dieser einmal eine heitere Stunde bereitet, und wo wären solche nicht zu finden? Stettenheim antwortet gerührt nnd doch froh, lehnt aber bescheiden den Ehrentitel des Humoristen ab; sein Hoch gilt den Freundinnen und Freunden. AlbertTräger, der unübertreffliche Damen-Toaster, muß sich diesmal ein anderes Ziel suchen, und widmet der Familie des Jubilars seinen Trinkspruch besonders der Gattin und den zwei reizenden Töchtern. Die Mitglieder der Hofoper Herr Krolop und Fräulein Hiedler erfreuen die Csesellsclsaft durch Gesangsvorträge, dann ersrheint nach einigen schwer kalauernden Couplets Hermann’s plötzlich der leibhaftige Wippchen (Herr Guthery) auf der Bildfläche und trägt einen köstlichen Wippchenbrief (von Al. Moszkowski) vor, worin Stettenheim’s berühmtester Jünger uns berichtet, nicht nur wie heute an dem Jubilar der sechzigste Geburtstag „vollstreckt“ wird, sondern auch, wie es diesem vom Beginn seiner Laufbahn ergangen. Für gedächtnißschwache Zeitgenossen erzählt Wippcheii auch seine eigene Entstehungs-Geschichte. „Es war im Jahre 1878 um 9 Uhr, als Stettenheim auf die köstliche Idee verfiel, mich mit seinem Blatte zu verschmelzen Die Kriegsfurie hatte damals die grüne Fahne des Propheten entfesselt, und der russische General Gurko pflückte gerade mit den türkischen Generalen ein eiskaltes Hühnchen auf dem beschneiten Vulkan. In dieser Situation war ich der rechte Mann am rechten Orte. Ich wurde von Stettenheim nach Bernau geschickt, um dort die Belagerung von Plevna aus nächster Entfernung zu beobachten und jedes Gemetzel frisch von der Kuh der Redaction zu senden.“ Abgesehen von den gesprochenen Witzraketen, konnte man sich auch an der hübschen Festgabe, dem „Stettenheim-Jahrbuch“, erfreuen, einer drolligen Verspottung des „Goethe-Jahrbuches“, welche äußerst wichtige biographische Einzelheiten enthielt. Und über diese Tafelrunde blickte mit souveränem Lächeln eine improvisirte Stettenheim-Büste hinweg, welche Max Klein aus einer vorhandenen Schiller-Büste mit kecken Zuthaten zurechtgemacht hatte. So trugen die verschiedensten Kräfte dazu bei, den Schalk lustig und unvermerkt über die Schwelle des Alters zu geleiten. Ein Tanz beendete das schöne Fest.

Anmerkung

Ein kleiner Fehler im Text: Der „ownste“ Reporter „Wippchen“ erblickt schon am 4. Mai 1877 das Licht der „Berliner Wespen“. Wie man an dem Artikel sieht, erfreut er sich zusammen mit Julius Stettenheim großer Beliebtheit nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich.

Hinweis

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Wippchens%20Gedichte%20klein%202 Ein%20lustig%20Buch%20klein%202 Burlesken%20Klein%201

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