Ein Tag aus dem Nabobleben

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von Julius Stettenheim, 1900

Im Lichte des „Vorwärts“ biographiert.

Ich wachte ungewöhnlich früh auf. In meiner Wohnung verkündeten fünfzehn Uhren die neunte Morgenstunde, und ich konnte nicht wieder einschlafen. Ich berührte also die elektrische Klingel, um dem herbeistürzenden Diener anzudeuten, daß ich das Frühstück erwarte. So hatte ich schon gleich nach dem Erwachen zu arbeiten.

Mit Schaudern erinnerte ich mich beim Frühstück eines Traums, den ich in der Nacht gehabt. Ich warf einen Blick in die Lehmhütte des Tagelöhners in Schillers „Räuber“, der elf lebendige Kinder hatte und dessen Frau eben das Dutzend voll kriegen sollte, und obenein hatte sich der Räuber Moor, der ihn zum vermögenden Mann machen wollte, im letzten Moment anders besonnen. Ich sah das Elend in dieser Tagelöhnerfamilie Es fehlte ihr das Notwendigste: das Klavier, der persische Teppich, der Rennstall, die Orangerie, das Delfter Porzellan, das Telephon, der Kakadu, kurz, alle Kleinigkeiten, ohne welche man bekanntlich nicht leben kann, und ich fragte mich, weshalb ein Mann wie dieser Arbeiter so viele Kinder habe. Mir war’s, als sagte er, er erwarte Moor. Das kann natürlich auch das englische more, also mehr heißen. Da sollte doch der Staat auftreten und solchen Leuten nach dem Erscheinen des oder der Erstgeborenen befehlen: „Es giebt keine Kinder mehr!“ Ich glaube, eine Kindersteuer würde Wunder thun. Ich schrie „Miquel!“ und erwachte.

Ich war nach dem Frühstück müde. Ich schlafe zu rasch, und das strengt mich immer sehr an. Woher soll ich da die Kraft nehmen, die wirtschaftlich Schwachen auszubeuten? Es wird heute kaum möglich sein. Ich werde es aber versuchen. Man hört über die Ausbeutung der wirtschaftlich Schwachen die merkwürdigsten Urteile, namentlich erklären es die Laien für barbarisch und unerlaubt. Aber wenn sie einen Begriff davon hätten, wie schwer es ist, so würden sie milder urteilen. Es ist eben ein Übelstand in der Jetztzeit, daß jeder über Dinge spricht, die er nicht versteht. Ja, unsere Zeit steht im Zeichen des Verkehrten.

Vor Tisch wälzte ich mich in den Thränen der Witwen und Waisen. Das war mir immer eine angenehme körperliche Bewegung. Es giebt Leute, die das Radeln, das Hanteln, das Turnen, oder das Reiten vorziehen und als anständiger empfehlen, doch das ist und bleibt Geschmacksache, ganz abgesehen davon, daß ich nicht immer ein Rad, ein Hantelpaar, ein Reck oder ein Pferd bei der Hand habe, daß mir dagegen Witwen- und Waisenthränen fortwährend zur Verfügung sind. Und wozu wären sie da, wenn sie nicht benutzt würden?

Dann begab ich mich zur Tafel, die sich unter der Last der seltensten Delikatessen bog. Zur besonderen Würze gereichte diesen die Betrachtung daß, während ich sie kostete, der Arbeiter kaum trockenes Brot hatte und für das, was mein Braten kostete, zehn Schullehrer mit ihren Familien eine kleine Erholungsreise hätten machen können. Daß ich, statt zu essen, schwelgte, praßte und schlemmte, braucht wohl nicht besonders betont zu werden.

Zwei Nachmittagstunden brachte ich dann damit zu, die Notlage mehrerer Hausindustrieen durch unlauteren Wettbewerb bis zur Unerträglichkeit zu vergrößern und den Mittelstand zu vernichten Die dadurch entstehenden herzzerreißenden Klagen waren dann Musik in meinen Ohren, die mich in den Schlaf wiegte. Nachdem dieser mich ein Stündchen lang erquickt hatte, erhob ich mich wieder aus der Sofaecke und machte zu den gewöhnlichen Raubzügen des Wüstlings Toilette. Meine Opfer waren natürlich wieder hilflose und verzweifelnde Töchter ehrlicher Handwerker, junge tugendhafte Mädchen, die für gewissenlose Ladeninhaber gegen Hungerlöhne arbeiten. Nicht ausgeschlossen waren arme Witwen, welche eine große Familie kümmerlich zu erhalten haben.

Hierauf setzte ich mich wieder zur Arbeit. Zu keiner mühelosen oder gar angenehmen. Im Gegenteil. Oder ist es etwa eine erfreuliche oder erquickende Arbeit, Mieten zu steigern? Denn man steigert doch meist nicht hoch genug. Ich wenigstens habe in meiner Eigenschaft als Gemüt diese Schwäche. Ich halte es auch für unklug, gleich um 200 Mk. per Quartal zu steigern. Steigert man zwei Mal um 100, so, ist dies dasselbe, und der dumme Mieter wird so besser allmählich an das Unerschwingliche gewöhnt. Er kommt zwar regelmäßig gerannt und schwört, er könne nicht mehr Miete aufbringen, als er bereits zahle. Immer dieselben Redensarten! Ich höre sie an, so lange es mir gefällt, dann gebe ich meinem Diener den Auftrag, keinen dieser Querulanten wieder vorzulassen.

Doch — ich schweife ab. Ich will nur noch notieren, daß ich dann fast eine halbe Stunde meiner kostbaren Zeit damit ausfüllen mußte, das Brot und andere Lebensmittel der Ärmsten zu verteuern. Eine solche Spekulation kann ja schiefgehen und Geld kosten statt einzubringen. Aber ich bin vorsichtig, und wenn sie gelingt, bin ich ungefähr so viele Thaler reicher, als Seufzer von den Proletariern über die Teuerung ausgestoßen werden.

Den Abend kürzte ich mir etwas im Ballet und durch seichte Plauderei in den Logen mit Tagedieben, Protzen, jungen Greifen und satten Lebemännern und beschloß ihn dann in einem unserer kostspieligsten Restaurants bei einem lukullischen Mahl, dessen Preis fast den tausendsten Teil eines Börsengewinns verschlang, den ich nach der Mitteilung meines Bankiers am Mittag eingesackt hatte.

Dann schlief ich mit den Worten ein: „Morgen wieder lustik!“

Erläuterungen

  • Nabob – sehr reicher Mensch (von Arabisch Na’ib, Statthalter, über Bengalisch Nabab)
  • „Miquel!“ – Johannes von Miquel (1828-1901), preußischer Finanzminister
  • „Ja, unsere Zeit steht im Zeichen des Verkehrten.“ – Anspielung auf das Wort Kaiser Wilhelms II. von 1891: “Die Welt am Ende des 19. Jahrhunderts steht unter dem Zeichen des Verkehrs.“
  • „Morgen wieder lustik!“ – Ausruf von Jérôme Bonaparte, Bruder von Napoleon und König von Westphalen, nach Feiern in Kassel, der Residenz des Königreichs.

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Siehe auch:

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