Die Assekuranz gegen das Risico (Hermann Schulze-Delitzsch: Die Abschaffung des geschäftlichen Risico durch Herrn Lassalle)

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II.

Die Assekuranz gegen das Risico.

Aber es kommt noch besser. Die unangenehme von mir aufgeworfene Frage: „wer das Risico bei den von ihm projectirten Productiv-Associationen der Arbeiter, in welche der ganze Gewerbebetrieb der Zukunft verlegt werden soll, zu tragen habe?“ war mit Aufhebung der ökonomischen Verantwortlichkeit nicht beseitigt. Vielmehr verlangte dieselbe um so mehr eine Beantwortung, als der Anspruch auf den Unternehmergewinn, welcher den Arbeitern in deren Productivassociationen, neben ihrem Arbeitslohn zugewendet werden soll, im engsten Zusammenhange damit steht. Gegen die uralten von mir hervorgehobenen Sätze: „Wer das Risico trägt, dem gebührt der Gewinn; wer Vermögen und Arbeit an ein Unternehmen setzt, mit Gefahr beides zu verlieren, wer die ungünstigen Chancen eines Geschäfts, die möglichen Verluste auf sich nimmt, dem müssen auch die günstigen Chancen, der erzielte Gewinn zu gut kommen *). Dies greift denn auch bei den auf Selbsthülfe gegründeten Associationen durch, wenn Risico und Gewinn gleichmäßig, bei den Arbeitern, als Unternehmern für eigene Rechnung zusammentreffen. Allein bekanntlich soll für die Associationen L.’s der Staat unter seiner Garantie die nöthigen Kapitalien schaffen. *). Während also die Mitglieder den Gewinn ziehen, bleibt das Risico dem Staate. Aus dieser Verlegenheit mußte L. einen Ausweg finden, da wir uns nun einmal noch in der jetzigen, nicht in seiner Zukunftswelt befinden; sehen wir zu, wie er dies anfängt.

     An wen hält sich der Staat — so lautet also das Problem — wenn solche Associationsgeschäfte zu Grunde gehn, wenn die in ihnen angelegten Kapitalien verloren werden, und er den Gläubigern in Folge der übernommenen Garantie aus öffentlichen Mitteln gerecht werden muß? — Von den associirten Arbeitern, welche die Inhaber dieser Geschäfte waren, kann er unmöglich Etwas erstattet erhalten, da er ja eben wegen deren völliger Mittellosigkeit, welche ihnen die kleinsten eignen Ersparnisse unmöglich machte, die Garantie übernehmen mußte, ohne welche ihnen Niemand Etwas geborgt haben würde — so sagt man uns wenigstens. Im Gegentheil, da die Leute durch den Ruin ihres Geschäftes brodlos geworden sind, muß ihnen der Staat noch dazu geben, anstatt von ihnen zu bekommen. Denn da das System L.’s die Abschaffung der Lohnarbeit durch Ermöglichung eigner Associationsetablissements zur Staatsaufgabe macht, da ferner darnach jede Gewerbsbranche an jedem Orte in eine einzige solche Association zusammengelegt werden soll **), so bleibt gar nichts übrig, als daß der Staat sofort die fallirte Association nochmals etablirt, den Mitgliedern derselben noch einmal unter seiner Garantie Geld und Credit schafft, um von vorn anzufangen, weil sie ehedem ja gar nicht wieder in Nahrungsstand kommen könnten. Und dies immer sofort, bis endlich alle Geschäfte in unerschütterlicher Blüthe stehen.

     Das Abentheuerliche dieses Plans wird nur von seiner ausnehmenden Lächerlichkeit übertroffen. Dieser Staat — wir deuteten schon im vorigen Abschnitt darauf hin — welcher an den „nothleidenden Klassen“, die sich ohne ihn nicht helfen können, solche finanziellen Wunderthaten verrichten, und über so ungeheure Mittel zu diesem Behufe verfügen muß, besteht nach L. lediglich aus denselben Personen, denen er beispringen soll, aus den „nothleidenden Klassen!“ *) — Ist dies, so frage ich, etwas Anderes, als eine neue geistreiche Version der berühmten Geschichte von dem Manne, welcher sich selbst an seinem eigenen Zopfe aus dem Sumpfe zieht?

     Indessen haben wir es hier mit dieser Seite der Sache nicht weiter zu thun und verweisen deshalb auf den Arbeiterkatechismus (Seite 155. 156.), wo man das Nähere darüber nachlesen mag. Aber soviel bleibt doch auch im besten Falle gewiß, daß diese Associationen dasjenige mit allen menschlichen Unternehmungen gemein haben, daß sie mißglücken, daß ihre Geschäfte durch Unglücksfälle oder Fehler der verschiedensten Art zu Grunde gerichtet werden können; daß also ein Risico hinsichtlich der ihnen angelegten Kapitalien vorhanden ist, an dessen Uebertragung irgendwie gedacht werden muß, um den Staat als Garanten doch einigermaßen zu sichern.

     Das hatte denn auch der große Organisator selbst gefühlt, und so gerieth er auf den Gedanken: daß ein Assecuranzverband die verschiedenen Vereine umfassen solle, welcher deren Geschäftsverluste durch ihre Vertheilung unter alle bis zur Unmerklichkeit ausgleiche. *)

     Lassalle kommt mehrmals auf diesen Vorschlag zurück, er hat die Unmöglichkeit einer solchen Assecuranz wirklich nicht begriffen, und doch stellt sich die Sache bei nur einigem Nachdenken so einfach dar! Man kann sich wohl gegen gewisse, vollkommen außer der eignen Verschuldung liegende Zufälle, wie Feuergefahr, Hagelschlag, Schiffbruch u. dergl. assecuriren, niemals aber gegen alle möglichen Mißerfolge im Leben und Geschäft im Allgemeinen und Ganzen. Die Gesammtheit aller möglichen Geschäftsverluste, gleichviel welchen Ursachen sie entspringen, ist nun eben das Risico, und sich dagegen versichern, heißt, sich gegen den Bankerott versichern. Es geht dies aber einfach um deshalb nicht, weil unter den verschiedenen Einflüssen, welche hierzu mitwirken können, die eigene Handlungsweise, die eignen intellectuellen, sittlichen und wirthschaftlichen Fehler und Mängel des Betroffenen, wie wir im vorigen Abschnitt zeigten, eine zu wichtige Rolle spielen. Dieselben lassen sich aber nur sehr schwer von den andern Ursachen scheiden und in Rechnung bringen, weil ihr Eingreifen in vielen Fällen mit dem, was der bloße Zufall dabei verschuldet, zusammenwirkt und sich nicht leicht auf eine meßbare Größe zurückführen läßt, so daß ein Urtheil darüber, eine Festsetzung im Streitfalle meistens nicht wohl gefunden werden könnte. Weil daher die Assecuranz Lassalle’s die Folgen verkehrten Thuns, geschäftlicher Untüchtigkeit und Unsolidität in ihrer Allgemeinheit nicht umfaßt, so ist sie wegen Antastung der ökonomischen und sittlichen Verantwortlichkeit, nicht blos verwerflich, sie ist auch finanziell undurchführbar. Jede Versicherungsanstalt, mag sie unmittelbar von den Betheiligten ausgehen oder ein Dritter — ein Einzelner, oder eine Gesellschaft — als Vermittler dazwischen treten, beruht ihrem letzten Grunde nach immer auf Gegenseitigkeit, auf Vertheilung des den Einzelnen durch gewisse Unglücksfälle erwachsenen Schadens unter Viele davon nicht Betroffene, und zwar in einer Weise, daß der Antheil eines Jeden ihn nicht irgend erheblich belastet. Die Fälle, gegen die man sich versichert, müssen im Verhältniß zur Menge der Versicherten selten, der dadurch verursachte Schade für die Gesammtheit gering erscheinen, soll die Versicherung durchführbar sein. Daher muß die Zahl der Versicherten die der Beschädigten, die Summe des versicherten Vermögens die des Schadensbetrags bei den vorkommenden Unglücksfällen sehr bedeutend übersteigen, wofür uns die üblichen Prämiensätze bei den einzelnen Versicherungsgesellschaften einen Maaßstab an die Hand geben. Wie wir schon gezeigt haben, schließt nun die Uebertragung sämmtlicher Geschäftsverluste, welche L. durch seinen Assecuranzvorschlag bezweckt, auch die durch gewagte Speculationen, verkehrte technische und kaufmännische Leitung, Verschwendung der Fonds, unsolide Bedienung der Kunden, leichsinniges Creditiren und dergl. mit ein. Auf solche Weise, durch Beseitigung der Gefahr einer solchen Geschäftsgebahrung durch den Ersatz der daher rührenden Verluste, würde sich aber die Zahl derselben in das Unberechenbare steigern, ja man würde dieselben geradezu herausfordern. Bedenke man doch hier nur; die Gefahr, die Jemand dadurch läuft, daß ihn der Schaden seines verkehrten und unsoliden Treibens selbst trifft, bildet ja das nothwendige Gegengewicht gegen Trägheit und Bequemlichkeit, wie gegen die Lockung enormer Geschäftsgewinne. Dieses Gegengewicht, als den natürlichen Regulator des Verkehrs, welcher den Unternehmergeist in den richtigen Schranken hält, durch die vorgeschlagene Assecuranz entfernen, wäre nichts Anderes, als die Untüchtigkeit und den Schwindel assecuriren! Jeder Sporn zur Vorsicht, zu gewissenhafter Erkundung aller bei den Geschäftsoperationen in Betracht kommenden Umstände, zu tüchtiger geschäftlicher Ausbildung fiele fort. Die gewagtesten Speculationen, Anlocken der Kunden durch unbegrenzten Credit u. a. m. griffen unaufhaltsam um sich; recht viele Geschäfte machen, um recht große Gewinne zu ziehen, würde das einzige Streben der Geschäftswelt, da ja dabei schlimmsten Falles Nichts verloren wird, denn man ist versichert! Die Verluste müßten sich reißend vermehren; was bisher die Ausnahme war, würde zur Regel, und die Prämien, die regelmäßigen Beiträge der Versicherten zur Deckung dieser ins Unendliche wachsenden Verlustsummen erreichten sehr bald selbst den Betrag erheblicher Verluste auch für die Wenigen, welche sich von dem schwindelhaften Wesen frei hielten, und überstiegen endlich auch deren Kräfte. Eine köstliche Assecuranz, welche schließlich diejenigen, welche sich bei ihr gegen den Bankerutt versichern, selbst bankerutt macht!

     Da der ganze menschliche Verkehr durch eine solche Einrichtung, welche natürlich mit der Aufhebung der wirthschaftlichen Zurechnungsfähigkeit Hand in Hand ginge, völlig zu demjenigen Hazardspiel herabsinken würde, welches wir im vorigen Abschnitt beleuchteten, bedarf keiner nochmaligen Ausführung. Wenn aber dies auch vollkommen der Lehre Lassalle’s entspricht, so ist doch die vorgeschlagene Assecuranz selbst von diesem Standpunkte aus das Tollste, was sich denken läßt! Eine Assecuranz auf Gegenseitigkeit unter den Betheiligten bei einem Glückspiel! Spieler, von denen Jeder nichts Anderes weiß und denkt, als vom Andern zu gewinnen, wo, wie L. dies selbst ausspricht, der Gewinn des Einen durch den Verlust des Andern nothwendig bedingt ist, sollen gegenseitig die Unglücksfälle bei diesem Spiel unter einander übertragen, mit andern Worten, das ganze Spiel dadurch wieder aufheben! Die Albernheit und Unausführbarkeit einer solchen Assecuranz ist klar, indem dadurch alle Voraussetzungen des Versicherungswesens überhaupt über den Haufen gestoßen werden. Denn anstatt die Unfälle, gegen welche man sich schützen will, zu beschränken, vermehrt man sie ja, man ruft eine Menge davon erst hervor, welche ohnedem nie eingetreten wären, so daß von Vertheilung eines verhältnißmäßig geringen Schadenbetrages unter Viele davon nicht Betroffene — worauf die Möglichkeit der Versicherung beruht — nicht mehr die Rede sein kann. Zugleich verschiebt man die Verantwortlichkeit der Betheiligten in der tollsten Weise, und bürdert den tüchtigen und soliden Geschäftsleuten die Verluste auf, welche Andere durch Mangel an Einsicht, durch Leichtsinn und Verkehrtheiten aller Art verschulden. Man unterstützt also diese Letztern recht geflissentlich in einem solchen Gebahren auf Unkosten der Ersteren, und erreicht so den beneidenswerten Zustand: daß sich die Leute um so besser befinden, je schlechter sie ihr Gewerbe verstehn und betreiben! Das wäre so ein Stück des Weges zu der vielgepriesenen Gleichheit Lassalle’s, zu der Hülfe für Alle ohne Ausnahme, für den ganzen Arbeiterstand, gleichviel wie sich die Einzelnen selbst dabei verhalten, wo sich Niemand besonders anzustrengen oder zusammennehmen braucht: daß nämlich Alle ohne Ausnahme im Nahrungs- und Wohlstande gleichmäßig zurück kämen. Denn wenn man die Tüchtigen und Untüchtigen, die Fleißigen und Faulen u. s. w. in dem Lohn für ihre Leistungen, in dem was sie von ihrer Thätigkeit haben, auf die gleiche Stufe setzt, so bringt man sie sehr bald auf eine gleiche Stufe in ihren Leistungen *). Dadurch aber käme das ganze Wirthschaftsleben der Nation zurück, und die vorgeschlagene Assecuranz wäre daher nichts weiter als die Versicherung des öffentlichen Ruins.

     Das zutreffendste Beispiel, wie sich die Dinge dabei im Einzelnen gestalten müßten, bleibt wohl das von mir L. schon früher Vorgehaltene, auf welches er die Antwort weislich vermieden hat **). Eine Anzahl junger Leute, die sich zum Staatsdienst vorbereiten, und beim Eintritt ein Examen zu bestehen haben, assecuriren sich gegenseitig für den Fall, daß sie die Prüfung nicht bestehn und der Anstellung verlustig gehn, mit der Wirkung: daß der Durchgefallene von der Gesellschaft diejenige Rente für seine Lebenszeit gezahlt erhält, welche beim gewöhnlichen Avancement der durchschnittlichen Beamtenbesoldung gleichkäme. Was anderes würde dadurch bewirkt werden, als daß Viele von den Versicherten, der Sorge um die Existenz ledig, ihren Studien sicher nicht gehörig nachgingen, und daß die Zahl der durch das Examen Durchfallenden anstatt wie bisher etwa 5-10 Procent, künftig vielleicht 50-60 Prozent betragen würde. Die weitere Folge hiervon aber wäre der Bankerutt der Gesellschaft, da die immer mehr verminderte Zahl der in der Prüfung Bestandenen die immer wachsende der Durchfallenden auf die Länge unmöglich aus ihrem Einkommen übertragen könnte, ohne selbst völlig zu Grunde zu gehn.

     Es ist nur gut, daß sich aller solcher Unsinn wohl am Studiertisch aushecken, aber niemals in practischen Gestaltungen verwirklichen läßt. Die Theilnehmer der projectirten Versicherungsgesellschaft wären zu bedauern.

*) Bastiat-Schulze S. 218. Darin, daß nicht blos das Kapital, sondern auch die Arbeit des Unternehmers verloren werden, wenn das Geschäft schlecht geht, folgt das Unrichtige der Bezeichnung des Geschäftsgewinns als bloßen Kapitalprofits, da derselbe vielmehr das Aequivalent für Kapital und Arbeit bildet, die der Unternehmer gleichmäßig dabei einsetzt.

*) Vergl. Offenes Antwortschreiben an das Centralcomité zur Berufung eines deutschen Arbeitercongresses in Leipzig von F. Lassalle. Zürich bei Meyer u. Zeller 1863. S. 23. 27-29. Note S.36.

**) Vergl. Bastiat-Schulze S. 217.

*) Vergl. Offenes Antwortschreiben etc. S. 30. 31, wonach die nothleidenden Klassen 89-96 1/4 Prozent der Bevölkerung in Preußen ausmachen, und L. wörtlich sagt: „Ihnen, den nothleidenden Klassen, gehört der Staat, denn aus Ihnen besteht er! Was ist der Staat? Ihre, der ärmsten Klassen große Association!“ und Seite 36, wo die Staatshülfe deßhalb als Selbsthülfe proclamirt wird.

*) Offenes Antwortschreiben S. 28. Note. Bastiat-Schulze S. 218. Interessant ist, wie Lassalle an der letztern Stelle seine Assecuranz dadurch „practischer“ zu machen sucht, daß nur die zu demselben Gewerbezweig gehörigen Associationen im ganzen Lande in die gegenseitige Assecuranz treten sollen. Gerade die gleichartigen Geschäfte werden bei gewissen Conjuncturen — man nehme z. B. die Baumwollennoth der letzten Jahre — auch gleichmäßig betroffen und werden nicht selten sämmtlich und gleichzeitig Verluste erleiden, und solche daher am wenigsten gegenseitig übertragen können.

*) Arbeiterkatechismus Seite 89.

**) Arbeiter­kate­chismus Seite 163. Note.

Dies ist ein Teil der Wiederveröffentlichung von Hermann Schulze-Delitzschs Buch “Die Abschaffung des geschäftlichen Risico durch Herrn Lassalle” aus dem Jahre 1866.

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