Sind Sie nun bald mit der Judenhetze fertig?

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Allgemeine Zeitung des Judenthums, 10. Dezember 1878

Berlin, 26. Nov. In der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses stand die Interpellation des ultramontanen Führers Abg. v. Schorlemer-Alst [Zentrumspartei] auf der Tagesordnung, welche dahin ging, ob die preuß. Regierung im Bundesrathe Anträge machen wolle auf Wiedereinführung von Zinsbeschränkungen, Strafbarkeit von Wuchergeschäften und Beschränkung der Wechselfähigkeit. Die Debatte hatte ihren normalen Verlauf. Der Interpellant begründete seine Anfrage, der Justizminister sprach sich dahin aus, daß diese Fragen erst einer gründlichen Prüfung bedürfen. Abg. Dr. Meyer (Breslau) [Nationalliberale] bezeichnet die Interpellation als den schärfsten Vorstoß der Reaction und wies nach, daß die Abschaffung der Wuchergesetze von dem hochconservativen Grafen zur Lippe eingeführt worden sei. Abg. Meyer-Arnswalde [Deutschkonservative] vertheidigt die Interpellation als einen Schutz der Schwachen gegen die Starken. Ausführlich zeigt Abg. Dr. Braun [Nationalliberale] die Unmöglichkeit, die von Interpellanten geforderten Beschränkungen wieder einzuführen, wogegen Abg. Reichensperger [Zentrumspartei] anderer Meinung ist. Scharf gegen die Interpellation geht der Abg. Windthorst-Bielefeld [Deutsche Fortschrittspartei, Neffe von Ludwig Windthorst, Führer der Zentrumspartei] ins Gericht. Gerade dieser Redner aber war es, welcher die Juden in diese Debatte hineinzog. Er bedauerte nämlich, daß der Justizminister keine bestimmte und zwar eine verneinende Antwort gegeben hätte, und fügt hinzu: „Dann wäre auch die provinciale Winkelpresse mit ihrem oft sogar durch Geistliche angestifteten heillosen Raisonnernent über jüdische Wucherer und Noth des Volkes einigermaßen verstummt.“ Damit war in das ultramontane Wespennest gestochen, da es allbekannt ist, wie sich die ultramontane und pietistische Presse den Vorwurf des Wuchers gegen die Juden als eines Hetzmittels in der übertreibendsten und lügnerischesten Weise bedient. Der ultramontane Abg. Schröder-Lippstadt [Zentrumspartei] nahm denn auch sofort das Wort: „Er sei dem Vorredner gar nicht dankbar, daß er das Element der Juden in die Debatte gezogen habe. Dies nöthige ihn, darüber auch zu sprechen, nicht als ob er gegen die Juden, namentlich als Confession losziehen wolle, daran denkt Niemand. Redner habe große Sympathien für die Juden allein mit dem Wucher habe man sie stets amalgamirt sogar bis zum Jahre 1866/67 in den Gesetzen, welche den Juden höhere Procentsätze zu nehmen gestatteten. Das jüdische Element ließe sich also hier nicht ganz und gar übersehen.“ Bekanntlich ist logischer Zusammenhang keine dem Abg, Schröder angehörige Eigenschaft, und nachdem er wider seine Absicht mehr gegen als für die Interpellation gesprochen, erinnerte er sich, daß er hinsichtlich der Juden, wohl nicht alles gesagt, und fällt mitten hinein mit der Bemerkung, „daß auch eine Reihe von Cabinetsordres früherer Zeit darauf gerichtet waren, den Juden den Wucher zu legen, obschon man ihnen gewisse Zinsprivilegien gegeben hatte. Dies war freilich ein Act der Gerechtigkeit, da man sie von anderen Dingen ausschloß. Nun im das Jahr 1812, welches den Juden gleiche Rechte gewährte. Dennoch aber wollten viele diese Rechte nicht haben, sondern die Wucherprivilegien behalten. Was man die Juden zwang durch Privilegien zu thun, nämlich zu wuchern, das ist ihnen nun Gewohnheit geworden und es wird vieler Geduld und vieler Zeit in Lande bedürfen, um sich von Vorurtheilen hier loszumachen. Allein das ist falsch, daß aller Wucher nur von Juden ausgeht. Es giebt leider nur zu viele christliche Wucherer. Wenn aber Herr Windthorst (Bielefeld) der Interpellation eine Tendenz des Herzens gegen Juden imputirt, so ist das stark.“ — Der Mann leugnet also, was nicht allein täglich in den ultramontanen Blättern zu lesen ist, sondern was er mit seinen eigenen Worten erweist. Indeß gerade Herr Schröder hat seine Zuhörer zu sehr daran gewöhnt, daß er stets immerfort in Widersprüche mit sich selbst verwickelt, als daß es diesmal besonders auffallen könnte. Die Sache hatte keine weitere Folge, denn die nachfolgenden Redner übergehen diesen Punkt, nur bei den persönlichen Bemerkungen stritten sich die Herren Windthorst-Bielefeld und Schröder-Lippstadt, der erstere leugnete, dem letzteren die Veranlassung zu seiner Expectoration gegeben zu haben, und dieser blieb bei seiner Behauptung. Jedenfalls stand der Abgeordnete für Lippstadt allein mit seiner Hetzrede, die merkwürdiger Weise sich immer selbst wieder abzuschwächen suchte. Bemerkenswerth ist, daß der Justizminister in einer zweiten Rede hervorhob, es sei bisjetzt weder bei der deutschen, noch bei der preuß. Regierung irgend eine Petition eingelaufen, welche die Wiedereinführung der sg. Wuchergesetze gefordert hätte. — Zu den Auslassungen des Herrn Schröder, die auch thatsächliche Unrichtigkeiten enthalten, brauchen wir wohl keine Bemerkung zu machen. Genug, ein Centrumsmann war es, war es ganz allein, der von dem Wucher der Juden sprach, nicht einmal von der deutsch-conservativen Seite unterstützt. In diesem Umstande finden wir ein ehrenvolles Zeugniß für die Juden. denn was blos ein ultramontaner Hetzer spricht, ist schon dadurch als unwahr bezeichnet.

Die Auslassungen des, sonst die Heiterkeit des Hauses meist hervorrufenden Centrummannes erregten dies Mal solche Entrüstung, daß wiederholt große Unruhe entstand und ein Mal der Abg. Dohre zur Tribüne heranlief und dem Redner laut zurief: Sind Sie nun bald mit der Judenhetze fertig?

Allgemeine Zeitung des Judenthums, 17. Dezember 1878

Berlin, 4. December. Die Auslassungen des Abg. Schröder-Lippstadt, des frommen Ultramontanen, dessen Spitzname ich hier aus guten Gründen nicht wiederholen mag, haben allgemeinen Unwillen erregt, da man sie einer preußischen Kammer für durchaus unwürdig erachtet. Beispielsweise führe ich hier an, wie sich die [nationalliberale] „Nationalzeitung“ darüber ausläßt. „Daß ein Mitglied des Centrums, Herr Schröder, bei dieser Gelegenheit eine Judenhetze in Scene setzte, kann nicht überraschen; ist es ja eine längst bekannte Thatsache, daß je religiöser, je „christlicher“ sich ein Blatt oder ein Verein geberdet, er um so gehässiger nach jener Richtung ist. Die Höhe ihrer Weltanschauung und Cultur kennzeichnen diese Elemente damit selbst und geben den sichersten Maßstab für ihre Bedeutung in unserer Entwickelung selbst an die Hand, Berlin glauben wir aber als den am meisten ungeeigneten Schauplatz für solche Vorstellungen bezeichnen zu können. Gerade auf diesem Berliner Boden haben die vom „Allerchristlichsten Könige“ verjagten Hugenotten, haben Böhmen und Wallonen, haben wegen ihres Glaubens und ihrer Gesinnung Verfolgte jeder Art sich zusammengefunden und man hat bei diesem Zusammenleben nie nach Stamm, Abkunft und Religion gefragt, sondern sich zu gemeinsamem Staatsthum verbunden. Vor hundert Jahren hat bereits Gotthold Ephraim Lessing hier gelebt — Herr Schröder-Lippstadt kommt für Berlin zu spät.“

Das Beste an der Sache ist, daß solche Dinge morgen vergessen sind, was wiederum beweist, daß sie in unsrer Zeit keine Wurzeln haben. Der Nachtheil fällt nur auf die Ultramontanen selbst zurück, da sie sich immer von Neuem als Rückläufer documentiren, deren Ziel das Mittelalter ist und die nur mit der Stirn gegen unsre Zeit stoßen, ohne sie durchbrechen zu können.

Der Abg· Windhorst (Meppen), bekanntlich Führer des Zentrums [und Onkel des fortschrittlichen Abgeordneten Windthorst-Bielefeld], hat bei dem preußischen Abgeordnetenhause einen Antrag auf Wiederherstellung der §§ 15, 16 und 18 der preußischen Verfassung eingebracht. Diese Paragraphen wurden im April 1875 aus der Verfassung gestrichen, da sie, welche die Selbstständigkeit der Kirchen und Religionsgenossenschaften, ihre bisherigen Rechte und Besitzthümer garantirten, mit den Maigesetzen in manchen Punkten im Widerspruch standen. Die A. Z. d. J. gab damals in Nr. 17 und 18 (1875) ihre Ansicht über diese Aufhebung vom allgemeinen und jüdischen Standpunkt ausführlich zu erkennen. Das Judenthum und die Juden waren bei dieser Aufhebung wenig interessirt, denn da sie keine Machtstellung dem Staate gegenüber beanspruchen, braucht sich der Staat ihrer nicht zu erwehren und ihnen nichts zu gewähren. Jetzt, nachdem das Austrittsgesetz erflossen, haben wir noch weniger Interesse daran. Offenbar will das Centrum durch die Wiederherstellung dieser Paragraphen sich und der Regierung den Weg bahnen, die Maigesetze zu beseitigen. Es wird sich zeigen, ob die Regierung sich dieser Wiederherstellung anschließt, oder entgegensetzt, um endlich zu erfahren, wohin die vielbesprochenen Verhandlungen mit Rom hinauslaufen. Auch kann man hieraus schließen, daß, weil jene Verhandlungen über die Köpfe des Centrums hinweg mit der Curie geführt werden, das Centrum theils Fühlung mit der Regierung erlangen, theils auch eine Rolle in den Verhandlungen spielen will. Was unsere Religionsgenossenschaft betrifft, so würde ihr durch die Wiederaufnahme dieser Paragraphen in die Verfassung weder etwas genützt noch geschadet werden. — Uebrigens bleibt es dem Centrum unvergessern daß es gegen das Socialistengesetz gestimmt hat, und soll dieses Votum bei dem Papste einen sehr unangenehmen Eindruck gemacht haben. — Zur Feier der Wiedergenesung unseres Kaisers und seines Einzuges in die Residenz [nach seiner Genesung von den Verletzungen des Attentats] wird am Samstag in fast allen Synagogen des Landes ein Dankgottesdienst stattfinden. Da hierfür keine obrigkeitliche Anordnung wie z. B. für die evangelische Kirche vorliegt, so hat diese freiwillige Bethätigung echt patriotischer Gefühle ihren besonderen Werth.

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